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26.11.2011 von dragonX6.

Es ist still geworden um den vor jetzt 70 Jahren in Breslau abgestürzten deutschen Jagdflieger. Der Medienhype um seine „Entehrung“ ist selbst schon Geschichte. Mit den beiden Biografien von Horst Braatz und vor allem von Hermann Hagena, dem eine beachtliche Vertiefung von seitens des MGFA leichtfertig in Abrede gestellten Tatsachenerkenntnissen gelang, ist das Historische weithin ausgeleuchtet.
Stationen eines Lebens, das nur 28 Jahre dauerte: Halbwaise, Gruppenführer im katholischen Schülerbund „ Neudeutschland“, Offiziersausbildung im Heer der Reichswehr, Jagdflieger in der Luftwaffe, zuerst in Spanien – Legion Condor – dann an West- und Ostfront des Zweiten Weltkrieges.
Was hat die Person des Werner Mölders in das Gedächtnis so vieler Menschen eingegraben? Natürlich auch die propagandistische Vermarktung des „Flieger-Asses“ durch die damalige politische Führung (die sich darin nicht von der Praxis der übrigen kriegführenden Staaten unterschied); durch einen Heldenkult um das Ritterkreuz, mit dem sich das „neue Deutschland“ selbst feierte – im Gegensatz zu dem Glauben, dem der „NDer“ Mölders treu blieb. Und schließlich durch die untergründige Erkenntnis, dass dieser Fliegeroffizier weder PG noch vom Typ her „bewährter Kämpfer“ im Sinne der ehrabschneidenden Antifa-DDR-Kommunisten war.
Mölders war und blieb schlicht „anständig“, als andere sich dem Taumel des NS-Regimes oder dem Karrierismus einer (noch) siegreichen Armee hingaben. Er wollte einem – neuen – Deutschland dienen. Ahnungen, dass der NS-Staat diesen Motiven in keiner Weise entsprach, sind ihm wohl im Verlauf des Russlandfeldzuges verstärkt bewusst geworden. Sein Abschied von dieser Welt war ein wortloses Schulterzucken in der abstürzenden Maschine.

Der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck hat sich in seinen „Memoiren“ in der Darstellung der „Mölders-Affäre“ ein Charakterbild geschaffen, das für sich spricht. Den Wert soldatischen Dienens und die davon abgeleitete Würde des Soldaten von politischen Zwecksetzungen des Einsatzes abhängig zu machen, wird einmal auf Struck selbst zurückfallen. Seine „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ dürfte an moralischer Qualität den seinerzeitigen Spanieneinsatz damaliger deutscher Soldaten wohl nur bedingt übertreffen.
Auch die eher glücklosen Nachfolger Strucks haben die „Causa Mölders“ entweder als Petitesse rubriziert oder unter (partei-) taktischen Aspekten abgetan. Zumal von den beiden – wie man meinte - prononcierten Katholiken, die Struck nachfolgten, hätte man mehr erwarten dürfen. Ihr politisches Scheitern äußert sich auch in diesem Versagen.
Mölders´ Grab auf dem Berliner Invaliden-Friedhof spricht seine eigene, schlichte Sprache. Die Ehefrau der wenigen Monate, Luise Petzold-Mölders, hat den Gatten fast 70 Jahre überlebt; sie starb am 21.April 2011 im Alter von 98 Jahren im weit entfernten Starnberg. Auch ihre Stimme ist verstummt, ohne dass Mölders und seiner engagierten Frau Gerechtigkeit widerfahren wäre.

Beter scheinen eher seltene Besucher auf jenem Invalidenfriedhof zu sein. Was sollten sie Gott auch sagen – in der (abgelehnten) Vertretung der hier Ruhenden? (Minister de Maizieres Einladung zum Gebet selbst für den „terroristischen“ Gegner blieb selten unbestimmt.) Zeitgenössische (Soldaten-) Gebetbücher deutscher Zunge finden dazu ebenfalls keine Worte mehr. Einen möglichen Grund für dieses Schweigen hat vielleicht der berühmte Wehrmachtspilot und spätere Luftwaffeninspekteur Günther Rall benannt:
“…Die mich für meine 275 Abschüsse bewundern, wissen nichts vom Krieg! Sie wissen nicht, was es für ein ganzes Menschenleben bedeutet, dass man in jungen Jahren töten musste, um selbst nicht getötet zu werden. Sie kennen die Scham und die Trauer des Überlebenden nicht. Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern eine Schande; er ist der völlige Bankrott politischen Handelns…”.
Wie kann man dann beten? Im Judentum wird auch für die Gefallenen des Krieges das Kaddisch gesprochen, ein einziges Lob Gottes angesichts der Endlichkeit des Irdischen. Es macht nachdenklich, wenn neuerdings die hehren Kriegszwecke zum Inhalt solchen Betens werden.
Ein deutscher Soldat fand während des Krieges bei einem gefallenen Russen den folgenden Text:
Hörst du mich, mein Gott?
In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so mit dir gesprochen…
Doch heute, heute will ich dir dafür danken.
Du weißt, seit meiner Kindheit hat man mir gesagt,
dass du nicht existierst.
Und ich habe es geglaubt. Ich war ein Narr.
Die Schönheit deiner Schöpfung tat sich nie vor mir auf.
Auch heute Nacht gebe ich dir Recht,
aus der Tiefe des in mir aufgerissenen Kraters,
über dem der Sternenhimmel glüht.
Staunend verstehe ich deine Nachricht….
Ich weiß nicht, mein Herr,
ob du deine Hand nach mir ausstreckst,
trotzdem möchte ich dir sagen,
und Du verstehst bestimmt:
es ist ein Wunder, dass inmitten der sichtbaren Hölle
mein Herz sich leicht anfühlt und
ich dich erkenne.
Was könnte ich sagen?
Nur das, dass ich glücklich war,
als ich dich erkannte.
Es ist sehr gut bei Dir zu sein …

Diese Worte haben auch heute auf dem Invalidenfriedhof ihren Platz und ihre Berechtigung. Auch am Grab von Werner Mölders.
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13.5.2011 von dragonX6.
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18.3.2011 von dragonX6.

Zum 98. Geburtstag des neudeutschen Bundesbruders W.M.sei nachgetragen, was dem Verursacher der „Damnatio memoriae“, dem seinerzeitigen Verteidigungsminister Peter Struck, in seinen Erinnerungen zur Causa Mölders erwähnenswert schien:
„Dass sich falsch verstandenes Traditionsverständnis in der Bundeswehr, vor allem in ihrem Umfeld, zu einem Problem auswachsen konnte, bekam ich wenige Monate später zu spüren. Vom Bundestagspräsidenten
war das Verteidigungsministerium schon des Öfteren aufgefordert worden, endlich einen Bundestagsbeschluss zur Namensgebung von Kasernen und Bundeswehreinrichtungen aus den Neunziger]ahren umzusetzen. Darin hatte das Parlament anlässlich des 50. Jahrestages der Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch Hitlers Truppen mit den Stimmen von SPD, Linken und Grünen von der Bundeswehr verlangt, Benennungen nach ehemaligen Angehörigen der »Legion Condor« aufzuheben. Der Fliegereinheit der Wehrmacht hatte sich 1937 mit der grausamen Bombardierung von Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs ein schreckliches Denkmal gesetzt. Dieser Eliteeinheit der Luftwaffe gehörte auch der bei der Luftwaffe immer noch als Legende verehrte Oberst Werner Mölders an.
Der Bundestagsbeschluss sah die Umbenennung einiger Kasernen und Einrichtungen vor, die den Namen Mölders trugen. Vor allem die des Traditions-Jagdgeschwaders »Mölders« erregte Aufsehen. Ich wusste, dass diese Entscheidung uns Ärger bereiten würde. Der Name Mölders war in der fünfzigjährigen Geschichte der Bundeswehr bei der Luftwaffe positiv besetzt. Die Anhänger des Wehrmachtfliegers konnten nachweisen, dass Mölders selbst an der Bombardierung von Guernica gar nicht beteiligt gewesen war. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt konnte umgekehrt belegen, dass die Luftwaffenlegende im Rahmen der »Legion Condor« sehr wohl an anderen umstrittenen Bombardierungen beteiligt gewesen war.
Noch Wochen und Monate nach meiner Entscheidung wurde ich mit Protestbriefen und -mails überschüttet. Nicht immer waren es qualifizierte Meinungsbeiträge. Viele waren dumpf reaktionär, manche arteten in wildeste Beschimpfungen aus. Wohlgemerkt, diese Art der Kritik kam nicht aus der Bundeswehr selbst, wohl aber aus ihrem Umfeld, von ehemaligen Offizieren und vor allem aus der Mölders-Vereinigung, einem Traditionsverein zur Erinnerung an den Wehrmacht-Oberst. Kaum ein öffentlicher Termin in der Folgezeit, bei dem ich nicht von einem dieser Traditionalisten angesprochen und aufgefordert wurde, die Entscheidung rückgängig zu machen. Das bestärkte mich nur darin, bei meiner Haltung zu bleiben und das Anliegen des Bundestages als rechtmäßig zu verteidigen. Abgesehen davon war ich selbst der Meinung, dass es an der Zeit war, umstrittene Traditionslinien, die sich aus der Wehrmacht bis in die Bundeswehr gezogen hatten, zu kappen.
Peter Struck: So läuft das. Politik mit Ecken und Kanten, Berlin: Propyläen 2010, S. 121-122
Das bedarf keines weiteren Kommentars. Apropos: Vom Nachfolger Strucks hat wohl niemand – aus bekannten Gründen - eine Wiederherstellung der Ehre von Werner Mölders erwartet. Vielsagend scheint hingegen die Tatsache zu sein, dass auch der spätere BMVg von (katholischem) Adel sich zu keiner Korrektur bewegen ließ; auch sind Initiativen seines Parteifreundes und immer noch im Amt befindlichen Parl. Staatssekretärs, trotz anderslautender Ankündigungen, nicht bekannt geworden.
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23.2.2011 von dragonX6.
Seit dem frühen Mittelalter ist es in der katholischen Tradition üblich, dass am Jahrtag des Todestages eine spezielle Messe gefeiert wird, die der commemoratio (Erwähnung, Erinnerung, Vergegenwärtigung) des oder der Verstorbenen gewidmet ist. Im Sakrament der Eucharistie sind Tote und Lebende real in Gott vereint. Der Tote wird mit Namen angesprochen, durch Fürbittgebet, vor allem durch Darbringung des Messopfers, wendet sich die betende Gemeinde an Gott, den Herrn, der Seele des Verstorbenen ewige Seligkeit und dadurch wahren Frieden zu gewähren. So war es auch im vor-reformatorischen Sachsen; die Annalen des Meißener Domes belegen, dass auch die Fürsten des Landes nur einmal im Jahr dieses Gedächtnisses teilhaft werden konnten.

Im Dresden des 21. Jahrhunderts ist diese Form der Commemoratio einer quasi Polit-Festival-Woche, beginnend mit dem 13. Februar, gewichen.

Am Todestag der 25 oder auch wieviel Tausend Frauen, Kinder, alter Menschen, Flüchtlinge wird ein weltanschaulicher Kampf um die Deutungshoheit über die Vernichtung Dresdens ausgefochten.
Und – so meinen die Beteiligten – wer diesen Akt unendlicher Zerstörung, grausamen Todes und der Hoffnungslosigkeit „richtig“ besetzt, dem gehöre die Matrix deutschen Geschichts- und damit Selbstverständnisses.

Sie alle irren sich.

Am perfidesten agiert die Antifa-Linke, der sich das Spektrum bis weit in die SPD, Grünen, ja vereinzelt sogar bürgerliche Kreise öffnet. Ihr einziges Ziel ist die Solidarisierung in einer Quasi-Volksfront gegen „Rechts“, vereinfachend „die Nazis“ genannt. Verschwiegen werden die Jahrzehnte, in denen die SED seit Beginn der 50er Jahre alljährlich hunderttausende von Demonstranten gegen kriegsverbrecherischen NATO-Faschismus aufbot, der sich schon im Verhalten der angelsächsischen „Luft-Gangster“ im Februar 1945 gezeigt habe. Bis in den Sprachgebrauch wurde die Goebbels´sche Untergangspropaganda imitiert. Im Vergleich dazu sind die heutigen „Rechten“ fast zurückhaltend.
Und – noch grundlegender: Für Marxisten sind die realen Toten auf der falschen Seite der Barrikade im historischen Klassenkampf ohne jeden Wert. Warum sich ihrer erinnern? Sie degenerieren zum Anschauungsmaterial eines geschichtlichen Prozesses.
Die „Rechten“ haben das moralisch-rechtliche Thema des „Gedenkens“ zwar erfasst, aber in einer unerträglichen Weise. Ob die Luftkriegführung des Bomber-Command und seiner amerikanischen Helfer, damals und/oder heute als völkerrechtswidrig und ethisch als Kriegsverbrechen zu qualifizieren ist, hat mit jenen Menschen nichts zu tun, die vor 66 Jahren ihr Leben verloren haben. Die Trauer um das Schreckliche, das unseren Eltern, Groß- und unterdessen Urgroßeltern geschah, ist gegenüber Schuldfragen indifferent. Im Tode und dem Reich ewigen Friedens gibt es keine Opfer und darum auch keine Täter mehr. Wer aber die Frage nach Schuld und Sühne politisch instrumentiert, hat die wahre religiöse und kulturelle Tradition unserer Nation nicht verstanden.
Bleibt noch die Menschenkette. Sie bildet – natürlich auch stark politisch-taktisch motiviert – die Front der heimlichen „Aufrechner“. Die irgendwie doch „reale“ moralische Schuld der Kommandeure und Flieger der Bomberflotten wird sogleich in Beziehung gesetzt zur („viel größeren“) Kollektivschuld der Deutschen im Kontext des Nationalsozialismus. Die die Lebenden betreffenden ethischen Fragen bleiben so unbesprochen, weil verschwiegen. Das ungerechter Weise Erlittene der Eigenen wird der Ewigkeit anheimgegeben, die jeweils anderen Botschafter nehmen in der ersten Reihe der Trauergemeinde in Dresden wie bei der Einweihung des Air-Marshal Harris-Denkmals in London Platz.
Man nennt dies „Versöhnung“.Ein solches Schweigen wird auf Dauer keinen Bestand haben. Trauer fordert als Zugangsschlüssel die Wahrheit. Und zwar die eigene, nicht aber Parolen. Die angelsächsischen (politischen) Bündnispartner scheinen davon besonders weit entfernt, wie nicht zuletzt ihr letztlich unverändertes Verständnis von Krieg und Kriegführung nahelegt.
Auch die Dresdener haben noch einen Weg selbstkritischer Erinnerung zurück zu legen, die Mehrheitskirche zumal, deutsch-christlich oder als „Kirche im Sozialismus“ belastet. Hier gibt es unsichtbare Mauern, die es schmerzhaft zu überwinden gilt.

Immerhin haben einige Hundert Menschen den Weg zum Heidefriedhof gefunden, der Ruhestätte der Opfer jenes Februars. Die Offiziellen kommen auch hier nicht ohne „Versöhnungsrituale“ aus. Auch die Hinweise auf die „Verkehrten“ – im Gegensatz zu den Dresdnern – (gemeint sind natürlich die „Nazis“) dürfen nicht fehlen. Aber das Gedenken wird doch leiser.
Die von der Neu-Dresdnerin Malgorzata Chodakowska aus Lodz geschaffene Skulptur vom „Trauernden Mädchen am Tränenmeer“ kommt ohne Kommentare aus. Nur der schweigende Gang der Teilnehmer durch den Ehrenhain, mit dem die Zeremonie ihren Abschluss findet – kann das das letzte Wort sein?
Vielleicht hat der Dresdner Bischof Joachim Reinelt doch eine Chance vergeben, dass er den auf päpstliche Einladung zu feiernden Weltfriedenstag drei Tage vor dem Gedenktag in der abseits gelegenen alten katholischen Garnisonkirche Sankt Martin beging – mit Soldaten der Bundeswehr.
Warum nicht in der Hofkirche, mit deutschen Soldaten und den Katholiken Dresdens? Es dürfte der Mut gefehlt haben, sich demonstrativ in katholischer Commemoratio dem öffentlichen politischen Kampf entgegen zu stellen. Stattdessen selbst in der Albertstadt die Warnung vor „nationalsozialistischem Gedankengut“.
Und so gehörte denn diese Woche der Trauer und des Gedenkens den siegreichen Kämpfern der „Antifa“. Das Neue Deutschland triumphiert: „Nazis frustriert, Polizei überfordert, Antifa happy“. Wenn der Rechtsstaat nicht mehr in der Lage ist, politischen Extremismus durch Gerichte auszuschalten, kommen schwere Zeiten auf uns zu. Ja, sie sind schon da, wenn der linke Mob die öffentliche Gewalt – im wahrsten Sinne des Wortes – zum vorgeblichen Schutz des demokratischen Gemeinwesens ausüben darf. Umso wichtiger wird eine neue, sprich: die traditionelle Form wirklichen Gedenkens.
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15.2.2011 von dragonX6.
1. Im Oktober/November 1918 kam es in auf einigen schweren Schiffen der Hochseeflotte der Kaiserlichen Marine zu Meutereien und Gehorsamsverweigerungen von Mannschaftsdienstgraden. Grund war das Bekanntwerden eines militärisch sinnlosen Auslaufbefehls der damaligen Marineführung zu einer Art ‚Selbstaufopferungsmission’ der Hochseeflotte. Dieses teuer vom Steuerzahler bezahlte Instrument hatte seit der Skagerrakschlacht im Mai/Juni 1916 mehr oder weniger untätig im Hafen bzw. auf Reede gelegen. Bereits 1917 war es auf einigen Schiffen zu ‚Meutereien’ gekommen wegen schlechter Verpflegung, d. h. die ‚reichen’ Offiziere ließen sich per Beiboot zusätzliche, bessere Verpflegung an Bord bringen, während vor allem die Mannschaftsdienstgrade, in der Regel Wehrpflichtige, sozusagen bei eintönigem ‚Steckrübeneintopf’ vor sich hin darbten. Als ‚Rädelsführer’ wurden die Soldaten Reichpietsch und Köbis in Köln-Wahn von einer Abteilung des Heeres erschossen. Die damalige Marineführung hatte sich nicht getraut, die Hinrichtungen in eigener Marine-Regie in Wilhelmshaven durchführen zu lassen.
2. Die Hochseeflotte sollte Ende Oktober 1918 bewusst den ‚Endkampf’ mit der weit überlegenen britisch-amerikanischen Grand Fleet suchen, um - wie es damals hieß – mit einem ‚ehrenvollen’ Opfertod ein Symbol zu setzen für die Notwendigkeit einer starken deutschen Überwasserflotte nach dem sich dem Ende zuneigenden (I.) Weltkrieg in einem sich abzeichnenden ‚neuen’ Deutschland ohne einen der Marine sehr gewogenen Kaiser als Obersten Befehlshaber in Friedens- und Kriegszeiten. Es ging im Grunde um die Wahrung der eigenen ‚Bedeutung’.
3. Durch die Gehorsamsverweigerungen vor allem von Angehörigen des schiffstechnischen Personals (damals wie heute ‚Heizer’ genannt) konnten die ‚bestreikten’ Schiffe nicht auslaufen. Die Marineführung blies die Operation sang- und klanglos ab und beorderte die Hochseeflotte von Schillig-Reede in ihre Heimathäfen Wilhelmshaven und Kiel zurück. Von dort breitete sich dann die so genannte ‚Novemberrevolution’ über das Kaiserreich aus mit den bekannten Folgen.

4. Seitdem sind Begriffe wie Meuterei, Gehorsamsverweigerung, Streik etc. ‚Unwörter’ in jeder seitdem bestehenden deutschen Marine. Für ihre jeweilige Führung stellten die Ereignisse von 1918 einen ‚Alptraum’ dar.
5. In der Reichsmarine der demokratischen ‚Weimarer Republik’ – mit ihren freiwillig mindesten 12 Jahre dienenden knapp 15 000 Mann (inklusive der 1 500 Offiziere) lediglich einen Bruchteil der ehemaligen Kaiserlichen Marine stark – setzte die Marineführung daher von Anfang auf eine Ausbildung und Erziehung mit dem übergeordneten Ziel, Vorgänge wie im Oktober/November 1918 durch die Anerziehung von willigem Gehorsam gegenüber Vorgesetzten ein für alle Mal auszuschließen.
6. Ein Instrument dazu war die Ernennung eines sog. ‚Vertrauensmanns’ der Mannschaften (anstelle der ehemaligen Soldatenräte!). Er kann als direkter Vorgänger der heute bundeswehrweit eingerichteten ‚Vertrauensperson’ für bestimmte Dienstgradgruppen und Dienststellen betrachtet werden.
7. Ein weiteres Instrument war der sog. ‚Küchen- und Verpflegungsausschuss’ auf schwimmenden Einheiten, zu dessen Mitgliedern auch Mannschaftsdienstgrade zählten. Auch ihn findet man noch heute in der ganzen Bundeswehr.
8. Nicht zuletzt gab es an Bord für alle Besatzungsmitglieder das gleiche Essen aus der gleichen Bordküche. Dieses ‚Egalitätsprinzip’ für ‚Führer’ und ‚Mann’ wurde nach 1933 in der gesamten Reichswehr bzw. späteren Wehrmacht eingeführt, u. a. weil es gut in die nationalsozialistische Vorstellungswelt passte. Auch die Bundeswehr hat die gleiche Verpflegung für alle Dienstgrade. Dieses Prinzip ist übrigens nicht Gemeingut der westlichen Armeen und Marinen.
9. Ab 1922 wirkte Admiral Erich Raeder zunächst als ‚Chef der Inspektion des Bildungswesen’ der Reichsmarine (vergleichbar heute dem Admiral Weiter-entwicklung und Ausbildung im Marineamt), dann ab 1928 als ‚oberster’ Chef in Form des ‚Chefs der Marineleitung’ und ab 1935 als ‚Oberbefehlshaber der Kriegsmarine’ entscheidend an der Erziehung ‚seiner’ Marineangehörigen mit.

10. Anlässlich des 10. Jahrestags der ‚Machtergreifung’ am 30. Januar 1943 verkündete er vor seinen Offizieren im Oberkommando der Kriegsmarine, dass es ihm gelungen war, „im Jahre 1933 die Marine geschlossen und reibungslos dem Führer in das Dritte Reich zuzuführen. Das war dadurch zwanglos geblieben, dass die gesamte Erziehung der Marine in der Systemzeit (d. h. in der Weimarer Republik, Anm. d. Verf.) …..auf eine innere Haltung hinzielte, die von selbst eine wahrhaft nationalsozialistische Haltung ergab. Aus diesem Grunde hatten wir uns nicht zu verändern, sondern konnten von vornherein aufrichtigen Herzens wahre Anhänger des Führers werden.“ D. h. das von Admiral Raeder beschriebene Erziehungsziel in der Reichsmarine war ein marinespezifisches eigenes ‚Leitbild’ und in keiner Weise ein Produkt des Nationalsozialismus nach 1933. Aber durch dessen tiefere Ausrichtung im Sinne einer Art ‚Führerprinzip’ mit willigem, nicht weiter nachfragendem oder gar widersprechendem Gehorsam auf den jeweiligen Hierarchieebenen war es dann quasi kongruent mit den Grundprinzipien des nationalsozialistischen ‚Führerstaates’.
11. Das erste - ganz in diesem marinespezifischen Sinne - nur für Schulungs-, Ausbildungs- und Erziehungszwecke konzipierte und gebaute Schulschiff einer deutschen Marine war die ‚Gorch Fock’ der Reichsmarine aus dem Jahre 1933. Weder ihre Amtsvorgängerin ‚Niobe’ noch die ‚Segelschulschiffe’ der Kaiserlichen Marine dienten ursprünglich Schulungszwecken. Erstere war ein ehemals norwegischer Frachtsegler, letztere als so genannte ‚Gedeckte Segelfregatten’ bzw. ‚-korvetten’ tatsächliche, wenn auch veraltete ‚echte’ Kriegsschiffe ihrer Zeit, die damit immer einen, wenn auch geringer werdenden, reellen Bezug zu den immer moderner werdenden Einheiten der Kaiserlichen Marine vor dem Ersten Weltkrieg hatten.

12. Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht nach Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht konnte auch die ehemalige ‚kleine’ Reichsmarine nun als Deutsche Kriegsmarine maritime Expansionspläne verfolgen. Im Zuge dessen wurden die mit der ‚Gorch Fock’ fast baugleichen Segelschulschiffe ‚Horst Wessel’ (heute ‚Eagle’) und ‚Albert Leo Schlageter’ (heute ‚Sagres’) in Dienst gestellt. Ein viertes, die ‚Herbert Norkus’, wurde begonnen, kriegsbedingt jedoch nicht mehr fertig gestellt und schließlich als Hulk 1947 versenkt.

Vorn: “Sagres, Hintergr.: “Eagle” - noch in deutscher Nutzung
13. Blohm & Voss bewahrte als Bauwerft aller vier Segelschulschiffe Stengen und Rahen der ‚Herbert Norkus’ auf und verwendete sie 1958 für den Bau der ‚Gorch Fock’ der neuen Bundesmarine.
14. Alle vier tatsächlich in Dienst gestellten Segelschulschiffe vom Typ ‚Gorch Fock’ haben eines gemeinsam: Die Besegelung. Diese hat sich über die Jahrzehnte nicht verändert.
15. Darüber hinaus waren und sind sie -1933 wie 2011 - vergleichsweise ‚manpower intensive’. Es gab und gibt beispielsweise keine technischen Hilfsmittel zur Bedienung von Segeln und des Laufendes Gutes.
16. Schon in der Segelschiffsära zwang wirtschaftliches Handeln jeden Reeder, die ‚Bemannungen’ seiner Schiffe möglichst klein zu halten und, wo es ging, personalsparende Technik einzusetzen.
17. Wo heute wie damals auf einem Kriegsschiff der Gorch Fock-Klasse zwei Dutzend Menschen im Gleichtakt der Töne aus der Bootsmannsmaatenpfeife ‚am Tampen reißen’ genügten auf zivilen Frachtseglern vier Mann an einer robusten mechanischen Winsch.
18. Damit sind diese Schiffe nicht vergleichbar mit anderen zivilen Segelschulschiffen. Beispielsweise war die untergegangene ‚Pamir’ ein real existierender alter Frachtsegler und wurde in dieser Weise auch als Schulschiff noch genutzt.
19. Nach einer Ausbildungsanweisung (AAW) des Marineamtes aus den späten 1970er Jahren sollte der per Versetzungsverfügung von der Marineschule Mürwik an Bord des Segelschulschiffes ‚Gorch Fock’ befohlene Offizieranwärter dort die so genannte ‚Seemännische Grundausbildung’ durchlaufen – nachdem er vorher in Mürwik die ‚(Allgemeine) Grundausbildung’ bestanden hatte.
20. Als Fächer wurden und werden wohl an Bord noch immer Navigation, Nautische Gesetzeskunde, Geophysik (d.h. Wetterkunde) und Seemannschaft unterrichtet und die erlernten Fertigkeiten durch entsprechende theoretische und praktische Leistungsnachweise abgeprüft. Die Inhalte dieser Fächer haben, denke ich, nach wie vor einen reellen und nachvollziehbaren Bezug zur Seefahrt - auch mit maschinengetriebenen Schiffen - und vermitteln daher ein notwendiges seemännisches Grundwissen für den späteren Einsatz an Bord als Marineoffizier.
21. Jedoch sind Aufentern und Arbeiten in der Takelage kein Bestandteil dieses Fächerkanons, sie sind von Natur aus nicht bewertbar und damit auch keine nachzuweisende Qualifikation über die (Un-)Geeignetheit für den Marineoffizierberuf.
22. Nach der o. a. AAW sollte allerdings über das Fachliche hinaus auf der ‚Gorch Fock’ ein „besonderer Wert auf soldatische Formen, innere und äußere Haltung“ sowie die „Erziehung zu Mut, Härte und Ausdauer u. a. durch Einsatz in der Takelage“ gelegt werden.
23. Was soll sich bis heute daran geändert haben? Kann sich überhaupt etwas geändert haben angesichts der Tatsache, dass die ‚Gorch Fock’ nach wie vor so bedient wird wie 1933 oder 1958? Oder 1978, als ich als Offizieranwärter (OA) an Bord war. Ich gehörte dabei zur selbsternannten ‚Elite’ der ‚Oberrahgasten’, d. h. der Soldaten von relativ kleiner Statur zur Besetzung der Bram- und Royalsegel.
24. Beim Segelsetzen und Segelbergen war meine Station die Vorroyalrah, Steuerbordnocknummer, d. h. am vorderen Mast ganz oben und ganz rechts außen. Brauchte ich dazu einen ‚Mut’, der mir erst anerzogen werden musste? Nein. Ich war jung, sportlich und als Marine-Überzeugter folgte ich willig den Befehlen meiner Vorgesetzten im Vertrauen darauf, dass sie ‚es schon wissen würden’, was mir als noch ‚grünem’ OA abgefordert werden konnte. Man vertraute sich an Bord, und das bei mehr als 140 eingeschifften OA, d. h. rund doppelt so vielen wie heute.
25. Zum Thema ‚Härte’: Sie bestand damals auf der ‚Gorch Fock’ wohl eher darin, dass man sich als OA lediglich einmal in der Woche am Samstagnachmittag mit Frischwasser duschen durfte. Eine so genannte ‚Korporalschaft’ ( gute 10 Mann) hatte in einem Duschraum mit drei Duschköpfen zehn Minuten Zeit zur Ganzkörperreinigung. Wer es nicht schaffte, beispielsweise den Haarschampooschaum abzuwaschen, konnte dies anschließend unter der Seewasserdusche weiter versuchen. Das müsste heute einmal jemand versuchen wollen – es geht nicht, so dass man eine weitere Woche mit seinen irgendwann trockenen, aber total verfilzten Haaren Dienst tat. Eine Glatze war damals nicht en vogue und wurde auch von Vorgesetzten kritisch gesehen. Sie war sozusagen gesellschaftlich nicht ausreichend verankert.
26. Eine weitere ‚Härte’ war wohl auch die so genannte ‚Backschaft’. Zu jeder Mahlzeit mussten zwei OA für ihre Korporalschaft aus der Kombüse auf dem Vorschiff mit einem großen ovalen ‚Aluminiumeimer’ mit entsprechenden Einsätzen beispielsweise die Dampfkartoffeln, den Rotkohl, den Sauerbraten und die Soße etc. über das geneigte, teils nasse und schlüpfrige Oberdeck ins Schiffsinnere nach unten in ihren Aufenthalts- Unterrichts- und Schlafraum, das ‚Deck’, bringen und an die restliche Korporalschaft verteilen. Der Mief, der einem trotz Belüftung (nicht zu verwechseln mit der seit einigen Jahren installierten Klimatisierung!) im Schiffsinnern entgegenschlug, verschlug einem den Appetit. Die Kartoffeln waren vormittags durch extra abgeteilte OA geschält worden, und zwar nicht mit einem Kartoffelschälmesser, sondern mit dem eigenen ‚Bordmesser’, das eigentlich für seemännische Arbeiten vorgesehen war und dafür auch über einen ‚Marlspieker’ verfügte. Gelagert wurden die Kartoffeln in einer großen ‚Kartoffelkiste’ auf der Back (Vorschiff). Sie waren bereits kurze Zeit nach dem Auslaufen in Kiel grün und gammelig wegen der überkommenden Gischt.
27. Nach der Essenseinnahme mussten die Backschafter an Oberdeck das Geschirr abwaschen, und zwar mit Seewasser und einem Bundeswehrspülmittel, das nur für Frischwasser geeignet war. So ging dann das an ‚Essensresten’, was mechanisch mit Seewassern nicht zu reinigen war, direkt in die drei Geschirrtücher, die einmal in der Woche gewechselt wurden. Sie waren immer steif und dunkel vom Schmutz, den sie in sich trugen.
28. Und das alles in einer Arbeitskleidung, die aus den ersten Zeiten der Kaiserlichen Marine stammte, dem so genannten ‚Takelpäckchen’, einer Art weißer Matrosenbluse und –hose aus schwerem Baumwollstoff – nicht zu verwechseln mit der weißen Matrosenuniform. Darüber Pullover und ‚Blaumann’ (sprich Overall).
29. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde ein ‚Arbeits- und Gefechtsanzug (AGA)’ für das seefahrende Personal eingeführt. Andere Marinen (Royal Navy, US Navy u. a.) mit denen sich die Bundesmarine als Amtsnachfolgerin der seinerzeit zweitstärksten Marine der Welt (der des Kaisers) wohl immer noch auf ‚Augenhöhe’ fühlte – zumindest meiner persönlichen Erfahrung nach -, waren da in Frage ‚Anzug’ längst weiter. Der AGA war jedoch aus relativ leicht entflammbaren Material gefertigt, so dass er einige Jahre später durch den noch heute in Gebrauch befindlichen BGA (Bordgefechtsanzug) ersetzt wurde. Bei Einführung des AGA lagen die Erfahrungen der Royal Navy aus dem Falkland-Krieg bereits vor, insbesondere hinsichtlich der Gefahren durch Feuer mit sehr hoher Temperaturentwicklung an Bord neuzeitlicher Kriegsschiffe sowie der so genannten ‚Verrauchung’ von Räumen an Bord.
30. Noch heute hat die Deutsche Marine - unverändert seit dem 19. Jahrhundert - eine weiße Sommeruniform für Mannschaftsdienstgrade, die - bestehend aus langer Hose, weißer Matrosenbluse mit langen Ärmeln, schwarzem Seidenknoten und blauem Exerzierkragen - auch in Djibouti bei 40 Grad Hitze zu tragen ist. Demgegenüber tragen die so genannten ‚Wäsche vorn’-Träger, d. h. Unteroffiziere und Offiziere, ein kurzärmeliges vergleichsweise leichtes weißes Diensthemd und eine leichte weiße lange Hose mit weißen Halbschuhen. Selbst skandinavische Marinen – ganz abgesehen von den Marinen der ehemaligen Kolonialmächte – tragen in solchen Regionen kurz-kurz, d. h. weiße kurze Hose, weiße , teils blaue Kniestrümpfe, weißes kurzärmeliges Hemd. Wie auch immer, ich verstehe nicht, warum auch in diesen eher lapidaren Dingen nicht ‚von oben’ mit (nach)gedacht wird. Die Marine ist beispielsweise seit fast zehn Jahren am Horn von Afrika präsent.
31. Auch die Einführung des weißen T-Shirts für Mannschaften mit dem runden blau gesäumten Kragenausschnitt vor einigen Jahren war längst überfällig. Es dient letztlich auch der persönlichen Hygiene. Bis dahin kämpfte der deutsche ‚Seemann’ sozusagen mit ‚blanker’ Brust und es war ausdrücklich untersagt, unter der blauen oder weißen Matrosenbluse im Kragenausschnitt ein nach außen sichtbares Unterhemd zu tragen. Erst auf Wunsch weiblicher Marinesoldaten wurde, so erfuhr ich vor einigen Jahren, dieses neue Unterhemd eingeführt – die markanteste Änderung der Mannschaftsuniform in rund 150 Jahren, die sich damit - endlich – einmal dem internationalen Kontext ein Stück weit angenähert hat.
32. Als einzige Lebensversicherung hatte man auf der ‚Gorch Fock’ damals permanent -wie schon 1933-, ein ‚Lifebändsel’ mit einem Palstek fest um die Hüfte geschnallt. Das ist ein gut einen Meter langes Kunststofftau von ca. 4 cm Durchmesser, an dessen einem Ende ein einfacher Karabinerhaken eingespleißt war, um sich auf der Rah – und nur dort ist das baulich vorgesehen -‚einzupicken’. Eine Absicherung war und ist beim Aufentern technisch auf einem Segelschiff nicht möglich. Insofern helfen da auch die inzwischen eingeführten eher ‚martialisch’ aussehenden und vermeintlich Sicherheit verheißenden ‚Klettergestelle’ der heutigen Besatzungsangehörigen nicht weiter.
33. In diesem Zusammenhang sind auch die derzeitigen Zwischenrufe fachunkundiger Personen bezüglich einer Ausstattung mit Funk-Headsets, elektronischen Megaphonen oder gar einer nächtlichen Beleuchtung der Takelage nicht weiter hilfreich. Auf einem Segelschiff wie der ‚Gorch Fock’ gibt es immer eine bestimmte Geräuschkulisse, die durch den Fahrtwind erzeugt wird. Masten, Wanten und Stage vibrieren und ‚surren’ immer. Um dieses permanente Rauschen stimmenmäßig zu überwinden, werden Befehle in einer Art getragenem Singsang ‚ausgesungen’, und zwar zweck-mäßigerweise mit einer einfachen blechernen Flüstertüte. Diese verfälscht die menschliche Stimme in ihrer Frequenz am wenigsten. Außerdem ist sie dauend einsatzbereit und kann auch mal hinfallen. Dasselbe gilt auch für Befehle die ‚in den Topp’, d. h. in den Mast nach oben gegeben werden.
34. Absurd erscheint mir die Idee, die Takelage mit einer Beleuchtung zu versehen. Auf See ist es nie stockfinster wie in einem lichtundurchlässigen Raum. Das Restlicht von Sternen, ggf. sogar dem Mond, und dem fluoreszierenden Meer lässt sehr wohl nicht nur schwammige Konturen erkennen. In dieser Hinsicht ist das menschliche Auge ein Wunderwerk. Die Pupille braucht ca. 20 Minuten, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen und sollte dann nicht mehr durch ‚Licht’ geblendet werden. Eine Ausnahme bildet Rotlicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Takelage der ‚Gorch Fock’ mit Rotlicht ausgeleuchtet werden sollte, allein schon wegen der international vorgeschriebenen Lichterführung für Segelschiffe.
35. Die anzuerziehende ‚Ausdauer’ bestand zu meiner Zeit wohl eher darin, die allgemeinen Lebensbedingungen an Bord für sechs Wochen zu ertragen, d. h. zu erleiden. Die ‚Gorch Fock’ war uns OA schon an der Marineschule Mürwik als ‚Schleifstein der Flotte’ bekannt. Man nannte den ‚weißen Schwan’ der damaligen Bundesmarine auch ‚George F…ck’ in englischer Aussprache. Ich frage mich heute, was zu den Lebensumständen an Bord ein Wehrbeauftragter gesagt haben würde. Er ist jedoch nie an Bord gekommen.
36. Inzwischen sind durch mehrere Umbauten die materiell-technischen Lebensbedingungen auf der ‚Gorch Fock’ in jeder Hinsicht verbessert worden. Die geschilderten ‚Härten’ und die geschilderte Art von ‚Ausdauer’ existieren schon seit langem nicht mehr, so dass meine Erfahrungen heute wohl eher wie Seemannsgarn anmuten.
37. Nicht geändert hat sich seit 1933 das Aufentern und das Arbeiten in der Takelage. Das Aufentern in den Wanten, das Überwinden der zwei ‚Salings’ (kleine Plattformen am Mast, unter denen die Wanten zusammenlaufen) quasi über Kopf sowie der große Ausfallschritt beim Wechseln vom Mast in das ‚Fusspferd’ unter der jeweiligen Rah und anschließend das weitere ‚Auslegen’ auf der Rah nach außen hin sind nach wie vor gefährlich, und zwar für jeden, und erfordern gehörige Kraft in den Oberarmen.

38. Ein falscher Schritt kann dabei fatal sein. Ein Fallen aus der Takelage endet so gut wie immer mit dem Tod. Es gibt im Falle des Fallens keine Zwischentöne.
39. Dies gilt auch für das Verlieren des Gleichgewichts, wenn beispielsweise in See in der Takelage oder auf einer Rah gearbeitet werden muss. Das Schiff befindet sich unter Segeln immer in einer mehr oder weniger starken Schräglage. Man entert dann auf der Luvseite aus und muss sich – zunächst mit dem jetzt noch gefährlicher gewordenen Ausfallschritt sicher auf der Rah angekommen - dann in den ‚Fußpferden’ sozusagen ‚bergauf’ oder ‚bergab’ bewegen. Wenn nun eine Windböe oder eine stärkere Welle die bestehende Krängungslage plötzlich verändert, entstehen aus dem Nichts heraus beträchtliche ‚Winkelgeschwindigkeiten’ in Abhängigkeit von der Höhe, in der man arbeiten muss. Diese bergen zunächst erhebliche Beschleunigungs- und beim Abklingen der Bewegung auch erhebliche Bremskräfte in sich. Dieses ‚Erlebnis’ habe ich noch heute in lebhafter und mulmiger Erinnerung. Und dies alles geschieht natürlich auch nachts. Derartige Erfahrungen, die sich einfach aus dem Segelbetrieb in See ergeben, hat die im November 2010 heimgeschickte OA-Crew nicht mehr machen müssen.
40. Heute ist mir ein Rätsel, dass Frauen mit ihrer meines Wissens naturbedingt etwas schwächeren Konstitution, insbesondere hinsichtlich der Oberarmkraft, in den Mast geschickt werden – Gleichbehandlung oder –berechtigung hin oder her. In den vergangenen Zeiten der ‚echten’ Segelschifffahrt gab es keine Frauen an Bord. Sie galten als ‚Unglücksbringer’ genau wie Blumen. Insofern stellt dieser Aspekt der Ausbildung auf der ‚Gorch Fock’ meines Erachtens in gewisser Weise einen mit Begriffen wie ‚zeitgemäß’ oder ‚modern’ verbrämten Widerspruch dar.
41. Mir ist es ferner schleierhaft, warum vor diesem Hintergrund niemand bisher darüber nachgedacht hat, das Besatzungskonzept der ‚Gorch Fock’ einmal grundsätzlich zu überdenken. Unverändert gilt seit 1933 wie selbstverständlich, dass die lediglich temporär eingeschifften Lehrgangsteilnehmer mit ‚in den Topp’ müssen. Dies hat den vermeintlichen Grund darin, dass eben die Segelschulschiffe der ‚Gorch Fock’-Klasse ausdrücklich für eine personalintensive Bedienung der Besegelung ausgelegt sind.
42. Dies bedeutet dann aber zugleich, dass es im Kern nur eine Besatzung gibt und nicht, wie aus den Medien kolportiert wird, eine Art ‚Stammbesatzung’ und die OA. Die eingeschifften Lehrgangsteilnehmer sind in der gegenwärtigen Ausbildungskonzeption wie schon seit eh und je notwendig, um die ‚Gorch Fock’ unter Segel zu bringen und unter Segel zu halten. Sie sind damit integrativer Bestandteil der Schiffscrew. Genau diesen Geist kenne ich von meiner Ausbildung auf dem Schiff. Ich habe nie etwas ‚Negatives’ über die OA seitens der damaligen ‚Stammmannschaft’ mitbekommen.
43. Was mich betrifft, so war dies dann auf dem Schulschiff ‚Deutschland’ (1990 außer Dienst) in der Tat der Fall, auf dem meine Crew im Jahre 1979 eine dreimonatige Ausbildungsreise unternahm. Dort waren die OA in der so genannten ‚Kadettendivision’ zusammengefasst, die von einem Stabsoffizier geführt wurde. Die OA waren in fünf ‚Zügen’ separat in fünf extra für sie vorgesehene ‚Kadettendecks’ untergebracht und wurden von fünf jüngeren Offizieren befehligt. Daneben gab es eine ‚Stammbesatzung’, die die ‚Deutschland’ in jeder Hinsicht einschließlich Waffen usw. hätten fahren und bedienen können. Diesen Umstand hat man den einen oder anderen OA damals auch spüren lassen.

44. Insgesamt, meine ich, sind alle ‚Gorch Focks’ in ihrer ‚deutschen Version’, ob heute oder damals, nichts anderes als schwimmende ‚Exerzierhöfe’ oder ‚Drillmaschinen’. Mit der meines Erachtens unzutreffenden Begründung, dem jungen und angeblich individualistisch eingestellten Lehrgangsteilnehmer die Erfahrung von ‚Teamarbeit’ zu vermitteln, ziehen seit 1933 künftige (Menschen)Führer einer deutschen Marine im Takt der Bootsmannsmaatenpfeifen ihrer Ausbilder quasi im ‚Gleichschritt’ an Schoten, Brassen, Geitauen, Gordings und Niederholern oder holen auf den Rahen im ‚Zugleich’-Rythmus die Segel ein. Sie machen dabei letztendlich nur eine Erfahrung: Sich ein- und vor allem unterzuordnen. Mit Teamarbeit o. ä. hat das alles nichts zu tun. Genauso wenig wie der Formaldienst in der allgemeinmilitärischen Grund-ausbildung mit seinen Kommandos und dem Marschieren in Formation im Gleichschritt im Marschtempo 114 nach dem eintönigen ‚Links, zwo, drei, vier’ der Unteroffiziere.
45. Kann vor diesem Hintergrund ein Vorgesetzter in der heutigen Bundeswehr guten Gewissens verlangen, dass die Lehrgangsteilnehmer unter akuter Lebensgefahr auch noch aufentern und in der Takelage arbeiten sollen – womöglich, weil es immer schon so war? Wo ist das Ende der Risikofreudigkeit dieser Vorgesetzten im Angesicht und in voller Kenntnis (!) der versteckt lauernden Gefahren?
46. Gleich zu Anfang meiner Grundausbildung an der Marineschule Mürwik hieß es damals von den Ausbildern: ‚Bei der Marine hat sich nichts geändert, nur der Kaiser kommt nicht mehr zu Besuch’ und ‚Von der Bundeswehr bekommen wir nur unser Geld, ansonsten habe wir damit nichts zu tun’.
47. Ein freiwilliges ‚Aufentern’ kenne ich nicht. In den Streitkräften geschieht alles, was einen dienstlichen Zweck erfüllt, per Befehl. Dabei ist es gleichgültig, wie er sich nennt. Eine Ausbildungsweisung, z. B. für die ‚Gorch Fock’, ist auch ein Befehl. Lediglich in See, wenn die Viertelwache auf Station war, fand so etwas wie ‚Freiwilligkeit’ insoweit statt, als man schlechterdings einen 2m-Mann auf die Royalrah schicken konnte oder mich als kleinen 1,70m-OA auf die Fockrah. Funktionaler Hintergrund: Die Fußpferde unter den Rahen sind auf bestimmte Körpergrößen eingestellt. Der 2m-Mann würde ganz oben Gefahr laufen, in gewisser Weise beim Arbeiten vornüber zu kippen und ich hätte auf der Fock- oder Großsegelrah wohl nicht die nötige Armreichweite zum Arbeiten gehabt. In der Regel waren die Seewachen jedoch mit einer Mischung aus ‚Großen’ und ‚Kleinen’ besetzt, so dass diese Zwangslage kaum aufkommen konnte.
48. Ich denke, die heutige Marine sollte sich von der bestehenden Ausbildungskonzeption der ‚Gorch Fock’ endgültig trennen. Diese erinnert meinen Erachtens in ihrer bis heute ungebrochenen, über 80jährigen Kontinuität zu sehr an die Zeiten der ersten ‚Gorch Fock’ und ihrer damals nach nationalsozialistischen ‚Heroen’ benannten Schwester-schiffe und des mit diesen Schiffen verfolgten Erziehungsziels (s. Punkt 10).
49. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass gemäß den geltenden Grundsätzen der Inneren Führung die Wehrmacht für die Bundeswehr nicht traditionsbildend zu sein hat.
50. Vielleicht könnte die Marine es so ähnlich angehen wie die portugiesische Marine mit der ‚Sagres’: Eine ‚echte’ Stammbesatzung, die zahlenmäßig diesen Namen verdient, und getrennt davon die als ‚Badegäste’ (Marinejargon) eingeschifften männlichen und weiblichen Lehrgangsteilnehmer. Diese dürfen auch in die Takelage etc., aber erst nach gründlicher Vorbereitung, und ich würde meinen, auch dann nicht auf Befehl. Zur Zeit fährt auf der ‚Gorch Fock’ ja schon - erstmalig - diese Art von ‚Stamm-besatzung’. Man könnte die Chance nutzen.
51. Jeder einzelne Offizier- bzw. Unteroffizieranwärter, der auf die ‚Gorch Fock’ versetzt wird, hat, so sollte man meinen, vor seinem Dienstantritt bei der Marine ein mehrtägiges ‚Assessment Center’ erfolgreich hinter sich gebracht, auch mit entsprechenden marinespezifischen Aspekten. Er oder sie verkörpert damit per se ein vergleichsweise hochwertiges Potential für die zukünftige personelle Besetzung der Marine, und sollte daher, meine ich, Gefahren für Leib und Leben in der Ausbildung nur dann ausgesetzt werden, wenn dies unumgänglich zur Erfüllung eines begründeten dienstlichen Ausbildungs-Zwecks nötig ist.
52. Ich habe versucht zu erläutern, warum aus meiner Sicht dazu das Aufentern und das Arbeiten in der Takelage in der bisherigen Art und Weise nicht zählen können. Die Ansprache des Kommandanten nach dem tödlichen Unfall im November 2010 im Sinne von ‚Züge entgleisen, Flugzeuge stürzen ab, auch bei uns passieren Unglücke’ trifft meines Erachtens nicht den Wesensgehalt des eigentlichen Problems. Die OA werden das wohl instinktiv erfasst haben, als sie später die Schiffsführung kontaktierten.
53. Nie in der Geschichte der Segelschulschiffe der verschiedenen deutschen Marinen war deren Bezug zu den ‚echten’ grauen Kriegsschiffen der jeweiligen Epoche geringer als heute. Bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre verkörperte das meines Wissens noch heute bestehende Vier-Seewachen-System der ‚Gorch Fock’ immerhin noch eine Seeroutine, wie sie auf großen schwimmenden Einheiten der damaligen Bundesmarine tatsächlich in Kraft war. Dann wurde per Befehl, ich meine im Jahre 1988, das Drei-Wachen-System in der ‚echten’ grauen Flotte eingeführt – damals durchaus nicht unumstritten. Die ‚Gorch Fock’ ist damit so etwas wie ein Albino in der deutschen Marine geworden.
54. Ich bin mehrere Jahre auf Fregatten der ‚Bremen-Klasse’ gefahren. Schon meine erste Verwendung nach Studium und weiterer Ausbildung führte mich als 25jährigen auf die damals neueste Fregatte, die ‚Köln’. Als Mitglied der Erstbesatzung und jüngster Offizier an Bord erlebte ich live ihre Indienststellung und das dann zu absolvierende Ausbildungsprogramm zur frühestmöglichen Herstellung der Einsatzbereitschaft. Ich habe dabei von meinen auf der ‚Gorch Fock’ gemachten Erfahrungen oder dort erworbenen Kenntnissen weder etwas anwenden können, noch habe ich in irgendeiner Art und Weise in der Erfüllung meiner Aufgaben von angeblich anerzogenem Mut, anerzogener Härte oder anerzogener Ausdauer profitieren können.
55. Für mich mutet es wie eine Ironie der deutschen Marinegeschichte an, wenn ausgerechnet in einem November und ausgerechnet auf dem Vorzeigeschiff der Deutschen Marine und ausgerechnet gegenüber OA und ausgerechnet wohl gegenüber deren Vertrauensperson(en) eine Schiffsführung ausgerechnet Begriffe wie Meuterei u. ä. gebraucht haben soll, d. h. gegenüber einer Einrichtung, die einmal von der Marine institutionalisiert worden war, um genau solche Dinge auszuschließen (s. Punkt 1). Damals wie heute war wohl das ‚Vertrauen’ zwischen ‚Offizier’ und ‚Mann’, heute plus ‚Frau’, aufgrund einer als ‚unsinnig’ angesehenen Befehlsgebung irreparabel zerbrochen. Beide Male ging es, so meine ich, in erster Linie buchstäblich um nichts anderes als Leben und Tod der Untergebenen. Und wie damals brach auch jetzt die Marineführung die geplante Operation sang- und klanglos ab.
56. In der lang vergangenen Segelschiffszeit würde ein Kapitän (Bezeichnung für die Schiffsführung auf Handelsschiffen) der in kurzer Zeit mehrere Todesfälle auf ‚seinem’ Schiff gehabt hätte, wohl Schwierigkeiten gehabt haben, seine Besatzung an Bord zu halten. Diese würde ihn nach damaliger seemännischer Manier abergläubisch-schicksalhaft wohl eher als einen wenig ‚glückhaften’ Kapitän betrachtet haben und Zug um Zug abgeheuert haben.
57. Insofern halte ich auch die in meinen Augen trotzige Reaktion der vermeintlichen, anscheinend sich selbst dazu ernannt habenden, ‚Stammbesatzung’ beim Abschied ‚ihres’ Kommandanten für eine Disziplinlosigkeit gegenüber ihrem eigentlichen Dienstherrn. Ein deutsches Kriegsschiff ist kein Plakatträger für eine Art ‚Personenkult’ wie sie die Losung ‚Ein Kommandant, eine Besatzung, ein Schiff’ meiner Ansicht nach dem Außenstehenden suggerieren muss. Im übrigen dachte ich immer, dass derartige ‚Dreisätze’ inzwischen aus der Mode gekommen wären. Aber anscheinend wirkt das Erziehungsideal des Kriegsmarine-Admirals Erich Raeder noch nach. Wie sollte es vielleicht auf einer ‚Gorch Fock’ mit ihrer ganz spezifischen ‚Tradition’, die ich versucht habe näher zu beleuchten, auch anders sein?

58. Die ‚Ablösung’ des Kommandanten war meines Erachtens angesichts der obwaltenden Umstände richtig und nach den bestehenden Richtlinien für solche Vorgänge auch in jeder Hinsicht rechtens. Von dieser Vorschriftenlage, niedergelegt in der VM-Blatt-Sammlung des Bundesministers der Verteidigung, hat meiner Erfahrung nach jeder Disziplinarvorgesetzte Kenntnis. Im übrigen hat auf sie auch der Inspekteur der Marine – allerdings erst in seinem zweiten Inspekteurbrief – mit dem Begriff ‚kommandiert’ konkret Bezug genommen.
59. Ich frage mich auch, wo eigentlich die Dienstaufsicht über die ‚Gorch Fock’ blieb. Wenn im Frühjahr 2010 eine umfassende Studie des bundeswehreigenen Sozialwissenschaftlichen Instituts erschienen ist, die mehrere OA-Jahrgänge beleuchtet hat und dabei immer wieder denselben Problembereich identifizieren konnte, nämlich das Verhältnis Stammbesatzung gegenüber den eingeschifften Lehrgangsteilnehmern auf der ‚Gorch Fock’, dann müssen doch irgendwann einmal die Alarmglocken bei den Dienstaufsicht führenden truppendienstlichen Vorgesetzten der ‚Gorch Fock’ geklingelt haben.
60. Diese sind in persona zunächst der Kommandeur der Marineschule Mürwik, dann der Admiral Weitentwicklung und Ausbildung im Marineamt und zuletzt der Amtschef des Marineamtes selbst. Der zurück nach Deutschland befohlene Kommandant ist in seiner Zusatzfunktion als Verantwortlicher für die Ausbildung auf der ‚Gorch Fock’ in dieser Hinsicht nur das erste, und, so meine ich, eher unbedeutendere Glied in der Kette.
Letzter Punkt: Wenn ausgerechnet OA von ihrem Recht Gebrauch machen, sich mit einer Eingabe an den Wehrbeauftragten zu wenden, müssen nach Lage der Dinge die anderen einem Soldaten zustehenden Wege zum Vorbringen eines Beschwers erschöpft und für sie subjektiv ‚erfolglos’ geblieben sein. Da muss schon etwas passiert sein, irgendwo muss da an Bord der ‚Gorch Fock’ die Säge gewaltig geklemmt haben – egal, zu welchem Ergebnis die Ermittlungen kommen.
Verfasser: Ronald Harms, Berlin
Illustration: Harald Oberhem, Berlin
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31.1.2011 von dragonX6.
Der Geist der „Bonner Republik“ lebte von Männern wie den Gebrüdern Wirmer. Die Neu-Berliner Republik hat den Namen, trotz Gedenkschild, längst vergessen. Das neue Berlin will insofern wohl auch kaum daran erinnert werden, als es mit den Antifa-mäßig aufpolierten Legenden der NS-Haupstadt-Epoche schwer zusammenpasst, dass Berliner Bürger von außerhalb zum Kern des tatsächlichen Widerstandes gehören.
Beide Brüder – aus Westfalen stammend, katholisch, korporiert (KV) – wurden Juristen. Dabei schien der ältere, Josef, mehr Glück zu haben.

Zu jung, um dem Ersten Weltkrieg ausgeliefert zu werden, alt genug, um die berufliche Karriere rechtzeitig vor der „Machtergreifung“ begonnen zu haben. Kein Klerikaler, kein (Krypto-) Monarchist. Josef Wirmer gehörte zu denen, die sich zu Weimar bekannten und darum ein Zusammengehen von (katholischem) Zentrum und Sozialdemokratie forderten und unterstützten. Er wusste, wie Politik „geht“. Und er ließ sich den Blick nicht trüben, was den NS anbelangt – ganz im Gegensatz zu den politischen Prälaten und nicht wenigen Bischöfen, vielleicht ein Stück weit auch der Vatikan. Josef war darum schnell der „Rote Wirmer“.
Wirmer muss klug, geschickt und unprätentiös gewesen sein, sonst hätte er seine zentrale Rolle zwischen Goerdeler und den Gewerkschaften nicht bis zum 20. Juli so effektiv spielen können. Er war – natürlich – prinzipienfest und mutig. Im Gegensatz zu manchem Widerstandskämpfer von Stand und/oder in Uniform ließ er sich vom Preußentum seiner Gegenwart, mit dem sich auch die Nationalsozialisten zu tarnen suchten, nicht beeindrucken. Er war war Bürger, zivil,

im besten Sinne des Wortes. Wie kaum ein anderer widerstand er dem Satan, Roland Freisler, in´s Angesicht und starb wie ein Mann. Als gläubiger Katholik wusste er, dass vor dem Antlitz Gottes schmählicher Tod und völliges Scheitern nicht das letzte Wort haben. Nur solches Wissen will erlitten sein.
Der jüngere Bruder Ernst Wirmer wurde aus politischen Gründen nach dem Gr. Staatsexamen zu keiner jurristischen Laufbahn zugelassen. So rettete
er sich quasi mit Aushilfstätigkeiten über die NS-Zeit, incl. als Leutnant der Kraftfahrtruppe. Nach der Verhaftung des Bruders in Sippenhaft genommen, lernte er die dort ebenfalls präsente Generalität durchweg von ihrer schlechtesten Seite kennen: Ignoranz und Arroganz waren ungebrochen. Wirmer sollte das nicht vergessen.
Ernst Wirmer wurde zum shooting star bürokratischer Karriere des westlichen Nachkriegsdeutschland. Als

ehemaliger persönlicher Referent Konrad Adenauers konnte er es sich leisten, in der zweiten Reihe zu stehen. Im Amt Blank war er der Mann des „Alten“ und wurde zur Verkörperung „zivilen Geistes gegen grasende Generäle“. Wirmer setzte als Vater des Art. 87b GG die Trennung von Streitkräften und Wehrverwaltung durch. Begründet mit der „Entlastung der Truppe“, gemeint und strategisch durchdekliniert als ziviler Gegenpol und Kontrollinstanz der militärischen Führung. Ernst Wirmer musste darum viele Feinde haben; seine Art des Umgangs mit Untergebenen (und Vorgsetzten) trug das Ihre dazu bei, dass ihm höchste Führungsebenen verschlossen blieben.
Als (noch) Weimarer Juristen glaubten die Gebrüder Wirmer an den preußischen Verwaltungsstaat, die Verklammerung von Verwaltung und Recht. So war denn auch die Bezeichnung der von Ernst Wirmer geleiteten Abteilung im Verteidigungsministerium. Sie stand für die neue Bundeswehr nicht weniger , wenn auch nicht in solch strahlendem Glanz, als das Konzept „Innerer Führung“ der Militärs. Diese Klammer ist organisatorisch längst aufgelöst; es hat den Anschein, dass die verbliebene Rechtsabteilung jetzt auf ein Justitiariat der Leitung reduziert wird. Die Berliner Republik wäre damit wieder im falschen Weimar angekommen.
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12.1.2011 von dragonX6.
In früheren Zeiten wußte man, dass klug geführte Kriege kurz und siegreich sind. Hugo Grotius belehrte Festlandseuropa zu Beginn des 17. Jahrhunderts über die grundlegenden Unterschiede der politischen Aggregatformen von Frieden und Krieg, welchletzterem alles Recht, jede Gesittung und Moral, ja sogar die Achtung der göttlichen Herrschaft abhanden zu kommen drohte, wenn man ihn nicht in einen rechtlichen Rahmen stellte: „De iure belli ac pacis“ hieß die von Grotius verabreichte Medizin, unterschieden wie Himmel und Hölle, aber geordnet. Frieden oder Krieg – tertium non datur. Und beides zugleich kann man nicht haben. Weihnachten ist da eine Nagelprobe.
Eine Kriegsweihnacht war 1914 von keiner Kriegspartei vorgesehen. Allesamt sollten die „Krieger“ bis zum Fest wieder im trauten Heim bei den Familien sein. Bekanntlich kam es anders. So kann es nicht verwundern, dass man sich im Schnelldruck hergestellter Pamphlete bediente,
um die Heilige Nacht – wenn auch räumlich getrennt - in trauter Einheit von Heimat und Front begehen zu lassen. Oder die Soldaten der Front begegneten dem geborenen Gottessohn quasi „by the way“, in einem Abbild heimatlichen Erlebens.

Im Folgejahr wurde klar: der Krieg wird dauern. Und er kostete viele Menschenleben und die Gesundheit zahlreicher Soldaten. Die (religiöse) Deutung verschärfte sich. Der schwäbische (kath.)Landesbischof von Keppler sei als Beispiel für viele angeführt: der Krieg in seiner Härte bleibt ungeschönt, wird aber als Fingerzeit göttlicher Belehrung gedeutet – wider die religiöse und moralische Erschlaffung der Gesellschaft, als Mahnung zu einem „tieferen“ Ernst, als ihn die bürgerliche Idylle süßer Glockenklänge wiedergeben könnte. Motiv: das heilige Paar mit dem Kind auf der Flucht.

Keine himmlischen Chöre, keine Hirten, keine Anbetung der Könige.
1916 offenbart, wahrscheinlich ungewollt, ein Propagandablatt den „moralischen!“ Zerfallsprozess, dem Weihnachten an der Front (und jetzt auch der Heimat) ausgesetzt ist. Die englischen Scharen sind auf eine „Flügelpuppe“ reduziert, die desinteressiert wegblickenden Feldgrauen ein Christbäumchen als Angebinde offeriert.
Der Umgang der Amts-Kirchen mit dem Glauben „im Weltkrieg“ war wohl einer der entscheidenden Faktoren für die Abwendung der Massen von der christlichen Tradition.

„Kriegsweihnacht 2010“: zum zweiten Male anerkannt, diesmal sogar von der Kanzlerin. Die Verbündeten jenseits des Ozeans zelebrieren „A Soldier´s Silent Night“. Chaplain Ted Berndt von der Episcopal Church, ehemaliger Marine, präsentiert 100 Jahre amerikanisches Soldatentum im Kriege. Von den himmlischen Heeren mit der göttlichen Friedensbotschaft kein Wort. Und ein Betrachter meint:
“ May “A Soldier’s Silent Night” transcend any opinion about this war or any war, and go deeper to foster an appreciation for the selfless sacrifice and courage of The United States soldier and their families.”
Über die Weihnachtsgrüße an deutsche Soldaten im Einsatz möge sich der interessierte Leser selbst ein Bild machen, seien es die beiden Leiter der Militärseelsorge oder der Generalinspekteur, der Verteidigungsminister oder „Promis“ aus der Welt der Unterhaltungsindustrie oder des Fußballs.
Vielleicht haben die Herzen der Kinder immer noch den besten Zugang zur umfassenden und unverkürzten Weihnachtsbotschaft des Friedens Gottes mit den Menschen. Sie sind Menschen seines Wohlgefallens. Wer hier „nachrüsten“ will, besuche etwa die szopki (Krippen) in der alten polnischen Hauptstadt Krakau. Da kann man wieder das Staunen lernen!
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14.11.2010 von dragonX6.
Wenn nicht der schon im Vorfeld als „umstritten“ abqualifizierte Frankfurter Vortrag von Alfred Grosser gewesen wäre, wer hätte in diesem Jahr den 9. November noch als Gedenktag in Deutschland zur Kenntnis genommen? Er wirkt in der Rubrizistik ritualisierter „Erinnerungskultur“ ohnehin seltsam matt – zumal nach dem vorjährigen „runden Geburtstag“ des Mauerfalls und der erfolgreichen Etablierung des Auschwitz-Befreiungstages im Januar die Themen auszugehen drohen. Aber verwundern kann das nicht, wenn die geschichtlichen – nicht unbedingt historischen – Linien des deutschen Niedergangs, die sich im Datum des 9. November spiegeln, im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle zu spielen scheinen.
Niedergang? Die Eckpunkte – die Novembertage 1918 und 1989 - gelten doch als Tage des Erfolges! Vor 21 Jahren wurde in einer gewaltlosen, friedlichen Revolution die Vereinigung zweier deutscher Staaten durch das deutsche Volk in der DDR erwirkt – ein Sieg demokratischer Kultur in Ost und West. So heißt es.
Was fehlt, ist der Blick auf die andere Seite der Barrikade. Was scheiterte eigentlich für die wenn auch reichlich müde gewordenen Kämpfer kommunistischer Kader und ihre soziale und intellektuelle Gefolgschaft in jener Novembernacht 1989? Auf was konnte und kann man – aus dieser Perspektive - nach der „DDR“ noch hoffen? Diese Frage hat das herrschende West-Establishment in seiner fraglosen Selbstgewissheit wohl noch nie interessiert.
Dasselbe gilt für das erste Datum der Novembertage. Zur Erinnerung: Noch im im August 1918 versprach die Oberste Heeresleitung, unter deren Diktatur Monarchie und politische Kräfte quasi erstarrt waren, einen opulenten Siegfrieden. Wie im Osten, so auch im Westen Sieg. Wenige Tage später forderten sie von Kaiser und Reichsregierung das Eingeständnis der Niederlage und die sofortige Kapitulation. Die Historiker haben hinreichend belegt, dass sich die Militärs in dieser Situation vor allem nach einem (innenpolitischen) Sündenbock umsahen, der die Niederlage verantworten sollte.
Kräfte des Hofes, der Reichstagsparteien – außer den späteren Kommunisten – und des Militärs versuchten in der Oktoberreform durch eine radikale Demokratisierung der 1871er Verfassung den Boden des gegebenen politischen Systems zu verbreitern und zu stabilisieren – aus welchen Motiven auch immer. Seit dem 3. Oktober 1918 hätte in Deutschland wieder Politik stattfinden können. Das absolute Versagen der „herrschenden“ Monarchen in Berlin und anderswo, die Zögerlichkeit der Parteiführer und das weitere Taktieren der OHL verhinderten es, dass der in der Stunde höchster Not gefundene Kompromiss wirklich akzeptiert und durchgesetzt wurde. Dem standen der politisch-militärische Feind, das Entente-Bündnis mit seinen maßlosen Kriegszielen, (dessen sezessionistische Gefolgsleute in Böhmen/Tschechei und Polen bereits Europakarten in Umlauf brachten, auf denen Deutschland bereits gelöscht war) und die deutschen Anhänger Lenins (USPD/Spartakus/KPD), die auf gewaltsame Revolution und Bürgerkrieg setzten, im Wege.
Mit der durch Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig verfügten Abdankung des Kaisers und Königs und den Thronverzicht des Kronprinzen sowie die Übergabe des Reichskanzleramtes an Friedrich Ebert hatte dieser letzte politische Repräsentant des ancien regimes seine Pflicht erfüllt. Philipp Scheidemann rief – gegen den Willen Eberts - an jenem 9. November die Republik, Karl Liebknecht die kommunistische Revolution aus. Ebert zauderte. Der Kaiser war zuvor feige in´s Ausland geflohen.
An diesem Tage bereits wurden jenem Staat die Grundlagen entzogen, der Monate später als Weimarer Republik gegründet wurde. Auf der Basis des Oktober-Kompromisses hätte jene Institution die politische Verantwortung für Krieg und Niederlage übernehmen müssen, die sie formal zuvor in Anspruch genommen hatte: die Monarchie. Mit der radikalen Reduktion ihrer Machtbefugnisse, verbunden mit einem umfassenden personellen Austausch, hätte sie dem deutschen Staat jenen auch emotional wirksamen Rahmen geben können, den die in ihrem Kern eher konservative deutsche Gesellschaft damals (wie heute?) benötigte.

Prinz Wilhelm von Preußen (1906-1940) (1927; r. der älteste Enkel WilheIm II. (l.) und nächster Thronanwärter) fiel im Frankreichfeldzug. Nach seiner Beerdigung in Potsdam, an der 50000 Menschen teilgenommen hatten, verbot Hitler mit dem sog. Prinzenerlass die Kriegsteilnahme Angehöriger ehem. „regierender Häuser“. Im I. Weltkrieg hatten sie zwar zahlreich hohe militärische Stellungen innegehabt-aber nicht „frontnah“. Keiner verlor sein Leben.
Der im Winter 1918/19 von den Kommunisten eröffnete Bürgerkrieg machte das Weimarer „System“ schwach, oft hilflos, zumal die Linke durch die neue radikale Rechte, zwar nicht an intellektuellem Niveau, aber in Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft noch weit übertroffen wurde. Die Folgen sind bekannt.
Die Kommunisten setzten nach ihrer Niederlage im Kampf gegen den „Faschismus“ 1933 diesen Krieg fort: in Spanien, an den Fronten des Zweiten Weltkrieges und im Gefolge sowjetischer Panzer in ihrer „DDR“ – vorerst bis 1989/90. Dieselben konservativ-bürgerlich-liberalen Kräfte, die im Herbst 1918 versagt hatten, kapitulierten auch 1933. Einer ihrer zentralen Denkfehler bestand damals darin anzunehmen, dass die Institutionen des parlamentarisch-demokratischen Staates auch ohne Volk handlungsfähig bleiben – es sei denn, das Volk würde abgeschafft. Das ist auch heute wieder Thema. Darüber auf der Folie des 9. November-Gedenkens neu nachzudenken, dürfte nicht verkehrt sein.
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17.7.2010 von dragonX6.
Die alljährlichen Ritterspiele anlässlich der Schlacht Polen-Litauens mit dem Deutschen Orden (OT) bei Tannenberg/Grunwald am 15. Juli 1410

nahmen in diesem Jahr nach Pressemeldungen offen folkloristische Züge an. Die Staatsoberhäupter Polens und Litauens, Bronislaw Komorowski und Dalia Grybauskaite, als Gast war auch der Hochmeister des Ordens, Bruno Platter aus Wien, anwesend, versuchten dem 600. Jahrestag der Schlacht einen neuen Sinn zu geben. Der polnische Präsident Komorowski meinte, damals sei es zur Konfrontation zwischen zwei Konzepten der europäischen Zivilisation gekommen. Der Deutsche Orden habe auf Bekehrung mit dem Schwert gesetzt, die Gegenseite auf das Recht jeder Nation auf Andersartigkeit. “Das Christentum soll durch Bekehrung mit friedlichen Mitteln, nicht durch das Schwert verbreitet werden”, sagte Komorowski. Diese Idee sei 1410 eine Zäsur in der Geschichte Europas gewesen.
Das verstehe, wer will. Denn knapp 200 Jahre vor der Schlacht hatte Herzog Konrad von Masowien und Kujawien im Vertrag von Kruschwitz, der durch die entsprechenden Bullen von Rieti (Papst Gregor IX.) und Rimini (Kaiser Friedrich II.) sanktioniert wurde, den Orden um Missionshilfe gebeten – nach dem Grundsatz: getauftes Land – erbeutetes Land. Nachdem Pruzzen und Litauer auf diese Weise dem orbis christianus eingegliedert waren, war der Deutsche Orden nur noch ein Hindernis für die imperialen Attitüden des vereinigten Litauen und Polen, zumal für einen Zugang zum Mare Balticum.
Die Rede von einer Zäsur dürfte auch bei der weiteren Geschichte des Doppelstaates Probleme aufwerfen. In den Jahrhunderten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit tat sich Polen-Litauen – das ist unbestreitbar – durch erhebliche Toleranz gegenüber den europäischen Juden hervor. Die Gegenreformation nahm hingegen auch in Polen Maß an der Praxis der mitteleuropäischen Mächte. Auch Muslime und Orthodoxe bewerten ihre damalige Geschichte anders. Kurz: Geschichtslegenden und historische Tatsachen geraten in unauflösbare Widersprüche.
Inwieweit die vereinigte Rzeczpospolita, deren Herrschaftsgebiet sich auf das Gebiet zwischen den beiden Meeren erstreckte, jeder Nation das „Recht auf Andersartigkeit“ gewährte, sei dahingestellt, da die Vorstellung einer ethnischen Nation für die Gestaltung der europäischen Staatenwelt dieses Zeitalters ohne Belang war. Das änderte sich grundlegend im allgemeinen Nationalismus des 19. Jahrhundert, der die Zweitrangigkeit nationaler Minderheiten praktizierte oder doch zumindest vorbereitete.
Die eigentliche politisch-psychologische Nutzung des Grunwald-Mythos hat hier ihren durch und durch artifiziellen Ursprung. Er diente dem Großmachtanspruch des wieder zu errichtenden Polen, eines ethnisch-polnisch dominierten Vielvölkerstaates, der darum – wie die Geschichte seit dem 11. November 1918 gezeigt hat - militärische Konflikten mit allen Nachbarstaaten hatte, dessen Staatswesens zerrüttet war und in dem es schließlich während der Besatzungszeit teilweise zum offenen Bürgerkrieg im Untergrund kam.
Seit über 100 Jahren gibt es wohl kein polnisches Kind, das nicht den 1901 veröffentlichten Roman „Krzyzacy (Kreuzritter) von Henryk Sienkiewicz gelesen hätte:
“Unersättlich ist dieser Stamm, schlimmer als die Türken und Tataren. Sie überfallen Dörfer, metzeln die Bauern nieder, ertränken die Fischer, packen die Kinder wie Wölfe. Und das Blut der Greise, Frauen und Kinder rieselte an den Beinen der Eroberer herab. Die Kreuzritter. Immer die Kreuzritter.”
Die 1960 unter der Ägide Volkspolens durch Aleksander Ford geschaffene Verfilmung bleibt dem „Drehbuch“ nichts schuldig. Er zeigt nur die hässliche Fratze des Deutschen, des Mörders, Vergewaltigers, Widerlings und Feiglings. (Man wundert sich einigermaßen, dass eine solche Darstellung von Priestern und Ordensleuten im katholischen Polen ohne Widerspruch angenommen wurde.) Und welcher Pole kennt nicht (auswendig) die „Rota“ („Der Eid“) der Maria Konopnicka, die immer noch gern etwa bei Fronleichnamsprozessionen gesungen wird:
Und bis zum letzten Blutstropfen
verteidigen wir Geistes Gut.
Bis sich zu Schutt und Staub zerschlug
der Kreuzritter böse Brut.
Des Hauses Schwelle sei uns Festungswehr!
Dazu verhelf uns Gott der Herr!
Nicht mehr wird der Deutsche uns spei’n ins Gesicht,
die Kinder uns nicht germanisieren.
Bald kommt der Waffen ehernes Gericht,
der Geist wird uns anführen.
Blitzt nur der Freiheit goldnes Horn - zur Wehr!
Dazu helf uns Gott der Herr!
Erstmalig wurde dieses Lied bei der Einweihung des
Krakauer Grunwalddenkmals zum 500 Jahrestag der Schlacht gesungen.

Dieses Bild des Deutschen – projiziert auf den Ordo Teutonicus des Hochmittelalters und den seinerzeitigen Hochmeister
Ulrich von Jungingen – wurde Grundlage der National- und Geschichtspolitik der polnischen Rechten des 20. Jahrhunderts. Roman Dmowskis „Westgedanke“ lebt davon. Der ursprüngliche Panslawist war bekanntlich polnischer Verhandlungsführer bei den Versailler Vertragsverhandlungen. Seine Träume wurden 1945 wahr. Polens Grenzen waren an Oder und Neiße angelangt.
Diese Mitgift hatte Volkspolen im Gepäck. Und in diesem Punkte herrschte tiefe Einigkeit nahezu aller Polen: in Mutterland und Emigration, rechts und links, vor allem auch in der Kirche. So einte der Grunwald-Mythos alle Polen. Und er tut es offensichtlich noch. Letztlich ist Grunwald der moralische und rechtliche „Titel“ für die „Wiedergewinnung der westlichen Gebiete“. Zugleich erlaubt er Identifikationen zwischen der Nachwende-Republik und dem kommunistischen Polen.
„In seiner Rede erinnerte Präsident Komorowsk“ – so ein Kathpress-Bericht -„auch an die Instrumentalisierung des Grunwald-Mythos für politische Propaganda. Die Geschichtspolitik solle andere Nationen nicht demütigen, sondern das Verbindende herausstellen, sagte Polens Staatsoberhaupt.“ Die 600-Jahres-Siegesfeier in Tannenberg liefert dazu keinen Beitrag. Im Gegenteil. Auch die Teilnahme des OT-Hochmeisters, einer zu Tode siechen Gemeinschaft, und seine Kommentare wirken fast wie eine Karikatur: Der politische Missbrauch des Tannenberg-Mythos verblasse zunehmend und das Image des Ordens verbessere sich, meinte er im Interview. Vor zehn Jahren habe man den ersten (!) Polen im Orden zum Priester geweiht – und er selbst habe Gottesdienste in der Marienburg feiern dürfen.
Das bedarf keines Kommentars. Ähnlich dem Besuch der deutschen Kanzlerin am 9. Mai des Jahres bei den Moskauer Siegesfeiern, zur Rechten des russischen Präsidenten. Gefeiert wurde die Befreiung Europas und seiner Werte durch die Rote Armee. Frau Merkel hat dem nicht widersprochen.
Der französische Linksrepublikaner Leon Gambetta hat wenige Monate nach der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Preußen-Deutschland im Herbst 1871 den Satz geprägt:“ Immer daran denken, niemals davon sprechen“. Gemeint war die eigene militärische Niederlage. Dieser Satz wurde zum Programm französischer Revanchepolitik, in der nach Versailles die polnische 2. Republik eine zentrale Rolle spielte. Das sollte aber keine Option für Deutschland und die Deutschen sein oder werden. Es bleibt nur der Weg des wechselseitigen Respekts und des Dialoges. Dazu braucht es aber die Bereitschaft beider bzw. aller beteiligten Seiten. Und zwar zuerst zur historischen Wahrheit. Das herkömmliche moralische Diktat des Grunwaldmythos trägt nicht dazu bei – auch nicht die Feier dieser Tage.

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19.12.2009 von dragonX6.
Wenn Stephen Venner, der von seiner anglikanischen Kirche neu bestellte Militärbischof für die britischen Streitkräfte, seine erste Predigt zu Mt 5,44-45a („Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.“) gehalten hätte, wären die Reaktionen kaum ablehnender ausgefallen. In einem Interview mit dem Daily Telegraph warb der oberste Militärgeistliche für einen „more sympathetic approach“ gegenüber den Taliban, der ihr Menschsein anerkenne. Die gängige Sicht der Taliban sei zu vereinfachend. Vieles, was Taliban sagten und tun, sei im Westen inakzeptabel. Auch seien ihre Kampfmethoden weder ehrenwert noch hinnehmbar. Man möge aber bedenken, dass viele Menschen unter ihrem Einfluss stünden. An einem künftigen Afghanistan müssten aber alle Gruppen beteiligt werden. Nur ein so zu gewinnender dauerhafter und gerechter Friede könne letztlich das Opfer der eigenen britischen Soldaten und Soldatinnen rechtfertigen.
Den Interview-Titel bezog die Redaktion auf die Aussage Venners: „The Taliban can perhaps be admired for their conviction to their faith and their sense of loyalty to each other.” Das ist – so meinen wir – der Sache nach eine durchaus kritikwürdige Behauptung. Die öffentliche Argumentation ging aber einen kürzeren Weg. Ein im Blatt zitierter afghanistanerfahrener Colonel nannte Venner “naiv”. Man müsse den Feind militärisch und nicht religiös verstehen. Und schließlich seien die extremistische Deutung des hl. Krieges und die Religion des Friedens und des Verstehens, für die der Feldbischof eintrete, unvergleichbar.
Zeitpunkt und Aussagen des Interviews konnten kaum unglücklicher gewählt sein. Zeitgleich hielt sich Premierminister Gordon Brown in der selbstgewählten Rolle des Kriegspremiers im Kampfgebiet auf, um die Moral der Truppe zu stärken. Wenige Tage vorher war der hundertste gefallene britische Soldat im laufenden Jahr zu beklagen, seit 2001 sind es bereits 237. Brown sprach von einem Guerilla-Krieg, der seitens der Taliban mit dem Ziel größtmöglicher Zerstörung geführt werde. Alle zwei Stunden werde unterdessen eine Sprengfalle gefunden.
Bischof Venner entschuldigte sich umgehend für seine „unsensiblen“ Worte und sah sich missverstanden. Sein kirchlicher Vorgesetzter, der Erzbischof von Canterbury, blieb öffentlich stumm, dasselbe gilt für die politische Führung. Das Ganze wurde letztlich als Fauxpas eines Anfängers behandelt.
Britannien ist „on war“. Das Feindbild steht nicht zur Debatte. Es muss klar und im Ergebnis „vernichtend“ sein. Das motiviert zumal dann, wenn die eigene militärische Lage schwierig wird und das politische Umfeld der Truppe zu wenig Rückhalt bietet.
Das ist im Vereinigten Königreich nichts Neues. Erinnert sei an den in Deutschland zu Unrecht vergessenen George Bell, der als Bischof von Chichester und Mitglied des Oberhauses während des Zweiten Weltkrieges öffentlich Kritik an der gegen Deutschland gerichteten britischen Luftkriegführung („area bombing“) übte. Als ökumenisch erfahrener, als Nazi-Gegner bekannter untadeliger Kirchenmann, der seine Argumente sehr wohl abzuwägen verstand, war er persönlich unangreifbar. Also wurden seine Interventionen ab-geschwiegen. Im Oberhaus war er völlig isoliert, im Unterhaus unterstützten ihn nur zwei Abgeordnete. Dasselbe wiederholte sich nach Ende des Krieges, als Bell sich gegen die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten des Reiches wandte. Mehrmals soll Kriegspremier Winston Churchill die Wahl die Wahl Bells zum Erzbischof von Canterbury verhindert haben.
In Zeiten des Krieges gibt es nur eine klare Wahl: für die eigene Seite bedingungslos einzutreten oder zum Verräter zu werden. Für die angelsächsische Kultur brachte dies ein junger US-Marineoffizier, Stephen Ducatur jun., nach der siegreichen Niederwerfung nordafrikanischer Piraten zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem Trinkspruch auf den kurzen Nenner: „In matters of foreign affairs, my country may she ever be right, but right or wrong, my country, my country!“.
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