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3.7.2011 von dragonX6.
Es war eine Überraschung: niemand hatte mit der Ernennung des Kölner Weihbischofs Rainer Maria Woelki (54) zum Hauptstadtbischof gerechnet.

Der Köln-Mühlheimer mit Wurzeln im deutschen Osten – die Eltern sind Heimatvertriebene aus dem ostpreußischen Ermland – wuchs in der quasi kircheneigenen Siedlung „Bruder Klaus“ auf. Die Pfarrei trägt denselben Namen. Sie war Mutterboden einer Reihe geistlicher Berufungen, schon zu früheren Zeiten eine Wagenburg Gottes. Wenn man von dort heute zum Rhein fährt, durchquert man nahezu geschlossene türkische Wohngebiete; über 50% der Mühlheimer Zuwanderer stammen aus Anatolien. Keine Spur also vom ehemals „hillije Kölle“, selbst wenn man es nur auf der „schäl Sick“ betrachtet. Weihbischof Woelki sollte es bemerkt haben.
Dieses gestrige Köln hat sich allerdings an der Burgmauer, einem idyllischen Refugium für kirchliches Spitzenpersonal in Domnähe, erhalten. Dort wohnt Weihbischof Woelki derzeit.
Von den 25 Jahren seines priesterlichen Dienstes war Woelki fünf Jahre in der Seelsorge tätig, vor allem in der Neusser Pfarrei St. Marien, einem Bollwerk des rheinisch-katholischen Establishment. Der anschließende, nur wenige Monate dauernde Dienst in der Militärseelsorge wurde, wie zu hören war, wohl als priesterlich wenig sinnstiftend erlebt. Er blieb darum, wie auch der früher abgeleistete Wehrdienst als Panzerartillerist, eher eine biografische Fußnote.
Die vergangenen 20 Jahre verbrachte der Mühlheimer Priester in typischen Karriereverwendungen: Sekretär des Kardinals, Konviktsdirektor, Weihbischof. Die theologische Promotion an der römischen Opus-Dei-Universität vom Heiligen Kreuz dürfte weitere Möglichkeiten zur Klärung von Kirchen- und Weltbild geboten haben. Insgesamt gesehen verläuft der Lebensweg eines katholischen Klerikers, der Gemeindepfarrer sein möchte, anders.
Woelki ist sich der unterschiedlichsten Kulturbrüche in der Weitergabe des Glaubens bewusst:
„Wir kommen jetzt immer mehr in eine Situation, die evangeliumsgemäß ist. Es wird deutlich, dass es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, als Christ zu leben. Wir stehen vor der großen Herausforderung, das Evangelium neu auszusäen.“
Er setzt auf kleine Gemeinschaften des Glaubens, die aus tiefer Christus- und Gottesfreundschaft heraus Gemeinde neu bilden sollen. Woelkis bischöfliches Motto lautet daher konsequenterweise: „Nos sumus testes“ („Wir sind Zeugen“).
In freundlicher Weise macht ihn die Presse quasi zur Begrüßung auf den hohen Grad der „Säkularisierung“ Berlins aufmerksam. Sie sei eine „große Herausforderung“ für den neuen Erzbischof.
In einem im vergangenen Jahr geführten Interview, wie die Kirche im Jahre 2035 aussehen werde, meinte Woelki:
„Wir werden dann ein ganz entschiedenes Christentum leben. Das, was jetzt noch Fassade ist, wird dann weggebrochen sein. Wir werden ein Entscheidungschristentum in Deutschland haben. Die Kirche wird sich auf das Wesentliche zurückführen lassen müssen. Das ist ein großer Prozess, den der Herr schon jetzt begonnen hat einzuleiten. Ich bin davon überzeugt, dass es Gemeinschaften des Glaubens geben wird, die aus einer tiefen Christus- und Gottesfreundschaft heraus den gemeindlichen Alltag und den Lebensalltag der Menschen gestalten. So werden wir auch eine neue Attraktivität für all diejenigen bekommen, die nach Sinn, Halt und Ordnung suchen.“
Erst vor Ort wird der neue Erzbischof sich Vorstellungen machen können, was jetzt auf ihn zukommt.
Er wird eine (katholische) Kirche vorfinden, die unter seinem Vorgänger aus dem Geist der weiland DDR-Pastoral geleitet, besser: verwaltet wurde. Die Mitgliederzahlen blieben nur dank der Zuzüge aus dem Bundesgebiet stabil. Missionarische Potenz hatte und hat diese Erzdiözese nicht. Der Staatssozialismus hatte der unpolitischen katholischen Minderheit, besonders ihrem Klerus, eine Überlebensgarantie in der Wagenburg (westdeutsch: hinter der Burgmauer) gesichert. Seit 1990 lebt man geistig und geistlich von dieser Substanz und westdeutschen Kirchensteuermitteln.
Berlin, vor allem sein Osten, ist nicht „säkularisiert“ , sondern weithin religionsfrei – chemisch rein. Da hilft kein „Aussäen des Glaubens“ mehr, wie bisherige Versuche zeigen. Zudem will selbst die hauptstädtische Christenpartei sich zu einer „modernen Großstadtpartei“ mit ihren vielfältigen Lebensformen mausern. (Als ob es mit den GRÜNEN eine solche Partei nicht schon längst gäbe.) Insgesamt herrscht ein Geist der Toleranz, der vor den Katholiken halt macht. Das zeigte mit aller Klarheit die Volksabstimmung über den Religionsunterricht. Beide Kirchen samt CDU erlebten ein Debakel. Die Humanistische Union mit Bündnispartnern setzen in Berlin den christlichen Kirchen und ihrem Einfluss Grenzen.
Und schließlich die Ökumene, die der (Ost-Berliner) katholische Bundestagsvizepräsiden Wolfgang Thierse über die Presse vom neuen Erzbischof gebieterisch einfordert: „Ich wünsche mir, dass er sich auf die Stadt einlässt und dass er bereit ist, mit den Christen beider Konfessionen in diesem Bistum zu kommunizieren“(Sic!). Der Abstand zur Grünen-Bürgermeisterkandidatin und Mitglied im Beirat der Humanistischen Union Renate Künast ist da gar nicht so groß:
Sie hofft, „dass Woelki wie sein Vorgänger die Vielfalt und Buntheit Berlins wahrnehmen, anerkennen und dessen beeindruckendes humanitäres Engagement fortsetzen möge.“ Der evangelische Landesbischof Dröge meint:
„Wir sind Zeugen« eröffnet in einem pluralen und multireligiösen Umfeld neue Perspektiven. Wir haben in unserer Region viele positive Erfahrungen mit dem gemeinsamen ökumenischen Zeugnis gemacht. Gemeinden vieler unterschiedlicher Konfessionen und Sprachen befinden sich in einem regen Austausch.“
„Buntheit wahrnehmen und anerkennen“. Kann man dieser Grundforderung entsprechen, ohne die christliche, katholische Identität zu verlieren? Wer dächte da nicht unwillkürlich an die berühmte Areopag-Rede des hl. Paulus (Apg 17, 16-34). Ihr Facit waren Spott und Desinteresse des Publikums am Ende der seinerzeitigen Talk-Show.
Am Beispiel Berlins dürfte sich bestätigen, dass eine vordergründige „Areopag-Methode“ von falschen Voraussetzungen ausgeht. Ähnliches gilt von dem Versuch, Neuevangelisierung und Areopag-Predigt kurzschlüssig miteinander zu verbinden.
In Berlin heute und morgen authentisch katholisches Christsein zu leben, verlangt zuerst neue Fragen an die Welt, in der wir leben. Und neues Verstehen, neue Erkenntnisse. Es genügt nicht - man verzeihe die militärische Sprache - aus vermessenen Stellungen, nach alten Koordinaten auf unbekannte Ziele zu feuern. Katholiken in Berlin müssen es neu lernen, Wagenburgen und Burgmauern hinter sich zu lassen und sich an die Front des Lebens zu begeben. Das verlangt allerdings eine Führung, die vorangeht.
Auf den neuen Erzbischof und die Seinen kommen keine leichten Zeiten zu.
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31.1.2011 von dragonX6.
Der Geist der „Bonner Republik“ lebte von Männern wie den Gebrüdern Wirmer. Die Neu-Berliner Republik hat den Namen, trotz Gedenkschild, längst vergessen. Das neue Berlin will insofern wohl auch kaum daran erinnert werden, als es mit den Antifa-mäßig aufpolierten Legenden der NS-Haupstadt-Epoche schwer zusammenpasst, dass Berliner Bürger von außerhalb zum Kern des tatsächlichen Widerstandes gehören.
Beide Brüder – aus Westfalen stammend, katholisch, korporiert (KV) – wurden Juristen. Dabei schien der ältere, Josef, mehr Glück zu haben.

Zu jung, um dem Ersten Weltkrieg ausgeliefert zu werden, alt genug, um die berufliche Karriere rechtzeitig vor der „Machtergreifung“ begonnen zu haben. Kein Klerikaler, kein (Krypto-) Monarchist. Josef Wirmer gehörte zu denen, die sich zu Weimar bekannten und darum ein Zusammengehen von (katholischem) Zentrum und Sozialdemokratie forderten und unterstützten. Er wusste, wie Politik „geht“. Und er ließ sich den Blick nicht trüben, was den NS anbelangt – ganz im Gegensatz zu den politischen Prälaten und nicht wenigen Bischöfen, vielleicht ein Stück weit auch der Vatikan. Josef war darum schnell der „Rote Wirmer“.
Wirmer muss klug, geschickt und unprätentiös gewesen sein, sonst hätte er seine zentrale Rolle zwischen Goerdeler und den Gewerkschaften nicht bis zum 20. Juli so effektiv spielen können. Er war – natürlich – prinzipienfest und mutig. Im Gegensatz zu manchem Widerstandskämpfer von Stand und/oder in Uniform ließ er sich vom Preußentum seiner Gegenwart, mit dem sich auch die Nationalsozialisten zu tarnen suchten, nicht beeindrucken. Er war war Bürger, zivil,

im besten Sinne des Wortes. Wie kaum ein anderer widerstand er dem Satan, Roland Freisler, in´s Angesicht und starb wie ein Mann. Als gläubiger Katholik wusste er, dass vor dem Antlitz Gottes schmählicher Tod und völliges Scheitern nicht das letzte Wort haben. Nur solches Wissen will erlitten sein.
Der jüngere Bruder Ernst Wirmer wurde aus politischen Gründen nach dem Gr. Staatsexamen zu keiner jurristischen Laufbahn zugelassen. So rettete
er sich quasi mit Aushilfstätigkeiten über die NS-Zeit, incl. als Leutnant der Kraftfahrtruppe. Nach der Verhaftung des Bruders in Sippenhaft genommen, lernte er die dort ebenfalls präsente Generalität durchweg von ihrer schlechtesten Seite kennen: Ignoranz und Arroganz waren ungebrochen. Wirmer sollte das nicht vergessen.
Ernst Wirmer wurde zum shooting star bürokratischer Karriere des westlichen Nachkriegsdeutschland. Als

ehemaliger persönlicher Referent Konrad Adenauers konnte er es sich leisten, in der zweiten Reihe zu stehen. Im Amt Blank war er der Mann des „Alten“ und wurde zur Verkörperung „zivilen Geistes gegen grasende Generäle“. Wirmer setzte als Vater des Art. 87b GG die Trennung von Streitkräften und Wehrverwaltung durch. Begründet mit der „Entlastung der Truppe“, gemeint und strategisch durchdekliniert als ziviler Gegenpol und Kontrollinstanz der militärischen Führung. Ernst Wirmer musste darum viele Feinde haben; seine Art des Umgangs mit Untergebenen (und Vorgsetzten) trug das Ihre dazu bei, dass ihm höchste Führungsebenen verschlossen blieben.
Als (noch) Weimarer Juristen glaubten die Gebrüder Wirmer an den preußischen Verwaltungsstaat, die Verklammerung von Verwaltung und Recht. So war denn auch die Bezeichnung der von Ernst Wirmer geleiteten Abteilung im Verteidigungsministerium. Sie stand für die neue Bundeswehr nicht weniger , wenn auch nicht in solch strahlendem Glanz, als das Konzept „Innerer Führung“ der Militärs. Diese Klammer ist organisatorisch längst aufgelöst; es hat den Anschein, dass die verbliebene Rechtsabteilung jetzt auf ein Justitiariat der Leitung reduziert wird. Die Berliner Republik wäre damit wieder im falschen Weimar angekommen.
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