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17.7.2010 von dragonX6.
Die alljährlichen Ritterspiele anlässlich der Schlacht Polen-Litauens mit dem Deutschen Orden (OT) bei Tannenberg/Grunwald am 15. Juli 1410

nahmen in diesem Jahr nach Pressemeldungen offen folkloristische Züge an. Die Staatsoberhäupter Polens und Litauens, Bronislaw Komorowski und Dalia Grybauskaite, als Gast war auch der Hochmeister des Ordens, Bruno Platter aus Wien, anwesend, versuchten dem 600. Jahrestag der Schlacht einen neuen Sinn zu geben. Der polnische Präsident Komorowski meinte, damals sei es zur Konfrontation zwischen zwei Konzepten der europäischen Zivilisation gekommen. Der Deutsche Orden habe auf Bekehrung mit dem Schwert gesetzt, die Gegenseite auf das Recht jeder Nation auf Andersartigkeit. “Das Christentum soll durch Bekehrung mit friedlichen Mitteln, nicht durch das Schwert verbreitet werden”, sagte Komorowski. Diese Idee sei 1410 eine Zäsur in der Geschichte Europas gewesen.
Das verstehe, wer will. Denn knapp 200 Jahre vor der Schlacht hatte Herzog Konrad von Masowien und Kujawien im Vertrag von Kruschwitz, der durch die entsprechenden Bullen von Rieti (Papst Gregor IX.) und Rimini (Kaiser Friedrich II.) sanktioniert wurde, den Orden um Missionshilfe gebeten – nach dem Grundsatz: getauftes Land – erbeutetes Land. Nachdem Pruzzen und Litauer auf diese Weise dem orbis christianus eingegliedert waren, war der Deutsche Orden nur noch ein Hindernis für die imperialen Attitüden des vereinigten Litauen und Polen, zumal für einen Zugang zum Mare Balticum.
Die Rede von einer Zäsur dürfte auch bei der weiteren Geschichte des Doppelstaates Probleme aufwerfen. In den Jahrhunderten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit tat sich Polen-Litauen – das ist unbestreitbar – durch erhebliche Toleranz gegenüber den europäischen Juden hervor. Die Gegenreformation nahm hingegen auch in Polen Maß an der Praxis der mitteleuropäischen Mächte. Auch Muslime und Orthodoxe bewerten ihre damalige Geschichte anders. Kurz: Geschichtslegenden und historische Tatsachen geraten in unauflösbare Widersprüche.
Inwieweit die vereinigte Rzeczpospolita, deren Herrschaftsgebiet sich auf das Gebiet zwischen den beiden Meeren erstreckte, jeder Nation das „Recht auf Andersartigkeit“ gewährte, sei dahingestellt, da die Vorstellung einer ethnischen Nation für die Gestaltung der europäischen Staatenwelt dieses Zeitalters ohne Belang war. Das änderte sich grundlegend im allgemeinen Nationalismus des 19. Jahrhundert, der die Zweitrangigkeit nationaler Minderheiten praktizierte oder doch zumindest vorbereitete.
Die eigentliche politisch-psychologische Nutzung des Grunwald-Mythos hat hier ihren durch und durch artifiziellen Ursprung. Er diente dem Großmachtanspruch des wieder zu errichtenden Polen, eines ethnisch-polnisch dominierten Vielvölkerstaates, der darum – wie die Geschichte seit dem 11. November 1918 gezeigt hat - militärische Konflikten mit allen Nachbarstaaten hatte, dessen Staatswesens zerrüttet war und in dem es schließlich während der Besatzungszeit teilweise zum offenen Bürgerkrieg im Untergrund kam.
Seit über 100 Jahren gibt es wohl kein polnisches Kind, das nicht den 1901 veröffentlichten Roman „Krzyzacy (Kreuzritter) von Henryk Sienkiewicz gelesen hätte:
“Unersättlich ist dieser Stamm, schlimmer als die Türken und Tataren. Sie überfallen Dörfer, metzeln die Bauern nieder, ertränken die Fischer, packen die Kinder wie Wölfe. Und das Blut der Greise, Frauen und Kinder rieselte an den Beinen der Eroberer herab. Die Kreuzritter. Immer die Kreuzritter.”
Die 1960 unter der Ägide Volkspolens durch Aleksander Ford geschaffene Verfilmung bleibt dem „Drehbuch“ nichts schuldig. Er zeigt nur die hässliche Fratze des Deutschen, des Mörders, Vergewaltigers, Widerlings und Feiglings. (Man wundert sich einigermaßen, dass eine solche Darstellung von Priestern und Ordensleuten im katholischen Polen ohne Widerspruch angenommen wurde.) Und welcher Pole kennt nicht (auswendig) die „Rota“ („Der Eid“) der Maria Konopnicka, die immer noch gern etwa bei Fronleichnamsprozessionen gesungen wird:
Und bis zum letzten Blutstropfen
verteidigen wir Geistes Gut.
Bis sich zu Schutt und Staub zerschlug
der Kreuzritter böse Brut.
Des Hauses Schwelle sei uns Festungswehr!
Dazu verhelf uns Gott der Herr!
Nicht mehr wird der Deutsche uns spei’n ins Gesicht,
die Kinder uns nicht germanisieren.
Bald kommt der Waffen ehernes Gericht,
der Geist wird uns anführen.
Blitzt nur der Freiheit goldnes Horn - zur Wehr!
Dazu helf uns Gott der Herr!
Erstmalig wurde dieses Lied bei der Einweihung des
Krakauer Grunwalddenkmals zum 500 Jahrestag der Schlacht gesungen.

Dieses Bild des Deutschen – projiziert auf den Ordo Teutonicus des Hochmittelalters und den seinerzeitigen Hochmeister
Ulrich von Jungingen – wurde Grundlage der National- und Geschichtspolitik der polnischen Rechten des 20. Jahrhunderts. Roman Dmowskis „Westgedanke“ lebt davon. Der ursprüngliche Panslawist war bekanntlich polnischer Verhandlungsführer bei den Versailler Vertragsverhandlungen. Seine Träume wurden 1945 wahr. Polens Grenzen waren an Oder und Neiße angelangt.
Diese Mitgift hatte Volkspolen im Gepäck. Und in diesem Punkte herrschte tiefe Einigkeit nahezu aller Polen: in Mutterland und Emigration, rechts und links, vor allem auch in der Kirche. So einte der Grunwald-Mythos alle Polen. Und er tut es offensichtlich noch. Letztlich ist Grunwald der moralische und rechtliche „Titel“ für die „Wiedergewinnung der westlichen Gebiete“. Zugleich erlaubt er Identifikationen zwischen der Nachwende-Republik und dem kommunistischen Polen.
„In seiner Rede erinnerte Präsident Komorowsk“ – so ein Kathpress-Bericht -„auch an die Instrumentalisierung des Grunwald-Mythos für politische Propaganda. Die Geschichtspolitik solle andere Nationen nicht demütigen, sondern das Verbindende herausstellen, sagte Polens Staatsoberhaupt.“ Die 600-Jahres-Siegesfeier in Tannenberg liefert dazu keinen Beitrag. Im Gegenteil. Auch die Teilnahme des OT-Hochmeisters, einer zu Tode siechen Gemeinschaft, und seine Kommentare wirken fast wie eine Karikatur: Der politische Missbrauch des Tannenberg-Mythos verblasse zunehmend und das Image des Ordens verbessere sich, meinte er im Interview. Vor zehn Jahren habe man den ersten (!) Polen im Orden zum Priester geweiht – und er selbst habe Gottesdienste in der Marienburg feiern dürfen.
Das bedarf keines Kommentars. Ähnlich dem Besuch der deutschen Kanzlerin am 9. Mai des Jahres bei den Moskauer Siegesfeiern, zur Rechten des russischen Präsidenten. Gefeiert wurde die Befreiung Europas und seiner Werte durch die Rote Armee. Frau Merkel hat dem nicht widersprochen.
Der französische Linksrepublikaner Leon Gambetta hat wenige Monate nach der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Preußen-Deutschland im Herbst 1871 den Satz geprägt:“ Immer daran denken, niemals davon sprechen“. Gemeint war die eigene militärische Niederlage. Dieser Satz wurde zum Programm französischer Revanchepolitik, in der nach Versailles die polnische 2. Republik eine zentrale Rolle spielte. Das sollte aber keine Option für Deutschland und die Deutschen sein oder werden. Es bleibt nur der Weg des wechselseitigen Respekts und des Dialoges. Dazu braucht es aber die Bereitschaft beider bzw. aller beteiligten Seiten. Und zwar zuerst zur historischen Wahrheit. Das herkömmliche moralische Diktat des Grunwaldmythos trägt nicht dazu bei – auch nicht die Feier dieser Tage.

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19.12.2009 von dragonX6.
Wenn Stephen Venner, der von seiner anglikanischen Kirche neu bestellte Militärbischof für die britischen Streitkräfte, seine erste Predigt zu Mt 5,44-45a („Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.“) gehalten hätte, wären die Reaktionen kaum ablehnender ausgefallen. In einem Interview mit dem Daily Telegraph warb der oberste Militärgeistliche für einen „more sympathetic approach“ gegenüber den Taliban, der ihr Menschsein anerkenne. Die gängige Sicht der Taliban sei zu vereinfachend. Vieles, was Taliban sagten und tun, sei im Westen inakzeptabel. Auch seien ihre Kampfmethoden weder ehrenwert noch hinnehmbar. Man möge aber bedenken, dass viele Menschen unter ihrem Einfluss stünden. An einem künftigen Afghanistan müssten aber alle Gruppen beteiligt werden. Nur ein so zu gewinnender dauerhafter und gerechter Friede könne letztlich das Opfer der eigenen britischen Soldaten und Soldatinnen rechtfertigen.
Den Interview-Titel bezog die Redaktion auf die Aussage Venners: „The Taliban can perhaps be admired for their conviction to their faith and their sense of loyalty to each other.” Das ist – so meinen wir – der Sache nach eine durchaus kritikwürdige Behauptung. Die öffentliche Argumentation ging aber einen kürzeren Weg. Ein im Blatt zitierter afghanistanerfahrener Colonel nannte Venner “naiv”. Man müsse den Feind militärisch und nicht religiös verstehen. Und schließlich seien die extremistische Deutung des hl. Krieges und die Religion des Friedens und des Verstehens, für die der Feldbischof eintrete, unvergleichbar.
Zeitpunkt und Aussagen des Interviews konnten kaum unglücklicher gewählt sein. Zeitgleich hielt sich Premierminister Gordon Brown in der selbstgewählten Rolle des Kriegspremiers im Kampfgebiet auf, um die Moral der Truppe zu stärken. Wenige Tage vorher war der hundertste gefallene britische Soldat im laufenden Jahr zu beklagen, seit 2001 sind es bereits 237. Brown sprach von einem Guerilla-Krieg, der seitens der Taliban mit dem Ziel größtmöglicher Zerstörung geführt werde. Alle zwei Stunden werde unterdessen eine Sprengfalle gefunden.
Bischof Venner entschuldigte sich umgehend für seine „unsensiblen“ Worte und sah sich missverstanden. Sein kirchlicher Vorgesetzter, der Erzbischof von Canterbury, blieb öffentlich stumm, dasselbe gilt für die politische Führung. Das Ganze wurde letztlich als Fauxpas eines Anfängers behandelt.
Britannien ist „on war“. Das Feindbild steht nicht zur Debatte. Es muss klar und im Ergebnis „vernichtend“ sein. Das motiviert zumal dann, wenn die eigene militärische Lage schwierig wird und das politische Umfeld der Truppe zu wenig Rückhalt bietet.
Das ist im Vereinigten Königreich nichts Neues. Erinnert sei an den in Deutschland zu Unrecht vergessenen George Bell, der als Bischof von Chichester und Mitglied des Oberhauses während des Zweiten Weltkrieges öffentlich Kritik an der gegen Deutschland gerichteten britischen Luftkriegführung („area bombing“) übte. Als ökumenisch erfahrener, als Nazi-Gegner bekannter untadeliger Kirchenmann, der seine Argumente sehr wohl abzuwägen verstand, war er persönlich unangreifbar. Also wurden seine Interventionen ab-geschwiegen. Im Oberhaus war er völlig isoliert, im Unterhaus unterstützten ihn nur zwei Abgeordnete. Dasselbe wiederholte sich nach Ende des Krieges, als Bell sich gegen die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten des Reiches wandte. Mehrmals soll Kriegspremier Winston Churchill die Wahl die Wahl Bells zum Erzbischof von Canterbury verhindert haben.
In Zeiten des Krieges gibt es nur eine klare Wahl: für die eigene Seite bedingungslos einzutreten oder zum Verräter zu werden. Für die angelsächsische Kultur brachte dies ein junger US-Marineoffizier, Stephen Ducatur jun., nach der siegreichen Niederwerfung nordafrikanischer Piraten zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem Trinkspruch auf den kurzen Nenner: „In matters of foreign affairs, my country may she ever be right, but right or wrong, my country, my country!“.
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25.11.2009 von dragonX6.
Um es vorweg zu sagen: das Anliegen des ehemaligen Stellvertretenden Generalinspekteurs Siegfried Storbeck, der Aufbaugeneration der wehrmachtsgedienten Bundeswehrsoldaten rechtzeitig – noch vor ihrem Tod – öffentlich und ehrenvoll zu gedenken, halte ich für begründet. Dass es tatsächlich nicht oder zumindest nur im geschlossenen Kreis geschieht, liegt wesentlich daran, dass der Mut fehlt, sich der geschichtspolitischen Moral-Dogmatik der SED-Linken zu widersetzen, die soldatische Moral nach Klassenkampfaspekten sozialistisch-gerechter Kriege bemisst.
Doch gerade als Nachgeborener, dem es um Ehre und Unehre der Vätergeneration geht, sollte man sich historisch sattelfest machen, statt sattsam bekannte Plakate auszuhängen. Schlechte „oberste“ Führung – gute Männer? Die „Sowohl-als auch“ – Ausreden der 60er Jahre (schuldhaft verstrickt-schuldlos missbraucht) werden dem heutigen (Ge-)Wissenstand nicht mehr gerecht. Denn unendlich viele Soldaten der Wehrmacht – vielleicht abgesehen von nicht kleinen Teilen der Generalität, die sich direkt nach Kriegsende durch Memoirenliteratur zu exkulpieren versuchte – wähnten und wähnen sich noch schuldig: Weil sie überlebt haben und die Kameraden nicht. Sie wissen sich aber auch moralisch belastet, weil sie zumal im Osten diesen Krieg als wechselseitig grausam geführten, moralisch total entgrenzten Vernichtungskrieg erlebt haben. Die „Zehn Gebote des deutschen Soldaten“ erwiesen sich nur zu oft als Makulatur. Das war nicht immer so – aber eben oft. Man lese die Feldpostbriefe gerade junger Soldaten, um sich darüber belehren zu lassen.
Wenn es denn „Idealismus“ gegeben hat, dann über öffentliche Propaganda, NS-Jugenderziehung und eine schulische Bildung, die schon in der Weimarer Zeit nicht müde wurde dazu zu erziehen, eher für´s Vaterland zu sterben als für es zu leben. Mein Vater, seit 1924 Soldat, und seine überlebenden Kameraden konnten sich an keine Begeisterung erinnern. Eher an Beklommenheit, die erst wiech, als die Siege, Orden und Beförderungen kamen.
Man musste übrigens nicht in die „oberste“ Führung aufsteigen, um zu bemerken, dass die Männer – je länger der Krieg dauerte – immer mehr physisch, psychisch und moralisch überfordert wurden. (Jetzt sollte man eigentlich über PTBS reden.) Diesen Aspekt übersieht ein Martin van Creveld, wenn er die Schlagkraft der Wehrmacht rühmt. Der Soldat wurde immer mehr zum Menschenmaterial degradiert, auch wenn Vorgesetzte das nicht wollten. Das vernichtende Gift der Nazi-Ideologie reichte bis hier hin.
Das traditionelle Ethos war dem preußischen Offizierkorps schon im Ersten Weltkrieg abhanden gekommen. Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ vermitteln keine Ethik, sondern ein mystisches Vernichtungserlebnis. Zur Mythologie schon der Kgl.-Preußischen Armee gehörte die mit einer Aureola umgebende Rede vom Eid. Er war schon damals rechtlich „hohl“ und unverbindlich, ein Symbol eben. Nicht mehr. Es wirkt einfach peinlich, wenn sich hohe, nach dem Krieg auch wieder „christliche“ militärische Verantwortungsträger hinter der moralischen Macht dieser Institution verschanzen, um Unterlassungen zu rechtfertigen. Hätten sie zuvor – irgendwann in ihrem Berufsleben – sich ernsthaft um den sittlichen Gehalt eines wirklichen Eides bemüht, hätten sie 1944 die Pflicht zur Widerstandstat erkannt.
Warum Storbeck die Waffen-SS (Moto: „Meine Ehre heißt Treue“) in die Tradition preußisch-deutschen soldatischen Ethos einbeziehen will, bleibt angesichts dieser jede Sittlichkeit aushebelnden Maxime („blinder Gehorsam“) unnachvollziehbar.
Unverständlich bleibt uns schließlich die von Storbeck gezogene Folgerung, im Kampf gegen die Taliban bewähre sich heute die moralische Festigkeit deutscher Soldaten: angesichts von Hass, Vernichtungswillen, mörderischer Heimtücke unter Einbeziehung unschuldiger Zivilbevölkerung – hinterhältiger Taktik des Gegners also. Nicht einmal ein zugegebenermaßen rassistisch denkender Leutnant Winston Churchill, als „embedded journalist“ an der Niederschlagung des Mahdi-Aufstandes beteiligt, hätte den islamistisch motivierten Gegner moralisch derartig abgewertet. Den Auftrag der eigenen Truppen beschreibt Churchill übrigens mit feiner, realistischer Ironie: “Welches Unterfangen könnte ehrenvoller und einträglicher sein, als fruchtbare Landstriche der Barbarei zu entreißen… der Einsatz ist tugendhaft, die Ausführung wohltuend und das Resultat in manchen Fällen äußerst ertragreich“ (River War, 1899)
Wer allerdings ein solches Denken für Moral oder ethisch gerechtfertigt hält, sollte sich nicht in die Tradition des deutschen Offizierethos einreihen wollen. Dieses aber nur zu fordern, in Wirklichkeit aber weder beim „ius ad bellum“ noch beim Kriegführungsrecht konkret anzuwenden, ist ein Widerspruch.
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26.10.2009 von dragonX6.
Unter den in der Regel routinisiert wirkenden alljährlichen Gedenkreden zum 20. Juli fiel in diesem Jahre jene aus dem Rahmen, die der frischgebackene Wirtschaftsminister zu Guttenberg als Vertreter der Bundesregierung an der Gedenkstätte Plötzensee zu halten hatte. Da wurde kein Referentenentwurf vorgelesen. Aus einer Art subjektiver Nachdenklichkeit spiegelte Guttenberg die heutige politische Gedenkpraxis in der Erinnerung an seine Vorfahren der dritten und vierten Generation, die damals in der militärischen Opposition gestanden und z.T. ihr Leben verloren hatten.
Und: in welcher Weise sind sie Vorbilder für die Gegenwärtigen, die Angehörigen der Generationen Nachkriegsgeborener, die ihre Abkünftigkeit von jenen oft explizit verleugnen?
„Auffällig ist indes, dass wiederholt ein anderes Extrem gesucht wird: der belehrende, akribisch die Schwächen suchende und nicht selten zur Marginalisierung neigende Unterton in der Beschreibung der Widerstandsbewegung. Worauf richtet sich dieses Ansinnen? Möglicherweise auf das Verständnis von Vorbildern.Tatsächliche Vorbilder für verantwortungsvolles Handeln entspringen jedoch nicht der Erkenntnis von Übermenschlichkeit, sondern im Ergebnis ist es gerade das Menschliche, was die Taten groß, auch heldenhaft erscheinen lässt.“
Fotos von der privaten Hompage von Dr. zu Guttenberg .
Damit richtet sich der Focus auf Erkenntnis und Charakter derjenigen, die zum Widerstand fanden. Beides setzt einen Lernprozess voraus. Dann folgen Entscheidung und Tat – ohne Möglichkeit der Umkehr. Die „Helden“ des Widerstandes waren eben keine Übermenschen, sie waren „normal“ bis zur Stunde der Entscheidung.
„Es wäre ein Ausweis der Armseligkeit, wenn der moralisierende Maßstab des Übermenschlichen - angelegt von allzu menschlichen Vertretern - das Land seiner Vorbilder berauben würde.
Immer wieder wird im Zuge des 20. Juli “mangelndes Demokratiebewusstsein unter den Verschwörern” beklagt. Was für ein komfortables, ja manchmal hochmütiges Urteil - sei es aus dem angeblich gefestigten Wissen unserer Zeit oder aus Gründen individueller Geschichtsbewältigung.“
Guttenberg weiß um die aussichtslos erscheinende Lage dessen, der sein persönliches Ethos zu bewahren versucht und gerade dadurch allgemeine Ausgrenzung erfährt. Theodor W. Adorno setzte wohl in seinen „Minima moralia“ genau auf solche Menschen, die bei der Verwirklichung „des Richtigen im Falschen“ notwendig scheitern müssen und sich dennoch treu bleiben. Heute jedoch triumphiert, nicht nur im linken Spektrum, instrumentierende Geschichtspolitik.
Die Person des handelnden Akteurs also muss im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Das war auch ein maßgebliches Motiv für die seinerzeitige Luftwaffenführung der Bundeswehr, Werner Mölders als Zeugen guter deutscher soldatischer Tradition zum Namensgeber eines Geschwaders zu machen. Nicht das Flieger-Ass und der Ritterkreuzträger zählte, sondern der „gerade Gang“, die umsichtige Führungskraft, Kameradschaft und Menschlichkeit. Diejenigen, die den Anstoß zur damnatio memoriae gegeben hatten, wollten exakt das Gegenteil: alles das abwertend und für bedeutungslos erklärend wurde der Mensch und Soldat – auch der katholische Christ – Mölders demontiert, herabgewürdigt und verunglimpft. Dem ist die Hohe Führung öffentlich nicht deutlich und klar genug entgegengetreten. Wissenschaftliche Beiträge aus dem Bereich der Bundeswehr trugen ebenfalls nicht zur Klärung bei – im Gegenteil.
Hier ist Genugtuung überfällig, von höchster Stelle. Die persönliche Ehre des jung verunglückte Offiziers und derer, die sich für ihn einsetzten, bedarf neuer Anerkennung, in welcher Form auch immer. Der neue Minister darf ohnehin nicht darauf hoffen, den Respekt oder gar die Unterstützung der „antifaschistischen“ Linken zu finden. Im Gehgenteil, es liegt in der Logik des Arguments, dass auch die Soldaten der Bundeswehr demnächst als Mittäter eines ungerechten Angriffskrieges entlarvt werden.
Doch diese politische Perspektive, das hat K.T. zu Guttenberg klar (an-)erkannt, kann kein tragender Grund für die notwendige Korrektur eines Unrechts sein. Es geht vielmehr um Grundfragen von Werten, Verantwortung und Ethos, eher um die Zukunft als die Vergangenheit deutscher Streitkräfte.
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9.10.2009 von dragonX6.

Günter Rall hat achteinhalb Jahre als Soldat in der Luftwaffe der Wehrmacht (1936-1945) (Major) und fast 20 Jahre in der Bundeswehr (1956-1975) (Generalleutnant), zuletzt als Inspekteur seiner Teilstreitkraft und als Deutscher Militärischer Vertreter im Military Committee der NATO gedient.
Rall wurde weltbekannt durch seine 275 Luftsiege im Zweiten Weltkrieg, vor allem an der Ostfront (Platz 3 im internationalen Ranking der Luft-Sieger). Hoch ausgezeichnet, wurde er zeitlebens – und nicht nur von der seinerzeitigen deutschen Kriegspropaganda – zum Objekt der Verehrung hochstilisiert, ganz ohne sein Zutun und gegen seinen Willen. Darüber hinaus wäre es naiv zu glauben, dass die junge Bundeswehr ihr Ansehen und damit die Integration in die NATO ohne ihre Ritterkreuzträger und vor allem die Flieger-Aces so schnell gefestigt hätte. Dieses Personal-Kapital hatte militärisch und vor allem politisch höchsten Wert. (Wobei den vor allem angelsächsischen „Fans“ wohl kaum klar war bzw. ist, in welcher zu allen anderen Luftwaffen unvergleichbaren Weise die deutschen Piloten von ihrer Führung ausgebeutet wurden.)
Dem Wehrmachtsmajor Rall ist anzusehen, welchen Preis er für die über 700 Feindflüge zu entrichten hatte. Mehrere schwere Verwundungen und psychische Belastungen begleiteten das weitere Leben. Darüber hat Rall offen gesprochen. Da war kein Platz für „Heldisches“.
Die Gegenwart hat dafür keinen Sinn mehr, wie selbst der kurze Nachruf Stephan Löwensteins – und noch mehr manche Zuschriften dazu - zeigen. Die politische Folie der Beurteilung der Rolle und Stellung der Wehrmacht im NS-Staat überlagert, oft verständnislos und grausam, persönliche Leistungen und Leiden der damaligen Soldaten. Darum fühlte sich Rall wohl auch persönlich verletzt, als der seinerzeitige Verteidigungsminister Peter Struck im März 2005 paradigmatisch die „damnatio memoriae“ über den Wehrmachtspiloten Werner Mölders verfügte. Rall hatte ihn als Inspekteur der Luftwaffe 1973 zum Namensgeber des Jagdgeschwaders 74 in Neuburg/Donau bestimmt, weil seine Person – als Menschenführer, Anti-Nazi und Pilot – ihm als Vorbild deutscher Luftwaffensoldaten geeignet erschien (wohl nicht zuletzt auch in Absetzung von anders geprägten angelsächsischen Leitbildern und Traditionen).
Das Vorleben des Luftwaffeninspekteurs wird, auch von der Bundeswehr, hinter einem einzigen Satz verborgen. Das scheint schon politisch, wenn man von innenpolitischen Profilierungen absieht, unklug, denn in anderen Ländern und Streitkräften, zumal den verbündeten, wird das überhaupt nicht verstanden. Hier haben ohnehin jüngste Ereignisse das Bewusstsein geschärft, klarer zwischen deutschen Soldaten damals und heute zu unterscheiden – übrigens keineswegs zugunsten der Bundeswehr. Menschlich ist dieses Verleugnen der Vergangenheit keineswegs akzeptabel, denn das ganze Leben zählt.
Zumal die praktisch-politischen Konsequenzen eines solchen Lebens verdienen Beachtung. Günther Rall fasst sie so zusammen:
“…Die mich für meine 275 Abschüsse bewundern, wissen nichts vom Krieg! Sie wissen nicht, was esfür ein ganzes Menschenleben bedeutet, dass man in jungen Jahren töten musste, um selbstnicht getötet zu werden. Sie kennen die Scham und die Trauer des Überlebendennicht. Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern eineSchande; er ist der völlige Bankrott politischen Handelns…”.

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9.11.2007 von dragonX6.
Itinerarium Franz Jägerstätter Berlin-Brandenburg/Havel
2. November 2007
Die Geschichte geht ihren Gang. Aber die einmal beschrittenen Wege bleiben. Am 9. August 1943, morgens 6.00 Uhr, begann unangekündigt eine Reise – vom Block III in Tegel, der Militäruntersuchungshaftanstalt, nach Brandenburg-Görden. Franz J. und 11 Mithäftlinge, davon sechs Zeugen Jehovas, die den Waffendienst verweigert hatten (wie die meisten Männer ihrer Gemeinschaft). Der Weg ging über die (frühere) R 1, jene Straße von Aachen bis Gumbinnen an der deutsch-litauischen Grenze.Doch J. fuhr in umgekehrter Richtung, nicht ahnend, was ihn erwartete. (Das erfuhren die Häftlinge erst nach ihrer Ankunft in Görden: sie sollten am selben Nachmittag um 16.00 Uhr hingerichtet werden.)
In diesen Tagen, zum Gedenken, folgte ich J.´s Spuren vom Reichskriegsge-richt in Wilmersdorf, am Lietzensee, bis vor die Tore jener Anstalt, die schon wieder – oder immer noch – als eine der „modernsten“ ihrer Art im Reichs-/Bundesgebiet gilt. Das „Alte Kammergericht“ wird in diesen Tagen einer „profanen Bestimmung“ zugeführt wird. Es soll fast 100 luxuriösen Mietwohnungen Raum geben. Was wird nach der Privatisierung aus den Gedenktafeln, die neben an J. an 260 zum Tode verurteilte „Kriegsdienstverweigerer“, ermordete und vertriebene jüdische Berliner Juristen und den Heeres-Chefrichter Karl Sack erinnern, der selbst 1945 in Flossenbürg sein Leben verlor? Werden sich die reichen Mieter damit konfrontieren lassen wollen, dass dieses Gericht in neun Jahren 1400 Todesurteile verhängte – in der jetzt wieder hergestellten wilhelminischen Eleganz?
Heute lassen sich Potsdam und Brandenburg über die Autobahn umgehen; damals noch nicht: die Reichsstraße 1 führt durch die märkische Heide. Und sie brauchten ihre Zeit an jenem 9. August. Ist dann die Havelstadt passiert, braucht´s Weiteres nach Görden. Im Wald tauchen schließlich die Backsteingebäude der psychiatrischen Klinik auf. Von hier aus sind es nur Meter bis zur „Zuchthausmauer“. Der Haupteingang. Damals wie heute. Kein Zutritt, Die Gedenkstätten-Organisation sieht nur angemeldete Gruppen vor – damit die Ordnung des Hauses nicht gestört wird. Über 1700 Hinrichtungen: Sollten sie nicht einen leichteren Pfad des Gedenkens ermöglichen? Am Zugang nur eine schon witterungsgeschädigte Tafel. Schamhaft nennt sie wenige Daten. Der sowjetische T 34 auf der anderen Straßenseite soll einen „Dank an euch, ihr Sowjetsoldaten“ (unter Nennung der Verbandsnummer) ermöglichen. Verwitterter Kunststein nennt „1798 Opfer des Faschismus“: „Ihre Taten waren gute Taten“. Armer Franz Jägerstätter, in welcher Gesellschaft findest Du Dich hier wieder! (Auch der Nachwende-Gedenkstein an die Sowjet-Opfer der Anstalt verbirgt sich lieber hinter einem Strauch.)
Letzten Trost und hilfreiche geistliche Gemeinschaft findet F.J. in der Katholischen Pfarrgemeinde Heilige Dreifaltigkeit. Kirche und Pfarrhaus lagen zwar nicht an seinem Weg, aber ihr Priester Albrecht Jochmann kommt zu ihm. Er ist früh gestorben. Görden hat ihn Kraft gekostet. Dasselbe gilt für den Kölner WH-Dekan Heinrich Kreutzberg, den Seelsorger von Tegel. Er kann erst nach dem Krieg an´s Grab des österreichischen Märtyrers treten, mit dem er in Berlin manche Stunde verbracht hat.
„Nein“, sagt die junge Ordensschwester, die die Kirchentüre zum Rosenkranzgebet aufschließt, eine Tafel, die 12 Priester und zwei Laienchristen (einer davon Jägerstätter) nennt, kennt sie nicht. Und verweist auf die Sankt-Nikolai-Kirche. „Vielleicht dort“. Aber die ist geschlossen, an diesem Sonntagnachmittag, aber zumeist auch sonst. Sie ist die „Gebets- und Gedenkstätte für die Opfer ungerechter Gewalt“, wie eine Außentafel ausweist. Sozusagen universal einsetzbar; auch die Erben der Kommunisten können damit leben. Antifa auf katholisch.
Wer die Stadt noch einmal hinter sich lässt und den Weg zur Richtstätte nach rechts verlässt, findet den Gördensee. Hier herrscht Frieden. Im Wasser könnte sich das Antlitz des neuen Seligen spiegeln.
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30.10.2007 von dragonX6.
Mehr als 64 Jahre nach seiner Hinrichtung in der Richtstätte des Zuchthauses Brandenburg-Görden hat das Leben des oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter scheinbar doch noch ein gutes Ende gefunden. Der am 6. Juli 1943 vom Reichskriegsgericht wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilte Wehrmachtssoldat wurde am 26. Oktober 2007 in einer feierlichen Zeremonie im Linzer Dom als „Märtyrer und Familienvater“ im Auftrag Papst Benedikt XVI. unter die Seligen der katholischen Kirche aufgenommen. Seine Witwe Franziska und die drei Töchter nahmen an dem Gottesdienst teil.
Der kirchliche Akt hebt auf die „Hingabe des Letzten“, „hochherzige Selbstverleugnung“, „aufrichtiges Gewissen“, „Treue zum Evangelium“ und Einsatz „für die Würde der menschlichen Person“ ab. In der Bistumsblatt-Vita des Franz Jägerstätter, verfasst vom jetzigen Innnsbrucker Diözesanbischof und Pax-Christi-Präsidenten Österreichs, Manfred Scheuer, der auch Postulator des Seligsprechungsprozesses in Österreich war, findet das eine recht „fromme“ Entfaltung. Jägerstätter wird als Märtyrer des Gewissens zum Inbegriff des modernen Kriegsdienstverweigerers stilisiert – sicher zu unrecht: Er war weder Pazifist im klassischen Sinne noch „Eidverweigerer“. Sein Widerstand bezog sich ganz allgemein auf die Politik des Nationalsozialismus, insbesondere die NS-Kriegsziele und die für ihn nicht akzeptable Kriegführung der Wehrmacht.
Umgerubelt waren seine Person, Überzeugungen, Schicksal und Zeugnis schon von seinem publizistischen Entdecker, einem katholischen US-Soziologen und Pazifisten, Gordon Zahn, der ihn 1967 zum „Patron“ des sich formierenden Widerstandes gegen den Vietnam-Krieg erhob.
Die Verwendung der Vita des F.J. zu verschieden Zwecken beschränkt sich nicht auf die Friedensbewegung. J. eignet sich auch – als Mann aus dem Volk- zur Stärkung nationaler österreichischer Identität. Er steht sozusagen für das bessere Österreich, er büßt schon 1943 mit seinem Leben für die „Sünde“ der Nation von 1938. Aber vielleicht sollte man im Sinne dieser Deutung eher von „Irrtum“ sprechen, einer kollektiven conscientia erronea nationis. Die seinerzeitige Ausgrenzung des Mitbürgers und dann auch seiner Hinterbliebenen im malerischen St. Radegund liefert allerdings eher Beweise für die Unbarmherzigkeit gegenüber dem irrigen Gewissen des „Bauern und Messner“.
Der österreichische Staat hat Witwe und Kindern lange Zeit eine Unterhaltszahlung verweigert, die öffentliche Anerkennung noch länger. Jetzt gibt es eine F.J.-Straße, einen nach ihm benannten Park in Braunau (!), eine Benennung übrigens, die nach Auskunft der Lokalzeitung von 80% der Bürger abgelehnt wird, Lied, ja sogar eine Oper (in zehn Bildern) – und den von den organisierten katholischen Soldaten publizierten Vorschlag, eine Kaserne des Bundesheeres nach F.J. zu benennen, nachdem Heeres-Theologen J. als „Patrioten, nicht Pazifisten“ und als Vorbild heutiger Wehrmänner identifiziert hatten. Es heißt allerdings, dass konservative Soldaten höherer Dienstgrade solchem Ansinnen wenig Sympathie entgegen bringen.
Insgesamt bleibt vor allem die historische Rolle und das geistige Profil der (amtlichen) Kirche in der Causa des F.J. auf seltsame Art blass. Die eigentliche Tragik des frommen Simplex lag vielleicht darin, dass die (kirchlichen) Autoritäten, die ihm geblieben waren, ihn als „Fall“ sahen und seine Argumente, die ihm immer zwingender erschienen, einfach nicht anerkennen wollten. Das galt nicht nur damals, vor und während des Prozesses, sondern es setzt sich heute mit etwas schlankeren Sophistereien fort. Selbst jetzt, im Rahmen der Seligsprechung, fand die Kirche Österreichs nicht den Mut, etwa dem seinerzeitigen Linzer Ordinarius Joseph Fließer, der F.J. zu einem mehr als einstündigen Seelsorgegespräch empfangen hatte, Irrtum, Feigheit und Missbilligung zuzusprechen. Wer die noch greifbaren Prozessunterlagen im Fall F.J. und die weiteren verfügbaren Zeugnisse liest, kann sich unschwer vorstellen, dass den Richtern des Reichskriegsgerichts in Berlin nicht wohl in ihrer Haut sein konnte. Schon zuvor hatte offensichtlich „die Truppe“ alles versucht, den „seltsamen Heiligen“ auf seiner „Irrfahrt“ zu stoppen. Immerhin wurde die fünftägige Abwesenheit nach abgelaufenem Dienstantrittstermin vertuscht; man versicherte J. auf bewährte soldatische und zugleich österreichische Art, dass sich die Effizienz seines militärischen Beitrages als 36jähriger Mannschaftsdienstgrad in einer heimatlichen Res.-Kfz-Abteilung in Grenzen halten dürfte. Durch solche Rettungsversuche wurde Jägerstätter in seinem Willen zum Zeugnis gegen den neuen Cäsar eher noch bestätigt und gestärkt. Für das Berliner Gericht ein „klassischer“ Fall von „Zersetzung der Wehrkraft“, wonach mit Todesstrafe bedroht war, „wer öffentlich dazu auffordert oder anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht …zu verweigern oder sonst öffentlich den Willen….zu wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht“. Besonders unverständlich musste es erscheinen, wenn in diesem Fall nicht ein Zeuge Jehovas sein „Gruppen-Bekenntnis“ ablegte, sondern der offensichtlich tief religiöse Angehörige der ansonsten doch staatsfrommen katholischen Kirche im neuheidnischen Rom dem neu-göttlichen Cäsar quasi in´s Antlitz widerstand. Die überlieferten Dialoge zwischen Gericht und „Zeuge“ erinnern tatsächlich bis in´s Detail an jene früheren, im antiken Rom aufgezeichneten Märtyrer-Akten.
Nach Stalingrad sank der Stern der großdeutschen Heere. Um so wichtiger erschien es der NS-Führung, „fanatischen Widerstandswillen“ zu fordern und zu fördern. Darum musste Jägerstätter sterben. Wehrmachts-Dekan Heinrich Kreutzberg, der Seelsorger der Militäruntersuchunghaftanstalt Berlin-Tegel, in vielen hundert Fällen der Begleiter in letzten Tagen und Stunden, hat F.J. als ganz außergewöhnlichen Menschen und Christen beschrieben. Dieselbe Erfahrung machte der Brandenburger Pfarrer Albrecht Jochmann, den man wenige Stunden vor der Hinrichtung zum gerade in Görden eingelieferten J. holte. Franz Jägerstätter starb als erster von Zwölfen, am 9. August 1943, um 16.00 Uhr, vor sechs Kriegsdienst verweigernden Zeugen Jehovas, in der modernsten deutschen Strafanstalt unter dem Fallbeil. Der Henker brauchte für jeden Delinquenten etwa zwei Minuten. Jägerstätter starb in tiefem Vertrauen auf Gott und in dem Bewusstsein, als Sein Werkzeug der Wahrheit gedient zu haben. Ob es wirklich eine so gute Idee war, die Seligsprechung auf den Nationalfeiertag der Zweiten österreichischen Republik zu legen, darf bezweifelt werden. Zeitgleich zum Linzer Hochamt fand auf dem Wiener Heldenplatz die feierliche Angelobung von 1400 Rekruten mit anschließender Militärparade statt. 500 000 Menschen sollen dabei gewesen sein. Man erinnert sich an diesem Tag an den Abzug der letzten Besatzungssoldaten 1955 und die Verkündigung „immerwährender Neutralität“. Unter EU- und NATO-Kommando dienen österreichische Wehrmänner in Bosnien-Hercegowina und in Afghanistan.
Man sei erfreut, so äußerte sich der päpstliche Delegat bei der liturgischen Zeremonie, dass in Franz Jägerstätter ein „Familienvater“ zur Ehre der Altäre erhoben sei. In Rom sieht man die „heroischen Tugendgrade“ offensichtlich immer noch als Privileg von Klerikern und Ordensleuten. Franz Jägerstätter hat sein Zeugnis wohl eher im öffentlichen Bekenntnis von göttlichem Gesetz und Würde des Menschen gegen ein politisches Regime und eine „verkehrte“ Gesellschaft gesehen. Er geriet dabei in ein allseitiges Abseits; nur seine Frau hielt zu ihm. Wer wirklich im und aus dem Gewissen heraus handelt, muss mit einer solchen Situation rechnen. Darüber sollten auch die nachdenken, die heute – und sei es als Richter – über Gehorsam und Gewissen des Soldaten nachdenken. Auf ein gutes Ende – wie in der Causa Jägerstätter – sollte nicht gesetzt werden. Dieser schlichte Mensch wird Nachfolger finden müssen, sonst wird die Menschlichkeit in dieser Welt verloren gehen.
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21.4.2007 von dragonX6.
Der Streit um den gegenwärtigen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg sei außen vor. Die praktizierte Geschichtspolitik nähert sich immer mehr den Deutungsmustern „sozialistischer“ Provenienz an. Hier soll es um die Wertung von Person und historischer Rolle Hans Filbingers gehen. Der seinerzeitige Rechtsvertreter der publizistischen Ankläger, Heinrich Senfft, resümiert die damaligen Positionen Hans Filbinger hielt schon 1998 Bilanz: hart, klar, unverändert. Der Marinerichter der Wehrmacht hat „recht“, d.h. richtig gehandelt, die Zeugen- der frühere OLt Forstmeier und der katholische Marine-Pfarrer Moebius, sagen für ihn aus. Auch weitere Expertisen - der Freiburger Prof. und FAZ-Redakteur Gillessen, der Jurist Sepaintner, Golo Mann - stehen (über eine Weikersheimer Domain) zur Verfügung, Zettel-Blog setzt für die Gegenwart die Linie fort, CDU-Kauder war zuletzt 2001 (!) vernehmlich.Was fällt zuerst auf? Milieus mit eigenen „Argumentations-Mustern“ treffen aufeinander. Der Moralist Rolf Hochhuth passt – immer noch oder erneut – behauptete Tatsachen der moralischen Invektive an. Da kann man auch einfach einige „Fälle“ verwechseln, das Konkrete wird allemal vom allgemeinen Un-Werturteil dominiert. Das „Reich des Bösen“ lässt grüßen! Der „positive“ Jurist sieht allemal den „Fall“, und nur ihn. Wo bleibt der Mensch, der vorgeblich immer im Mittelpunkt steht (sogar in der WH, wenn auch vielleicht mit anderen Attributen)? (War etwa der Offizier oder der Priester etwas „mehr“ Mensch?) Sollte es dem Marine-Richter F. entgangen sein, dass – nur zu offensichtlich – die Zahl der kriegsgerichtlichen Todesurteile, bis zu Beginn 1945 auf über 29000 im Vergleich zum I. Weltkrieg mit 48 Hinrichtungen hochgeschnellt, eindeutige Rückschlüsse auf die kalte Unbarmherzigkeit des NS-Systems erzwang? Warum wollte F. denn sonst zur Truppe, wenn er nicht die Rolle des „furchtbaren Juristen“ fürchtete, in die er zwangsläufig geraten musste. (Und der er sich in Praxi wohl mit einiger Courage entzogen hat.) Und dennoch: Wie konnte man im Jahre 1944 oder gar später noch denken und aussprechen (!), was „damals“ im Kaiserreich der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts rechtens gewesen sei, hätte 1944/45 doch auch Anspruch auf Geltung gehabt. Wo bleibt da die praktische Vernunft? Genau die war beschädigt, vielleicht gerade durch die katholische Herkunft. Das Elaborat des ND-Gaugrafen F. von 1933 spiegelt die Positionen der kirchlichen Hierarchie wider: Ende des politischen Kampfes, Bekenntnis gegen das „Volksfremde“, Vaterland, Versöhnung, Verzicht auf Kritik an der Obrigkeit. Der Weg zur Versöhnung zwischen „Katholischer Weltanschauung“ und NS zeichnet sich schon ab, die Mitgliedschaft in SA und NSDAP als kleineres Übel rückt deutlich näher. Da wird das Bedürfnis nach Unverjährbarkeit des Damaligen, wie ihn ein Spiegel-Redakteur 2002 zum Ausdruck bringt, verständlich. Ohne Klarheit kein Ende der Geschichte! „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8, 32) ist ausgerechnet das Motto der Freiburger Universität, der F. so eng verbunden war. Es mutet schon äußerst seltsam an, wenn der Berliner Kardinal Sterzinski verlautbaren lässt: „Sterzinsky untersagt Filbinger-Gedenken Das geplante Gedenken an den Einsatz von Hans Filbinger für die Rettung des zum Tode verurteilten Berliner Priesters Karl Heinz Möbius findet nicht statt. Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky hat dies untersagt.Er möchte verhindern, dass der Gottesdienst missbraucht und missverstanden wird.“ Das verwundert selbst die taz, die wohl auf kirchliche Klärungskompetenz hoffte. Die steht allerdings noch dahin. Man erinnere sich an den Fall des Münchener Weihbischof Matthias Deffreger, der als weiland WH-Hauptmann im Juni 1944 einen ihm ereilten Auftrag zur Erschießung von Geiseln „weitergab“. Seinerzeit – 1968 (!) – sah der Münchener Erzbischof (und der Vatikan) kein Hindernis in den laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen für die Bischofsweihe des bewährten Priesters und Generalvikars. Zur Verfahrenseröffnung kam es nicht, da Deffregger – so der Staatsanwalt – „den verbrecherischen Charakter des Befehls nicht erkannte“. (Hätte er Radio Vatikan gehört, hätte er von den zahlreichen Appellen Pius XII. gewusst, die die Tötung Unschuldiger, insbes. von Geiseln, als Widerspruch zum natürlichen Recht und dem Sittengesetz geißelten.) So schützt denn das „furchtbare („positive“) Recht die Moral vor sich selbst.In summa: „Nihil novi sub luna!“ Fragt sich nur, ob die Gegenwärtigen und Künftigen in Zeiten universaler „terroristischer“ Gewalt und ihrer Bekämpfung mit solchem moralischen Fortschritt (über-) leben können. P.S. Was die Frage nach „furchtbaren Juristen“ positiv bewirken kann, sieht man an einem Autor, dem die Antifa-Selbstgerechtigkeit zu sehr der des Gegenübers gleicht – und der sich auf den Weg der „Metanoia“ macht.
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