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Archiv der Kategorie Militärseelsorge

Der KOMPASS – in aller Munde!

Endlich – ganz Deutschland, zumindest die Unions-Christen – spricht von IHM, dem KOMPASS. Mein erster Gedanke: herzlichen Glückwunsch, liebe KOMPASS-Redaktion –(Soldat in Welt und Kirche) - die Monatszeitschrift der Katholischen Militärseelsorge.

Auslöser war die Grundsatzrede der CDU-Bundesvorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Parteitag in Leipzig. 15 mal wurde der KOMPASS beschworen: als „festes Wertefundament“, als „Halt und Orientierung“, als „unabänderlich“, Inbegriff der „Grundwerte“ (mit seiner Hilfe „dienen.wir deutschland“ – eine Nation freiwilliger Wehrfreude. Glückwunsch, Lothar de Maiziere!).

Der Kompass „ist unveränderlich“, während die Zeiten sich verändern. Er – das „Wertefundament“ – bleibt. Er ist ein „fester KOMPASS“, ohne „dogmatisches Ideologieverständnis“ (Einheitssozialisten und Katholiken in einem Streich niedergemacht – unser KOMPASS!).

  

 Und schließlich besteht der KOMPASS in „unserem christlichen Menschenbild“ und manifestiert sich in den „Erfolgen der Vergangenheit“.

Kurz: der Weg ist das Ziel!

Bisher waren wir der Meinung, der Kompass sei ein schlichtes Instrument, um Ziele anzupeilen und damit zu helfen, Werte zu verwirklichen. Die Zeiten haben sich wohl geändert. Beim angerufenen KOMPASS handelt es sich offensichtlich um einen Kreiselkompass, dem zwar keine magnetischen Missweisungen unterlaufen, der aber bei schnellen Eigenbewegungen völlig versagt.

Also war doch nicht das Militär-Bistumsblatt gemeint. Gar nicht schlimm! Dem KOMPASS von Josef König und Mitstreitern ist zu wünschen, dass sie im Interesse von Soldat in Welt und Kirche festen Boden unter den Füßen behalten.

KOMPASS-Redaktion (v.r.: Josef König, Jörg Volpers, Barbara Ogrinz) (Foto:KMBA/Eggen)

Warschau: Gemeinsames Totengedenken in Militär-Kathedrale

Warschau/Berlin, 14.11.2011: Zum zweiten Mal fand auf Einladung des polnischen Militärordinariats in der Kathedrale des katholischen Feldbischofs ein ökumenisches Totengedenken statt. An dem Gottesdienst nahmen neben dem deutschen Botschafter Rüdiger Freiherr von Fritsch, einem Unterstaatssekretär des polnischen Verteidigungsministeriums, polnischen Militärgeistlichen beider Konfessionen, Soldaten der polnischen Streitkräfte sowie der Bundeswehr katholische Gläubige der Hauptstadt teil.

  

Die Kranzniederlegung, fand – wie das Militärordinariat in einer Pressemeldung mitteilte – in der Luftwaffenkapelle der Basilika statt, in der auch der im April 2010 zusammen mit Staatspräsident Lech Kaczynski tödlich verunglückte polnische Feldbischof Tadeusz Ploski bestattet ist. Ploski hatte sich sehr um die Beziehungen zwischen der polnischen und der deutschen Militärseelsorge verdient gemacht.

Das Gedenken galt ausdrücklich den gefallenen deutschen und polnischen Soldaten beider Weltkriege (in denen hunderttausende Polen auch auf deutscher Seite gekämpft hatten) sowie den Gefallenen beider Länder in Afghanistan.

    

  Erklärungsbedürftig erschien, wie aus dem Text des Militärordinariats hervorgeht, der besondere Charakter des deutschen „Volkstrauertages“ („Dzien Żałoby Narodowej“),  für den es in Polen keine direkte Entsprechung gibt. Hier wird, wie in den übrigen Ländern der ehemals verbündeten westlichen Staaten, am Nationalfeiertag der Gefallenen gedacht.

In piam memoriam Ernst Josef Nagel (3.11.1931-13.6.2001)

                                                                                                        

Der Priester und Hochschullehrer Ernst Josef Nagel starb wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag; eine angemessene Würdigung von Person und Gesamtwerk, zumal er auf Ehrungen nur begrenzten Wert legte, wurde effektiv durch seinen Tod verhindert. Der 10. Todestag bot jetzt einen Anlass, ein solches Gedenken nachzuholen.

Ernst Nagel war Kölner, beherrschte das Idiom, das er in heimischer Umgebung, zumal der Familie, gern sprach und war ein Mann (und Seelsorger), der wusste, wie die Menschen lebten und was sie zu diesem Leben brauchen. Und er half vielfach; persönlich lebte er anspruchslos.

Kein Wunder, dass er ursprünglich Missionar werden wollte und der Gesellschaft vom Göttlichen Wort (SVD) beitrat. Ihr blieb er persönlich auch dann noch verbunden, als er in das Bistum  Essen inkardiniert wurde.

Er war Priester. Das war seine eigentliche Berufung, die er in verschiedenen Formen verwirklichte: sei es in Brasilien, wo er studierte und die schwierige Lage der Kirche in der dortigen Gesellschaft kennen lernte, als  Mitarbeiter in der Bonner  „Zentrale“ der Militärseelsorge und als Standortpfarrer oder später als Hochschullehrer an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg. Er war das, was man heute in der kirchlich rechten Ecke abschätzig „Krawatten-Priester“ nennt. Berufung und Amt leben jedoch , wie man an Nagel lernen konnte, nicht von der textilen Ummantelung, sondern von Herz, Glaube und Vernunft. So konnte er vielfach Vermittler  sein, obwohl er dezidierte Grundsätze und Überzeugungen hatte, die er nie zur Disposition stellte. Seine Konzilianz und sein umfängliches Wissen machten ihn zum Gesprächspartner römischer Dikasterien, des Episkopats, hoher militärischer Führer, von Politikern, aber auch der kirchlich gebundenen Friedensbewegung. Besonders wichtig war ihm jedoch das Gespräch mit seinen Studenten, den studierenden  Offizieren der Hamburger Bundeswehr-Universität. Nicht selten ergab sich dabei ein grundlegender Rekurs auf zentrale Fragen katholischer Dogmatik. In der (Sozial-) Ethik sah Nagel immer das Einfallstor des Ewigen in die menschliche Person.

Prof. Glatzel, Weihbischof Grave, GV Wakenhut (v.l.) beim Gedenkgottesdienst im Kleinen Michel am 15.06.2011)

Als Theologe war Nagel konservativ. Nicht was seine praktischen Themen angeht, die er mit Leidenschaft und erstaunlichem Fleiß aufarbeitete; in jeder freien Minute hatte er ein Buch in der Hand, um selbst zu lernen. Aber seine Methodologie fußte auf einer „aufgeklärten“ Variante der Neuscholastik, die sich – zumal in moralibus – immer wieder als sehr flexibel herausstellt und in ihrem handlungstheoretischen  Ansatz vielfältige Zugänge zu einer normativen Ethik eröffnet. Darum ging es ihm: die argumentative Lösung praktischer Fragen, die dem Gewissen unterliegen. Meta-ethische Diskurse hielt  er für unfruchtbar, weil sie dazu tendieren, in´s Allgemein-Theoretische abzuheben, wenn es gerade darum geht, dringliche praktische Fragen nicht allein (politischer) Pragmatik auszuliefern, sondern auch ethisch zu reflektieren. Ohne ethische Urteilsbildung war ihm aber (verantwortbares) menschliches Handeln nicht vorstellbar.

Ernst Nagel gelang es, ein großes Spektrum sozial-ethischer Fragestellungen unter dem Rubrum „Theologie und Ethik des Friedens“ zu verhandeln. Sein Schriftenverzeichnis beweist es. Dabei ging es aber letztlich immer um Konkretes. Der Bamberger Sozialethiker Norbert Glatzel, langjähriger Weggefährte Nagels, hat in seinem jetzigen Festvortrag entwickelt, wie Nagel in diesem Sinne die Grundsatzfrage der umstrittenen  Erlaubtheit der atomaren Abschreckungsdrohung zu lösen versuchte. Darf man mit einem Mittel von Krieg abzuschrecken versuchen, dessen tatsächliche militärische Anwendung keine verantwortbare Option darstellt? Nagels Antwort ist zugleich realistisch wie prinzipientreu. Dazu muss man aber die in Frage stehenden politischen und militärischen Implikationen sehr genau studiert und abgewogen haben. Die Moral muss mit der Welt so rechnen, wie sie tatsächlich ist – bzw. konkret werden kann. Gesinnung gehört nicht zur Sphäre praktischen Handelns.

Nagel scheute sich nicht, die von ihm gesehenen Lösungen auch dann öffentlich zu benennen, wenn sie weniger willkommen waren. So stieß er bei einem Vortrag in der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr zur „Kapitulations-Ethik“ auf massiven Widerspruch. Die Zuhörer wähnten sich mit dem pazifistischen Diktum „Lieber rot als tot“ konfrontiert. Solche Situationen intellektuell aufzulösen, war Nagels Interesse. Moral vollzieht sich im vernunftbestimmten Handeln. Der ethische Diskurs ist dazu ein – oft unverzichtbares – Mittel. Das letztliche Urteil darüber aber, ob ein Mensch der Herausforderung des Guten entsprochen hat,  steht keiner irdischen Instanz zu.

         

Norbert Glatzel weist zu Recht darauf hin, dass Nagel, der die von dem Jesuiten Bruno Schüller vertretene „teleologische Normenbegründung“ in sein Denken übernommen hatte, bis zum Ende seines Lebens Probleme damit hatte, das unbedingte Verbot der Tötung des Unschuldigen zu rechtfertigen. Das moralische Axiom als solches war ihm dabei unstrittig. Die Antwort, dass die Anwendung von Gewalt auf wenige Grenzfälle beschränkt werden müsse, reicht nicht aus. Wird vielleicht hier nicht die anthropologische Tatsache ansichtig, dass die Möglichkeiten des konkreten Menschen immer begrenzter sind, als die Vernunft, auch die der ethischen Urteilsbildung, es ihm nahezulegen scheint?

Manche Versuche, die ich unternahm, um Nagel für „kriegsethische“ Fragestellungen zu interessieren, wurden eher unwirsch abgewiesen. Dies sei kein praktisches Problem (in Deutschland, für die Soldaten der Bundeswehr). Der geführte Krieg war (und ist tatsächlich) etwas anderes als die Abschreckung desselben. Vielleicht spielten für Nagel hier auch Kriegserinnerungen der Kindheit eine Rolle, über die er nie sprach. All das ist heute anders. Nagel hat die ersten „Einsätze“ deutscher Soldaten der Bundeswehr in den 90er-Jahren erlebt, aber wohl kaum einen Zusammenhang mit langfristigen politischen Konzepten gesehen. Er starb quasi „rechtzeitig“ vor dem 11. September.

Das tat er mit bewunderungswürdiger Gelassenheit. Als lebenslanger, starker Raucher schwarzer Zigaretten empfand er die Krankheit wohl nicht als ungerechtes Schicksal. Zum Tod meinte er, er sei eben neugierig, „was dann kommt“.

Nagels Lebenswerk, das Institut für Theologie und Frieden, lebt auf jeden Fall weiter. Eine neue Generation von Wissenschaftlern denkt die Fragen des Friedens unter veränderten Umständen und vielleicht auch mit neuen Zielsetzungen.

Wer Ernst Josef Nagels Grab auf einem Kölner Friedhof besucht, findet einen schlichten Grabstein mit der Inschrift „Nagel“. Er teilt diese Ruhestätte mit seinen Eltern. Der (auch körperlich) große Mann wußte sich im Tod zurück zu nehmen. Seine Überzeugung war es, dass sein Werk aus sich heraus wirken würde. Ob diese Hoffnung in Erfüllung geht, steht noch dahin. Im Wikipedia-Beitrag zum IThF wird sein Name nicht erwähnt.

Harald Oberhem

(Wiss. Mitarb. von Prof. Nagel an der HSBw (1977-1981) u. GeschF des IThF) 

Rainer Woelki neuer Erzbischof von Berlin

Es war eine Überraschung: niemand hatte mit der Ernennung des Kölner Weihbischofs Rainer Maria Woelki (54) zum Hauptstadtbischof gerechnet.

   

Der Köln-Mühlheimer mit Wurzeln im deutschen Osten – die Eltern sind Heimatvertriebene aus dem ostpreußischen Ermland – wuchs in der quasi kircheneigenen Siedlung „Bruder Klaus“ auf. Die Pfarrei trägt denselben Namen. Sie war Mutterboden einer Reihe geistlicher Berufungen, schon zu früheren Zeiten  eine Wagenburg Gottes. Wenn man von dort heute zum Rhein fährt, durchquert man nahezu geschlossene türkische Wohngebiete; über 50% der Mühlheimer Zuwanderer stammen aus Anatolien. Keine Spur also vom ehemals „hillije Kölle“, selbst wenn man es nur auf der „schäl Sick“ betrachtet. Weihbischof Woelki sollte es bemerkt haben.

Dieses gestrige Köln hat sich allerdings an der Burgmauer, einem idyllischen Refugium für kirchliches Spitzenpersonal in Domnähe, erhalten. Dort wohnt Weihbischof Woelki derzeit.

Von den 25 Jahren seines priesterlichen Dienstes war Woelki fünf Jahre in der Seelsorge tätig, vor allem in der Neusser Pfarrei St. Marien, einem Bollwerk des rheinisch-katholischen Establishment.  Der anschließende, nur wenige Monate dauernde Dienst in der Militärseelsorge wurde, wie zu hören war, wohl als priesterlich wenig sinnstiftend erlebt. Er blieb darum, wie auch der früher abgeleistete Wehrdienst als Panzerartillerist, eher eine biografische Fußnote.

Die vergangenen 20 Jahre verbrachte der Mühlheimer Priester in typischen Karriereverwendungen: Sekretär des Kardinals, Konviktsdirektor, Weihbischof. Die theologische Promotion an der römischen Opus-Dei-Universität vom Heiligen Kreuz dürfte weitere Möglichkeiten zur Klärung von Kirchen- und Weltbild geboten haben. Insgesamt gesehen verläuft der Lebensweg eines katholischen Klerikers, der Gemeindepfarrer sein möchte, anders.

 

Woelki ist sich der unterschiedlichsten Kulturbrüche in der Weitergabe des Glaubens bewusst:

 

„Wir kommen jetzt immer mehr in eine Situation, die evangeliumsgemäß ist. Es wird deutlich, dass es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, als Christ zu leben. Wir stehen vor der großen Herausforderung, das Evangelium neu auszusäen.“

Er setzt auf kleine Gemeinschaften des Glaubens, die aus tiefer Christus- und Gottesfreundschaft heraus Gemeinde neu bilden sollen. Woelkis bischöfliches Motto lautet daher konsequenterweise: „Nos sumus testes“ („Wir sind Zeugen“).

In freundlicher Weise macht ihn die Presse quasi zur Begrüßung auf den hohen Grad der „Säkularisierung“ Berlins aufmerksam. Sie sei eine „große Herausforderung“ für den neuen Erzbischof.

In einem im vergangenen Jahr geführten Interview, wie die Kirche im Jahre 2035 aussehen werde, meinte Woelki:

„Wir werden dann ein ganz entschiedenes Christentum leben. Das, was jetzt noch Fassade ist, wird dann weggebrochen sein. Wir werden ein Entscheidungschristentum in Deutschland haben. Die Kirche wird sich auf das Wesentliche zurückführen lassen müssen. Das ist ein großer Prozess, den der Herr schon jetzt begonnen hat einzuleiten. Ich bin davon überzeugt, dass es Gemeinschaften des Glaubens geben wird, die aus einer tiefen Christus- und Gottesfreundschaft heraus den gemeindlichen Alltag und den Lebensalltag der Menschen gestalten. So werden wir auch eine neue Attraktivität für all diejenigen bekommen, die nach Sinn, Halt und Ordnung suchen.“

Erst vor Ort wird der neue Erzbischof sich Vorstellungen machen können, was jetzt auf ihn zukommt.

Er wird eine (katholische) Kirche vorfinden, die unter seinem Vorgänger aus dem Geist der weiland DDR-Pastoral geleitet, besser: verwaltet wurde. Die Mitgliederzahlen blieben nur dank der Zuzüge aus dem Bundesgebiet stabil. Missionarische Potenz hatte und hat diese Erzdiözese nicht. Der Staatssozialismus hatte der unpolitischen katholischen Minderheit, besonders ihrem Klerus, eine Überlebensgarantie in der Wagenburg (westdeutsch: hinter der Burgmauer) gesichert. Seit 1990 lebt man geistig und geistlich von dieser Substanz und westdeutschen Kirchensteuermitteln.

Berlin, vor allem sein Osten, ist nicht „säkularisiert“ , sondern weithin religionsfrei – chemisch rein. Da hilft kein „Aussäen des Glaubens“ mehr, wie bisherige Versuche zeigen. Zudem will selbst die hauptstädtische Christenpartei  sich zu einer „modernen Großstadtpartei“ mit ihren vielfältigen Lebensformen mausern. (Als ob es mit den GRÜNEN eine solche Partei nicht schon längst gäbe.) Insgesamt herrscht ein Geist der Toleranz, der vor den Katholiken halt macht. Das zeigte mit aller Klarheit die Volksabstimmung über den Religionsunterricht. Beide Kirchen samt CDU erlebten ein Debakel. Die Humanistische Union mit Bündnispartnern setzen in Berlin den christlichen Kirchen und ihrem Einfluss Grenzen.

Und schließlich die Ökumene, die der (Ost-Berliner) katholische Bundestagsvizepräsiden Wolfgang Thierse über die Presse vom neuen Erzbischof gebieterisch einfordert:  „Ich wünsche mir, dass er sich auf die Stadt einlässt und dass er bereit ist, mit den Christen beider Konfessionen in diesem Bistum zu kommunizieren“(Sic!). Der Abstand zur Grünen-Bürgermeisterkandidatin und Mitglied im Beirat der Humanistischen Union Renate Künast ist da gar nicht so groß:

Sie hofft, „dass Woelki wie sein Vorgänger die Vielfalt und Buntheit Berlins wahrnehmen, anerkennen und dessen beeindruckendes humanitäres Engagement fortsetzen möge.“ Der evangelische Landesbischof Dröge meint:

„Wir sind Zeugen« eröffnet in einem pluralen und multireligiösen Umfeld neue Perspektiven. Wir haben in unserer Region viele positive Erfahrungen mit dem gemeinsamen ökumenischen Zeugnis gemacht. Gemeinden vieler unterschiedlicher Konfessionen und Sprachen befinden sich in einem regen Austausch.“

„Buntheit wahrnehmen und anerkennen“. Kann man dieser Grundforderung entsprechen, ohne die christliche, katholische Identität zu verlieren? Wer dächte da nicht unwillkürlich an die berühmte Areopag-Rede des hl. Paulus (Apg 17, 16-34). Ihr Facit waren Spott und Desinteresse des Publikums am Ende der seinerzeitigen Talk-Show.

Am Beispiel Berlins dürfte sich bestätigen, dass eine vordergründige „Areopag-Methode“ von falschen Voraussetzungen ausgeht. Ähnliches gilt von dem Versuch, Neuevangelisierung und Areopag-Predigt kurzschlüssig miteinander zu verbinden.

In Berlin heute und morgen authentisch katholisches Christsein zu leben, verlangt zuerst neue Fragen an die Welt, in der wir leben. Und neues Verstehen, neue Erkenntnisse. Es genügt nicht - man verzeihe die militärische Sprache - aus vermessenen Stellungen, nach alten Koordinaten auf unbekannte Ziele zu feuern. Katholiken in Berlin müssen es neu lernen, Wagenburgen und Burgmauern hinter sich zu lassen und sich an die Front des Lebens zu begeben. Das verlangt allerdings eine Führung, die vorangeht.

Auf den neuen Erzbischof und die Seinen kommen keine leichten Zeiten zu.

In piam memoriam Karl Heinz Kloidt (5.9.1926 – 12.6.2011)

         

Am Pfingstsonntag starb der Paderborner Priester Karl Heinz Kloidt, der von 1975 bis 1991 seinen Dienst als Referatsleiter im Katholischen Militärbischofsamt in Bonn leistete.

Seine Person verdient ebenso wie der zeitgeschichtliche Kontext seines Dienstes einige Anmerkungen. Sie sind in gewisser Hinsicht paradigmatisch.

Kloidt war nicht nur ein freundlicher und – wenn er nicht provoziert wurde – umgänglicher Mensch, sondern einer, der die Menschen liebte. Er hatte Interesse an ihrem Leben, freute sich, wenn es ihnen gut ging. Er hatte als Seelsorger ein „weites Herz“, und das auf eine ganz zivile Weise. Denn er war nie Militärgeistlicher in der Truppe. Nach Kaplansjahren in den 50ern war er 15 Jahre lang Religionslehrer in den Dortmunder Berufsschulen. Bei „seinen Frisösen“, wie er gern sagte. Ja, die Härte und das Markige gingen ihm ab.

Ein Grund dafür dürfte aber militärisches Erleben gewesen sein. Er gehörte zu jener Gruppe Eschweger Oberschüler, die am 3. Oktober 1943 als 16-Jährige in einem Kasseler Vorort durch eine britische Fliegerbombe in ihrer Flak-Stellung getroffen wurden: 23 waren sofort tot, viele verwundet – darunter Kloidt.

Nach der Genesung diente er als schlichter Grenadier in der Wehrmacht, bis er im August 1944 – unweit von Lourdes – in französische Gefangenschaft geriet, von deren „erstem“ Teil – der Schinderei in den Bergwerken – er eigentlich nie sprach. Um so lieber tat er das vom „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ bei Chartres und seinem Regens, Abbe´ Franz Stock, das er - wieder als „Benjamin“ – als Ort der Berufenen und der Berufung erlebte. Der Krieg hatte diese Seminaristen auf den Weg Gottes gelockt.

Hauptinhalte seiner Tätigkeit in der Militärseelsorge waren für Kloidt die Soldatenwallfahrt nach Lourdes und das „Schriftenwesen“ – vom Soldaten-Taschenkalender, den Druckschriften für den Lebenskundlichen Unterricht bis zum „Soldat in Welt und Kirche“, dem heutigen KOMPASS. Wie sein Vorgänger Ludwig Steger genoss er dabei die großen Zahlen: 3500 katholische (!) Soldaten alljährlich bei der jungfräulichen Gottesmutter am Rande der Pyrenäen, 100.000de Kalender in die Truppe ausgießen, das machte stolz. Kein Gedanke an die kleine Herde. (Die Bundeswehr der Einheit und die Seelsorgearbeit in ihr hat er darum – von außen – bestaunt, aber wohl nicht mehr verstanden). Weil er durch seine Art des Schuldienstes mit weiblichen Wesen umzugehen verstand, konnten kompetente und engagierte Frauen im Seelsorgereferat Stätten der Entfaltung finden – obwohl sie keine Religiosen waren.  Das war dazumal in der Bonner Seelsorgezentrale keineswegs selbstverständlich.

Wie aus den einschlägigen Anzeigen ersichtlich, wurde Karl Heinz Kloidt in der für seinen Bereich üblichen Weise geehrt. Weil er nicht zuletzt der deutschsprachigen Gruppe der Militärseelsorger in Lourdes  ein freundlicher und integrativer Mitbruder gewesen war, erhielt er hohe Orden aus Österreich, Luxemburg und dem eigenen Land. Er hatte tatsächlich manch Gutes – auch mit Geld – unprätentiös und im Stillen bewirkt. Das galt – in noch größerem Maße – für die Kooperation mit der französischen Pilgerleitung. Es fiel darum auf, dass die Französischkenntnisse Kloidts begrenzt blieben, und auch Ritter der Ehrenlegion wurde er nicht. Das Verhältnis zu den französischen Aumoniers war gut und herzlich. Die Militärkultur des Landes blieb ihm aber offensichtlich fremd; vielleicht roch sie ihm zu viel nach Krieg.

Kloidts Militärseelsorgedienst fiel in die Mitte bundesrepublikanischer Zeiten. Die Bundeswehr war „fertig“ aufgestellt. Es schien, dass es ewig so bleiben würde. Breite statt Tiefe war das allgemeine Motto. So auch in der Kirche. Nach Konzil und Gemeinsamer deutscher Synode schien es nur noch ein „weiter so“ zu geben. Das Grollen tektonischer Verschiebungen in Weltpolitik und Gesellschaft nahmen nur wenige wahr.

Karl Heinz Kloidt zog sich nach Wiedervereinigung und Hauptstadtverlegung quasi rechtzeitig in das selbst für die kirchlichen Verhältnisse der Bonner Republik konservative Paderborner Oberntudorf zurück. Den Absturz der kirchlichen Verhältnisse in den letztvergangenen Jahren noch bewusst zu erleben, dürfte die Krankheit ihm erspart haben.

 

                              R.i.P.

Harald Oberhem

Franz-Josef Overbeck neuer Katholischer Militärbischof für die Bundeswehr

Wie heute von der Kurie des Militärbischofs und anderen zuständigen Stellen verlautbart, hat Papst Benedikt XVI. im Einvernehmen mit der Bundesregierung dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck (46) zusätzlich das Amt des Katholischen Militärbischofs übertragen.

                      

Overbeck hat damit drei schwergewichtige Ämter inne: das des Ruhrbischofs -  Arbeitermilieu,  große muslimische Migrantenzahl und erhebliche strukturelle Verwerfungen; die Seelsorge in der Bundeswehr mit einer katholischen Minderheit von 56000 Soldaten und Soldatinnen – die Konfessionslosen (meist aus den Neuen Bundesländern) bilden die größte Gruppe - und die bischöfliche Verantwortung für das Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika ADVENIAT, wo es auch nicht mehr so katholisch zugeht.

Gesucht wurde ein Mann für neue Anfänge des Glaubens. Benedikt XVI., der erst kürzlich eine römische Zentralbehörde für die Neu-Evangelisierung errichtete, hatte Overbeck wohl besonders im Blick für Spezialaufgaben im Minenfeld des Säkularismus. Dazu gehört eine solide wissenschaftliche Ausbildung, eine echte wissenschaftliche Leistung in Dogmatik (mit einer Dissertation über die Anthropologie und Trinitätstheologie des berühmten evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg) und kraftvolle Motivation aus dem Glauben.

          

Nicht minder wichtig ist Overbecks Herkunft aus altem westfälischem Bauerngeschlecht.(Es muss nicht immer der Adel sein, wie etwa beim „Löwen von Münster“, Kardinal Graf von Galen) Der Hof der Familie, eine Pfarrkirche wie eine Burg,

       

und eine ehrliche, weit über Drewer bzw. Marl hinaus bekannte Kornbrennerei („Overbeck´s“) bürgen für Solidität und Stehvermögen.

         

Das Bischofswappen Overbecks kann als Bekenntnis gelesen werden.

So sei dem neuen Militärbischof und denen, die ihm anbefohlen sind, ein herzliches geistliches und weltliches „Glück auf!“ gewünscht. 

                   

Jahrgedächtnis (kath.), Dresden, 13. Februar 2011

Seit dem frühen Mittelalter ist es in der katholischen Tradition üblich, dass am Jahrtag des Todestages eine spezielle Messe gefeiert wird, die der commemoratio (Erwähnung, Erinnerung, Vergegenwärtigung) des oder der Verstorbenen gewidmet ist. Im Sakrament der Eucharistie sind Tote und Lebende real in Gott vereint. Der Tote wird mit Namen angesprochen, durch Fürbittgebet, vor allem durch Darbringung des Messopfers, wendet sich die betende Gemeinde an Gott, den Herrn, der Seele des Verstorbenen ewige Seligkeit und dadurch wahren Frieden zu gewähren. So war es auch im vor-reformatorischen Sachsen; die Annalen des Meißener Domes belegen, dass auch die Fürsten des Landes nur einmal im Jahr dieses Gedächtnisses teilhaft werden konnten.

            

Im Dresden des 21. Jahrhunderts ist diese Form der Commemoratio einer quasi Polit-Festival-Woche, beginnend mit dem 13. Februar, gewichen.

             

Am Todestag der 25 oder auch wieviel Tausend Frauen, Kinder, alter Menschen, Flüchtlinge wird ein weltanschaulicher Kampf um die Deutungshoheit über die Vernichtung Dresdens ausgefochten.

 

Und – so meinen die Beteiligten – wer diesen Akt unendlicher Zerstörung, grausamen Todes und der Hoffnungslosigkeit „richtig“ besetzt, dem gehöre die Matrix deutschen Geschichts- und damit Selbstverständnisses.

                                    

Sie alle irren sich.

                           

Am perfidesten agiert die Antifa-Linke, der sich das Spektrum bis weit in die SPD, Grünen, ja vereinzelt sogar bürgerliche Kreise öffnet. Ihr einziges Ziel ist die Solidarisierung in einer Quasi-Volksfront gegen „Rechts“, vereinfachend „die Nazis“ genannt. Verschwiegen  werden die Jahrzehnte, in denen die SED seit Beginn der 50er Jahre alljährlich hunderttausende von Demonstranten gegen  kriegsverbrecherischen NATO-Faschismus aufbot, der sich schon im Verhalten der angelsächsischen „Luft-Gangster“ im Februar 1945 gezeigt habe. Bis in den Sprachgebrauch wurde die Goebbels´sche Untergangspropaganda imitiert. Im Vergleich dazu sind die heutigen „Rechten“ fast zurückhaltend.

                      

Und – noch grundlegender: Für Marxisten sind die realen Toten auf der falschen Seite der Barrikade im historischen Klassenkampf ohne jeden Wert. Warum sich ihrer erinnern?  Sie degenerieren zum Anschauungsmaterial eines geschichtlichen Prozesses. 

Die „Rechten“ haben das moralisch-rechtliche Thema des „Gedenkens“ zwar erfasst, aber in einer unerträglichen Weise. Ob die Luftkriegführung des Bomber-Command und seiner amerikanischen Helfer, damals und/oder heute als völkerrechtswidrig und ethisch als Kriegsverbrechen zu qualifizieren ist, hat mit jenen Menschen nichts zu tun, die vor 66 Jahren ihr Leben verloren haben. Die Trauer um das Schreckliche, das unseren Eltern, Groß- und unterdessen Urgroßeltern geschah, ist gegenüber Schuldfragen indifferent. Im Tode und dem Reich ewigen Friedens gibt es keine Opfer und darum auch keine Täter mehr. Wer aber die Frage nach Schuld und Sühne politisch instrumentiert, hat die wahre religiöse und kulturelle Tradition unserer Nation nicht verstanden. 

Bleibt noch die Menschenkette. Sie bildet – natürlich auch stark politisch-taktisch motiviert – die Front der heimlichen „Aufrechner“. Die irgendwie doch „reale“ moralische Schuld der Kommandeure und Flieger der Bomberflotten wird sogleich in Beziehung gesetzt zur („viel größeren“) Kollektivschuld der Deutschen im Kontext des Nationalsozialismus. Die die Lebenden betreffenden ethischen Fragen bleiben so unbesprochen, weil verschwiegen. Das ungerechter Weise Erlittene der Eigenen wird der Ewigkeit anheimgegeben, die jeweils anderen Botschafter nehmen in der ersten Reihe der Trauergemeinde in Dresden wie bei der Einweihung des Air-Marshal Harris-Denkmals in London Platz.

                               

 Man nennt dies „Versöhnung“.Ein solches Schweigen wird auf Dauer keinen Bestand haben. Trauer fordert als Zugangsschlüssel die Wahrheit. Und zwar die eigene, nicht aber Parolen. Die angelsächsischen (politischen) Bündnispartner scheinen davon besonders weit entfernt, wie nicht zuletzt ihr letztlich unverändertes  Verständnis von Krieg und Kriegführung nahelegt.

Auch die Dresdener haben noch einen Weg selbstkritischer Erinnerung zurück zu legen, die Mehrheitskirche zumal, deutsch-christlich oder als „Kirche im Sozialismus“ belastet. Hier gibt es unsichtbare Mauern, die es schmerzhaft zu überwinden gilt. 

                        

Immerhin haben einige Hundert Menschen den Weg zum Heidefriedhof gefunden, der Ruhestätte der Opfer jenes Februars. Die Offiziellen kommen auch hier nicht ohne „Versöhnungsrituale“ aus. Auch die Hinweise auf die „Verkehrten“ – im Gegensatz zu den Dresdnern – (gemeint sind natürlich die „Nazis“) dürfen nicht fehlen. Aber das Gedenken wird doch leiser.

                       

Die von der Neu-Dresdnerin Malgorzata Chodakowska aus Lodz geschaffene Skulptur vom „Trauernden Mädchen am Tränenmeer“  kommt ohne Kommentare aus. Nur der schweigende Gang der Teilnehmer durch den Ehrenhain, mit dem die Zeremonie ihren Abschluss findet – kann das das letzte Wort sein? 

Vielleicht hat der Dresdner Bischof Joachim Reinelt doch eine Chance vergeben, dass er den auf päpstliche Einladung zu feiernden Weltfriedenstag drei Tage vor dem Gedenktag in der abseits gelegenen alten katholischen Garnisonkirche Sankt Martin beging – mit Soldaten der Bundeswehr.

                          

Warum nicht in der Hofkirche, mit deutschen Soldaten und den Katholiken Dresdens? Es dürfte der Mut gefehlt haben, sich demonstrativ in katholischer Commemoratio dem öffentlichen politischen Kampf entgegen zu stellen. Stattdessen selbst in der Albertstadt die Warnung vor „nationalsozialistischem Gedankengut“. 

Und so gehörte denn diese Woche der Trauer und des Gedenkens den siegreichen Kämpfern der „Antifa“. Das Neue Deutschland triumphiert: „Nazis frustriert, Polizei überfordert, Antifa happy“. Wenn der Rechtsstaat nicht mehr in der Lage ist, politischen Extremismus durch Gerichte auszuschalten, kommen schwere Zeiten auf uns zu. Ja, sie sind schon da, wenn der linke Mob die öffentliche Gewalt – im wahrsten Sinne des Wortes – zum vorgeblichen Schutz des demokratischen Gemeinwesens ausüben darf. Umso wichtiger wird eine neue, sprich: die traditionelle Form wirklichen Gedenkens.  

Kath. Militärseelsorge II …“nicht unbedingt für die Militärseelsorge zuständig“…

Kein rechtlicher Rat mehr für den Verteidigungsminister? Man wollte sich die Augen reiben bei dem so übertitelten Beitrag von Reinhard Müller in der FAZ. Er tut so, als sei die Frage nach dem Fortbestand einer eigenen Rechtsabteilung im BMVg eine „rein“ organisatorische oder haushalterische Angelegenheit. Er hätte es besser wissen können. Etwa wenn er die Breitseiten zur Kenntnis genommen hätte, die die ZEIT unmittelbar nach der Veröffentlichung des 114-Seiten-Berichts der Weise-Kommission abgefeuert hatte: „Einsatz“-Konzentration-Flexibilität, Effizienz – versus Bürokratismus, Verantwortungsdiffusion und Erfolgs-Unfähigkeit. Es war klar, dass die zivilen Abteilungen des Hauses bei dieser Analyse schlecht weg kommen mussten.

Müller – und mit ihm manche Angehörige des BMVg – machen es sich mit dem Hinweis wohl doch sehr einfach, jede Abteilung verteidige das eigene Dasein zäh. Dieser Satz ist so allgemein wie im Detail falsch. Wenn sich Militärs und Zivile wechselseitig vorwerfen, der jeweils andere sei ineffizient und bürokratisch bzw.  wolle eine Militarisierung der Führung des BMVg, so haben vielleicht beide Seiten recht – allerdings anders, als es auf den ersten Blick scheint.

Es geht letztlich, wie es der FAZ-Kollege Müllers Rainer Blasius im März 2006 treffend formuliert hat, um „zivilen Geist gegen grasende Generäle“. Dieser Geist hatte in der Geschichte der Bundeswehr vor allem einen Namen: Ernst Wirmer, Bruder eines bekannten zivilen Widerständlers, dem er in Geist und Charakter ähnlich war. Ernst Wirmer – der Vater des Art. 87b GG – wollte die Eigenständigkeit einer zivilen Verwaltung in der Bundeswehr. Der nächstliegende Grund war: Das Intendantur-System der Wehrmacht hatte sich als oft ineffizient und vor allem hilflos gegenüber unsinnigen militärischen Vorgaben („per Befehl“) erwiesen. Doch Wirmer wollte mehr als nur eine Reparatur der alten Strukturen. Das Zivile sollte in der neuen Bundeswehr zu einem Machtfaktor werden. Zum  zivilen Bereich kamen dann auch die Rechtspflege und die Militärseelsorge. Sie wurden dadurch einem zu starken Übergewicht des Militärischen entzogen. Wirmer sprach schließlich das als Grund seines Konzeptes aus, was die Militärs schon immer vermutet hatten. Die so verstandene Verwaltung war natürlich nicht nur einfachhin „Entlastung“, sondern auch Konkurrenz und Kontrolle des Militärischen.

Am Beispiel der Militärseelsorge lässt sich dieser Ansatz gut exemplifizieren. Sie besteht organisatorisch und praktisch eben nicht darin, entsprechend qualifiziertes Personal  (Geistliche und Hilfspersonal) zu requirieren und dann zur Wahrnehmung der Aufgaben in die Truppe und diverse Dienststellen zu schleusen. Diese Aufgaben legt, nach diesem Verständnis,  der militärische Planer bzw. der örtliche militärische Vorgesetzte fest (Unterrichtender in Ethik/Innerer Führung, Betreuung und Fürsorge, psycho-soziales Netzwerk, im Krieg: Gräberofffizier u.a.m.) und, auch noch, Gottesdienste– so kannten die Soldaten der Wehrmacht den Pfarrer.

Für Wirmer, den Demokraten und Katholiken, musste im Sinne einer Vier-Säulen-Theorie (Streitkräfte-Wehrverwaltung-Rechtspflege-Militärseelsorge) die Seelsorge als kirchlicher Dienst in den Streitkräften nicht nur auf den bekannten völkervertragsrechtlichen (Konkordat/Statuten) bzw. staatskirchenrechtlichen Grundlagen (Militärseelsorgevertrag) aufruhen, sondern in einem exklusiven und durchgängigen  kirchlichen  „Führungsstrang“ umgesetzt werden.                       

         

In der Wehrmacht waren die Feldbischöfe und ihre Generalvikare dem Leiter der „Gruppe Seelsorge“ (einem Oberst) im Allgemeinen Heeresamt (AHA) unterstellt – faktisch also reine Befehlsempfänger von Weisungen, die „von oben“ kamen.

Das Referat VR I 4 – seit der Abtrennung der Verwaltungsabteilung als R I 4 bei der Rechtsabteilung verblieben – hatte im neuen Bundesministerium für Verteidigung  als erste und gewichtigste Aufgabe die „Angelegenheiten des Staat-Kirchen-Verhältnisses“.  Im immer multireligiöser werdenden gesellschaftlichen Umfeld bleibt das sicher eine an Bedeutung zunehmende und komplexer werdende Aufgabe. Denn die  durch das Grundgesetz vorgegebene und auch faktische Rückbindung der Militärseelsorge an die jeweilige Kirche bzw. Religions- oder auch weltanschauliche Gemeinschaft kann nur durch Verhandlung und Vertrag zustande kommen; die Bundeswehr oder überhaupt der Staat sind nicht der „Herr des Verfahrens“. Die Leitung eines solchen Referates durch einen Offizier verbietet sich wohl offensichtlich.

  

Eine hochrangige „Aufhängung“ des Referates scheint unverzichtbar. Das gilt um so mehr, wenn auch militärische Aspekte einen qualifizierten Kontakt zu Religionsgemeinschaften im In- und Ausland sinnvoll erscheinen lassen. Dasselbe gilt für Gespräche mit kirchlich orientierten NGO´s. Rein militärische Versuche auf diesen beiden Gebieten fehlen bzw. sind bisher wohl nicht sehr erfolgreich verlaufen.

Weitere Aufgaben des Referates („Militärseelsorge“, Organisation, Personal, Haushalt) könnten natürlich intern anders zugeordnet werden, auch in Form von Delegation an die „Kirchenämter“. Das Säulen-Prinzip verlangt dabei aber ein gewisses Maß an Eigenständigkeit des Bereiches Militärseelsorge, auch organisatorisch. Die Integration militärischen Personals für entsprechende Aufgaben wäre ebenfalls vorstellbar. Im Kern aber verlangt die „Natur der Sache“ sprich ministeriellen Aufgaben dieses Referates vor allem „zivilen Geist“. Religion kann weder nach innen noch nach außen befohlen werden.

Die flapsige Bemerkung Müllers „nicht unbedingt zuständig“ lenkt also durchaus von realen Fragestellungen ab, die Gewicht haben und behalten. Der Traum von einem „lean management“ und umfassender Effektivierung der gesamten Bundeswehr im Dienste des Streitkräfteeinsatzes setzt zu kurz an.

Übrigens auch im Interesse der Streitkräfte und des einzelnen Soldaten. So muss die Rechtsberatung fachlich qualifiziert, unabhängig und effektiv arbeiten – sie muss damit das genaue  Gegenteil einer quasi „Adjudantur für Rechtsfragen“ sein. Von Müller angeführte Beispiele solcher Leistungen, etwa das lange Ringen um die völkerrechtliche Qualifizierung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan oder das lange Verfahren um den in den Kunduz-Vorfall verwickelten Heeres-Oberst werden durchaus kontrovers beurteilt – vor allem außerhalb der Bundeswehr. Einer „Armee in der Demokratie“ ist das wenig hilfreich.

Aber wie schließt unser FAZ-Autor? „Militärjuristen sind … nicht notwendig Bedenkenträger, sondern fragen auch: Lässt sich ein Ziel nicht auch auf rechtlichem Weg erreichen?“  Wenn das Wirklichkeit wäre oder würde: Ernst Wirmer könnte froh sein, es nicht mehr zu erleben. 

             

Ernst Wirmer (3.v.l.) war vor seinem Eintritt in das “Amt Blank” Pers. Referent Konrad Adenauers.

„Kriegs-Weihnacht“ – ein Rückblick

In früheren Zeiten wußte man, dass klug geführte Kriege kurz und siegreich sind. Hugo Grotius belehrte Festlandseuropa zu Beginn des 17. Jahrhunderts über die grundlegenden Unterschiede der politischen Aggregatformen von Frieden und Krieg, welchletzterem alles Recht, jede Gesittung und Moral, ja sogar die Achtung der göttlichen Herrschaft abhanden zu kommen drohte, wenn man ihn nicht in einen rechtlichen Rahmen stellte: „De iure belli ac pacis“ hieß die von Grotius verabreichte Medizin, unterschieden wie Himmel und Hölle, aber geordnet. Frieden oder Krieg – tertium non datur. Und beides zugleich kann man nicht haben. Weihnachten ist da eine Nagelprobe.

Eine Kriegsweihnacht war 1914 von keiner Kriegspartei vorgesehen. Allesamt sollten die „Krieger“ bis zum Fest wieder im trauten Heim bei den Familien sein. Bekanntlich kam es anders. So kann es nicht verwundern, dass man sich im Schnelldruck hergestellter Pamphlete bediente,

                   

um die Heilige Nacht – wenn auch räumlich getrennt - in trauter Einheit von Heimat und Front begehen zu lassen. Oder die Soldaten der Front begegneten dem geborenen Gottessohn quasi „by the way“, in einem  Abbild heimatlichen Erlebens.

                                           

Im Folgejahr wurde klar: der Krieg wird dauern. Und er kostete viele Menschenleben und die Gesundheit zahlreicher Soldaten. Die (religiöse) Deutung verschärfte sich. Der schwäbische (kath.)Landesbischof von Keppler sei als Beispiel für viele angeführt: der Krieg in seiner Härte bleibt ungeschönt, wird aber als Fingerzeit göttlicher Belehrung gedeutet – wider die religiöse und moralische Erschlaffung der Gesellschaft, als Mahnung zu einem „tieferen“ Ernst, als ihn die bürgerliche Idylle süßer Glockenklänge wiedergeben könnte. Motiv: das heilige Paar mit dem Kind auf der Flucht.

          

Keine himmlischen Chöre, keine Hirten, keine Anbetung der Könige.

1916 offenbart, wahrscheinlich ungewollt, ein Propagandablatt den „moralischen!“ Zerfallsprozess, dem Weihnachten an der Front (und jetzt auch der Heimat) ausgesetzt ist. Die englischen Scharen sind auf eine „Flügelpuppe“ reduziert, die desinteressiert wegblickenden Feldgrauen ein Christbäumchen als Angebinde offeriert.

                                                                   

Der Umgang der Amts-Kirchen mit dem Glauben „im Weltkrieg“ war wohl einer der entscheidenden Faktoren für die Abwendung der Massen von der christlichen Tradition.

                                            

 „Kriegsweihnacht 2010“: zum zweiten Male anerkannt, diesmal sogar von der Kanzlerin. Die Verbündeten jenseits des Ozeans zelebrieren „A Soldier´s Silent Night“.  Chaplain Ted Berndt von der Episcopal Church, ehemaliger Marine, präsentiert 100 Jahre amerikanisches Soldatentum im Kriege.  Von den himmlischen Heeren mit der göttlichen Friedensbotschaft kein Wort. Und ein Betrachter meint:

May “A Soldier’s Silent Night” transcend any opinion about this war or any war, and go deeper to foster an appreciation for the selfless sacrifice and courage of The United States soldier and their families.”

Über die Weihnachtsgrüße  an  deutsche  Soldaten im Einsatz möge sich der interessierte Leser selbst ein Bild machen, seien es die beiden Leiter der Militärseelsorge oder der Generalinspekteur, der Verteidigungsminister oder „Promis“ aus der Welt der Unterhaltungsindustrie oder des Fußballs.

Vielleicht haben die Herzen der Kinder immer noch den besten Zugang zur umfassenden und unverkürzten Weihnachtsbotschaft des Friedens Gottes mit den Menschen. Sie sind Menschen seines Wohlgefallens. Wer hier „nachrüsten“ will, besuche etwa die szopki (Krippen) in der alten polnischen Hauptstadt Krakau. Da kann man wieder das Staunen lernen! 

10 Jahre Friedenswort „Gerechter Friede“ der deutschen Bischöfe

Seit dem Friedensengagement Benedikt XV. im I. Weltkrieg blieb dieser Bereich kirchlicher Verkündigung bis zum II. Vatikanischen Konzil (1961-1965) den Päpsten vorbehalten; die Bischöfe der einzelnen Länder hielten sich hingegen eher an die Regierungen ihres Staates. Das änderte sich nach dem Konzil. Mitten in der heftigen Debatte um die NATO-Nachrüstung veröffentlichten die deutschen Bischöfe das Wort „Gerechtigkeit schafft Frieden“ (1983), in dem auch grundlegende ethische Fragen der militärischen Friedenssicherung angesprochen wurden. Weitere Dokumente folgten nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation im Friedenswort „Gerechter Friede“ (27. September 2000) und der Erklärung „Soldaten als Diener des Friedens“ „2005). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlichte 2007 die Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben-für gerechten Frieden sorgen“.

Die Monatszeitschrift der Katholischen Militärseelsorge „Kompass. Soldat in Welt und Kirche“ zieht in ihrer Septemberausgabe Bilanz. Das folgende Interview ist diesem Heft entnommen. 

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“Das entspricht der Botschaft des Evangeliums”

Interview mit Dipl.-Theol.Harald Oberhem, M.A. über Hintergründe und praktische Bedeutung für die Katholische Militärseelsorge

Kompass: Herr Oberhem, von 1981 bis 2004 waren Sie im Katholischen Militärbischofsamt für theologische Grundsatzfragen zuständig. Waren Sie an der Erarbeitung der beiden Friedensworte der Deutschen Bischofskonferenz „Gerechtigkeit schafft Frieden“ (1983) bzw. „Gerechter Friede“ (2000) beteiligt?

Harald Oberhem: Bei „Gerechter Friede“ nicht.  In der Vorbereitung von „Gerechtigkeit schafft Frieden“ gehörte ich als Beauftragter des seinerzeitigen Militärbischofs Elmar Maria Kredel der fünfköpfigen Vorbereitungsgruppe an, die vom Sekretär der Bischofskonferenz, Josef Homeyer, moderiert wurde. Zu dieser Gruppe gehörten außerdem die Theologen Franz Böckle (Moraltheologie), Karl Lehmann (Dogmatik) und Hans Kertelge bzw. Helmut Merklein (Neues Testament) an. Die Beratungen in der Gruppe blieben streng vertraulich. 

Kompass: Warum  solche Heimlichtuerei?

Harald Oberhem: Die Vorbereitung des Wortes  in den Jahren 1982/83 fiel in die Zeit der heftigsten  öffentlichen Debatten und Demonstrationen um den „Nachrüstungsbeschluss“. In Europa zu stationierende nukleare Mittelstreckenraketen der NATO sollten das Abschreckungsgleichgewicht, das die Sowjetunion durch eine vorgängige Rüstungsmaßnahme unterlaufen hatte, wiederherstellen und die Gegenseite zu neuen Abrüstungsschritten motivieren.

Kompass: Warum aber Beratungen hinter verschlossenen Türen?

Harald Oberhem: Weil auch die kirchlichen Verbände und die Gemeinden unserer Kirche vor einer Zerreißprobe standen. Da standen nicht nur Pax Christi als kirchliche Friedensbewegung und die Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) auf entgegengesetzten Seiten der Barrikaden, sondern der Riss drohte der ganzen Kirche in Deutschland – so wie etwa schon im Protestantismus geschehen. Das große und für die die Zeit der damaligen Bundesrepublik einzigartige Engagement unserer Bischöfe in der Frage von Krieg und Frieden hatte vor allem pastorale Gründe.

Kompass: Wollten die Bischöfe also nicht als Lehrer der Kirche in ethischen Grundsatzfragen sprechen?

Harald Oberhem: Doch, natürlich. Das wird im Text auch ausdrücklich thematisiert. Es ging den Bischöfen  um die Ausformulierung von sittlichen Prinzipien und Normen in Grundfragen des Friedens, die in der politischen Debatte und Entscheidungsfindung,  beachtet werden müssen.

Kompass: Worin bestand die ethische Quintessenz  dieser bischöflichen Lehre?  

Harald Oberhem: Dass in der damals gegebenen  Situation, die man heute zumeist nur „Kalten Krieg“ nennt, militärische Gewalt wegen der damit verbundenen Eskalationsgefahr  nicht angewandt werden dürfe und dass das „Gleichgewicht des Schreckens“ nur dann und so lange sie mit einer Abrüstungspolitik verbunden sei „noch für moralisch annehmbar gehalten werden kann“. Bei dieser zentralen Aussage bezogen sich die Bischöfe auf eine Ansprache Papst Johannes Paul II. vor den Vereinten Nationen im Juli 1982. Damit war die bedingte sittliche Erlaubtheit nuklearer Abschreckung – indirekt – für die katholische Kirche geklärt.

Kompass:…..und somit auch für die anderen Bischofskonferenzen zumal im Bereich der NATO, die ebenfalls an Friedensworten arbeiteten, verbindlich vorgegeben.

Harald Oberhem: Gewiss. Besonders gewichtig war dabei der US-amerikanische Text „Challenge of Peace“. Aufgrund der guten Kontakte der beiden Militärseelsorgen erhielt ich vom US-Militärbischof  manche Hintergrundinformationen der dortigen Beratungen und bekam auch die jeweils aktuellen Textentwürfe.

Kompass: Wie verhielten sich die Bischöfe im anderen Teil Deutschlands?

Harald Oberhem: Das wurde zu einem Problem. Denn nur ein katholischer bischöflicher Text ging einen Sonderweg: der der Berliner Bischofskonferenz, mit der m.W  unsere Bischöfe in dieser Angelegenheit keinen engeren Austausch hatten bzw. haben konnten. Sie hielten – wie von den protestantischen Schwesterkirchen im „ökumenischen Prozess“ erwartet - die faktisch die NATO-Strategie begünstigende ethische Erlaubtheit der Abschreckung für nicht gegeben.

                     

Kompass: Was ist das Neue am Text von „Gerechter Friede“, der 17 Jahre später veröffentlicht wurde?

Harald Oberhem: Ursprünglich wollte man wohl den Text von 1983 angesichts der völlig veränderten Weltlage „fortschreiben“. Vor allem sollte – nach dem Ende der Blockkonfrontation – einer  Wiederbelebung traditioneller Kriegführung der Weg verstellt werden. Begrifflich kam das zum Ausdruck, indem jetzt von „gerechtem Frieden“ statt von „gerechtem Krieg“ gesprochen wurde. Das halte ich für falsch, weil unterstellt wird, die frühere Lehre vom „bellum  iustum“ sei zur Kriegsrechtfertigung angelegt gewesen. In der Praxis ist sie natürlich dazu missbraucht worden – wie übrigens jede Lehre vom Frieden. Aber in ihrem Kern hat die bellum-iustum-Lehre  die ethische Beweislast dem Gewaltanwender auferlegt. Das exakt entspricht der Botschaft  des Evangeliums. 

Kompass: Was bedeutet das praktisch für die kirchliche Lehrverkündigung und den Friedensdienst der Christen?

Harald Oberhem: Einerseits weitet „Gerechter Friede“ die Felder erheblich aus, auf denen sich das Friedenshandeln der Kirche und der Christen, der politischen Institutionen und „der Gesellschaft“ bewähren muss. Fast nichts bleibt unangesprochen, was zum „positiven“, d.h. vor allem gewaltfreien Frieden gehört. Das Ganze liest sich, wenn ich das einmal so sagen darf, streckenweise eher wie ein Wunschkatalog denn die quasi „10 Gebote“. Völlig unscharf ist dabei die Grenzziehung  zum erlaubten, weil moralisch gerechtfertigten militärischen Streitkräfteeinsatz, dem „ius ad bellum“. Der wird im Abschnitt „Zur Problematik bewaffneter Interventionen“ abgehandelt. Die hier aufgelisteten Kriterien und Forderungen scheinen allerdings in der Praxis so unanwendbar zu sein, dass sich unser Land gemeinsam mit dem Bündnis de facto seit neun Jahren in einem kriegerischen Konflikt befindet, ohne dass unsere Kirche unter Bezug auf ihre eigene Lehre einen ernsthaften Zwischenruf  unternommen hätte.

Kompass: Können Sie dazu Beispiele nennen?

Harald Oberhem: Nun, es wird etwa gefordert, dass die Interventionsrisiken – ich zitiere – „mit einem größtmöglichen Maß an Sorgfalt in der Prüfung der zu erwartenden Folgen“  bestimmt werden müssten, weil sonst die „ethische Legitimität (des Einsatzes) fundamental gefährdet“  sei. An anderer Stelle wird gefordert, militärische Interventionen kämen überhaupt nur in Betracht, wenn es politische Perspektiven für den Interventionsstaat gebe, die über den Status quo hinausgingen. Darüber wird gerade im Hinblick auf einen Rückzug der NATO-Truppen aus Afghanistan öffentlich diskutiert

Kompass: Das betrifft die ethische Begründung des Streitkräfteeinsatzes als solchen, das sog. „ius ad bellum. Wie ist es mit ethischen Forderungen an die Kampfführung, dem „ius in bello“?

Harald Oberhem: Das Kapitel ist m.E noch viel schwieriger. Es heißt im Text etwa, dass die Unterscheidung zwischen Kämpfenden und Nichtkämpfenden „zwingend beachtet werden“ müsse. Oder, noch weitreichender: „Direkte Angriffe auf Personen (incl. der Kämpfer) sind auf Situationen unmittelbarer Notwehr zu beschränken. Feindselige Akte sollten sich ansonsten gegen Sachen richten.“ Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Verfasser solcher Texte die Realität des Gefechts im Kriege bewusst verdrängen, weil die sich mit dem Lob auf das Ethos der Gewaltfreiheit beim besten Willen nicht in Einklang bringen lässt. Ethische Orientierung setzt aber klare Bezüge zur Wirklichkeit voraus – nach dem alten ethischen Grundsatz: zu Unmöglichem ist niemand verpflichtet!

 Kompass: Was bedeutet das für die Soldaten?

Harald Oberhem: Das ist für die Soldaten verheerend, weil sie ein Gewissen haben, das sich durch den Einstellungsbeschluss einer Staatsanwaltschaft allein wohl nicht immer beruhigen kann. Die strafrechtliche Nichtvorwerfbarkeit einer Kriegshandlung bedeutet nicht immer, dass der „Täter“ moralisch integer geblieben ist, auch wenn er auf die verzeihende Gnade Gottes hoffen darf. Theologisch gesprochen: ohne moralische Schuld geblieben ist. Das gilt für Vorfälle wie den in Kunduz genauso wie für den KSK-Soldaten, der mit dem „Kinetic Targeting“ konfrontiert wird. Und vergessen Sie nicht: Das eigene Gewissen spricht mich nicht nur schuldig oder unschuldig. So sehen mich auch die Menschen, auf deren Respekt und Liebe ich großen Wert lege, ja zahllose Menschen in der Öfffentlichkeit. Das viel beschworene „freundliche Desinteresse“ an den Soldaten der Bundeswehr könnte auch damit zu tun  haben, dass man manches lieber nicht wissen will. Wenn man das in Rechnung stellt, sind moralische Fragen durchaus im Hier und Jetzt wichtige Fragen.

Kompass: Angewendet auf die Katholische Militärseelsorge in der Bundeswehr: Unter welchen Bedingungen halten Sie es für ethisch vertretbar oder sogar für geboten, dass die „Kirche unter Soldaten“ mit ihren Seelsorgern Soldatinnen  und Soldaten auch in Einsätze begleitet, die absehbar mit der Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung des Auftrages verbunden sind? Oder anders gefragt: Reicht ein Mehrheitsbeschluss des Deutschen Bundestages dazu aus?

Harald Oberhem: Die Wahrnehmung der Militärseelsorge, auch „im Kriege“,  ist keine ethische bzw. moralische Entscheidung. Sie ist Ausdruck der religiösen und pastoralen  Sendung – „mission“ - der Kirche. Aber wehe den Soldaten und ihren Seelsorgern, wenn sie feststellen müssten, über die politischen und moralischen Grundlagen dieses Einsatzes im Unklaren gelassen oder gar getäuscht worden zu sein. Soldaten in anderen demokratischen Staaten unseres Bündnisses haben solche Erfahrungen schon hinter sich. Insofern trägt der Bundestag den Soldaten gegenüber eine schwere Verantwortung. Diese Last kann er ohne eine wache und interessierte Öffentlichkeit gar nicht tragen. Hier liegt auch eine große Chance unserer Kirche, die Botschaft von „Gerechter Friede“ einzubringen und quasi einem Praxistest zu unterwerfen.

Das Interview führte Josef König