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Preußen II: Friedrich Wilhelm I. und der „gerechte Krieg“

Als der Mythos Friedrich „des Großen“ im 19. Jahrhundert geschaffen wurde, hatte sich der Lebensentwurf und das Verständnis monarchischer Regierung, wie sie sein Vater Friedrich Wilhelm verstanden hatte, schon längst erledigt. Der nationale Großstaat, das Zeitalter von Wissenschaft und Fortschritt und der Krieg als Vater aller politischen Dinge standen auf der Agenda – auch wenn das im Zeitalter des Wilhelminismus offiziell nicht so gänzlich zugegeben wurde.

So galt König Friedrich Wilhelm I. in Preußen und Kurfürst von Brandenburg

    

 als eher kauziger und grausamer Einzelgänger, als der „Soldatenkönig“, lediglich als Vorgänger eines „Großen“.

Trotz seiner persönlichen Neigung zum Militärischen sah Friedrich Wilhelm den Krieg keineswegs als beliebiges Mittel der Politik. Im Gegenteil, er warnt seinen Nachfolger in einer Art politischen Testamentes nachdrücklich vor „ungerechtem Krieg“:

   

                  

 

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 bettet zu Gott und fanget niemahlen ein ungerech­ten Krig an. aber wozu Ihr recht habet da laßet nicht ab. den gerechte sache wierdt euch Gott gewiß sehgenen aber [in] eine ungerechte sache wierdt euch Gott gewiß verlaßen das seidtversichertt.  dehrowehgen Mein lieber Successor bitte ich euch umb Gottes willen die Armee wohll zu conserviren und sie mehr und mehr zu verstercken und sie

formidabeler zu machen’, und sie nicht zu separriren so wie mein Vatter friderich König: in Preussen im letzten frantzösischen Krig getahn hat. sondern  eure Armee stehfts zusammen behalten, alsden werdet Ihr sehen wie von allen Pu[i]ssancen der weldt Ihr recherchiret werden wierdt und werdet in eurohPa die Ballance halten könnet den es von euch dependiret. den wehr die Ballance in die weldt halten kann ist ümer was dabey zu Profittieren vor eure lender und Respectable vor eure freunde und formidable vor eure fein­de ist.

Mein lieber Successor mus sein dahge nicht seine schöne Armee ceparriren und keine truppen vor geld und Subsidieen an Keißer Engelandt Hollandt gehben ………Ihr habet zu viell verstandt so ein Pas de Kleck (Fehltritt) zu thun, Euer Reichscontingent bestehet aus 14000. Man. müßet ihr geh­ben aber nicht von euer armee aber Ihr müßet fremde truppen von Kleine teutsche fürsten vor jerliche Subsidien von Gotta Dormstat Bareit-ansbach Eisenach io.esqua: lo.Batt: die müs­sen vor die 14000.Man passieren. ein von euer gennerahls mü­ßet Ihr mit zum Komandeur mitschiecken. Die Ministris wer­den aber alles anwenden euer Armee zu Separriren aber folget mein räht der ist guht ich habe alles selber aus die erfahrung. und was will das sagen warumb sollet Ihr euer Armee Sacrificieren laßen, geldt Kriget Ihr ümmer wieder, aber wen euer landt depeubliret ist das hellet schwehr wieder zu Krigen. die wohl­fahrdt ein Regendt ist das wen sein landt guht Peupliret ist. das ist der rechte reichtuhm eines landes. wen euer Armee außer landes Marchieret so werden die accissen nicht das 3.te teill so viell tragen als wen die Armee im lande, die Rerum precium (Warenpreise) werden fallen alsden die emter nicht ihre Pacht werden richtig abgehben Können ist ein totall Ruin.

 

Mein lieber Succeßor bitte ich umb Gottes willen kein ungerechten krihg anzufangen und nicht ein agressör sein den Gott die ungerechte Krige verbohten und Ihr iemahls müßet rechenschaft gehben von jeden Men­schen der dar in ein ungerechten Krig gebliben ist. bedenck was Gottes gericht scharf ist.

 

lehset die Historie da werdet Ihr sehen das die ungerechte Krige nicht guht abgelauffen sein als da ha­bet Ihr Ludewig der 14. König in franckreich der König August aus Pohlen den Kurfürsten zu Bairen zum exempell und noch mehr, die beyde letztere sein von landt und leutten verjaget und darzu detroniret worden den sie ein ungerechten Krig anGefangen, seidt versicherdt das Gott das hertz der Armee giebet und nimmets auch weg von den soldahten. den der König Augusto ein sehr ungerechten Krig angefangen hatte da wahren seine Sexische Armee so furchtsahm vor die schwehden das in viellen Battallien und Rancontern wen die Saxen auch noch einmahl so stark gewehsen als die Schweden doch von ihre feinde geschla­gen worden, den eine furcht unter die Saxen steh[t]s in den ungerechten Krig gewehsen das sie nicht haben stehen wollen und fechten, da Kan mein lieber Successor sehen die handt  Gottes, die Saxen sein sonsten Brafe leutte die dar in Braband und im reich bestendig als Braffe leutte gedienet aber sobald Ihr Köhnig im ungerechten Krig wahr da wahr Ihr hertze fordt.

also bitte ich mein lieber Successor nicht ein ungerechten Kri anzufangen alsden der liebe Gott euch und eure Armee bestendigen sehgen und Bravur gehben wierdt. Ihr seidt zwahr ei grohser herre auf erden aber Ihr müßet von allen unrechtmeßigen Krig und Bluht das Ihr vergißen laßet vor Gott rechenschaft tuhn ist eine harte sache also bitte ich euch haltet rein gewiße vor Gott alsden Ihr eine glückliche Regirung führen werdet…….

Instruktion König Friedrich Wilhelms I. in Preußen für seinen Nachfolger - Potsdam, den 22. Januar 1722

(Zur Kriegführung – Auszug)

 

Die „Gretchenfrage“ zum Einsatz militärischer Gewalt beantwortet Friedrich Wilhelm eindeutig – religiös. Ungerechter Krieg verstößt gegen Gottes Gebot und ist darum verboten. Die Lebensgeschichte des Königs zeigt, dass er diesem Grundsatz treu geblieben ist.

Interesssant ist zudem, wie lebensklug und realitätsnah er die moralisch ungerechtfertigte Kriegführung als Faktor des Niederganges der Kampfmoral der eigenen Truppen einschätz:

aber sobald Ihr Köhnig im ungerechten Krig wahr da wahr Ihr hertze fordt.

Die Ideologisierung der Kriegsziele, die Hasserziehung auf den Gegner und maßlose Propaganda sollen davon ablenken. Die Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte zeigt,  wohin das führt alles im Sinne der Nation oder wahrer Aufklärung, versteht sich.

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