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Syrien: Verrat an den Brüdern?

„Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen“ – so verlautbarte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, nach dem Scheitern des vorgeblich marokkanischen Sicherheitsrats-Resolutionsentwurfes in Sachen Syrien für die katholische Kirche in Deutschland. Von brutaler Gewalt und „abgrundtiefer Verachtung fundamentaler Menschenrechte“ ist die Rede, aber auch von Rechtsstaat und Sicherheit für die Christen des Landes. Nicht ohne Ironie weist das Neue Deutschland darauf hin, dass er damit der deutschen Kanzlerin Rückendeckung gewähre.

            

Wer sind die Adressaten dieser Anklagen und Forderungen? Zollitsch erweckt – im Mainstream der westlichen Medien – den Eindruck, es sei der Präsident Baschar al-Assad, dessen Abtreten allein die Wende zum Besseren eröffnen könne.

Das Gute zu tun, das Böse zu lassen – dieses Grundprinzip der scholastischen Moral zu bemühen, hilft in der verwickelten politischen Situation, wie sie sich im Nahen Ost darstellt, allerdings wenig. Zumal dann, wenn man wirklich dem „Moral Point of View“ Geltung verschaffen will, statt sich unter dem Schutzschirm der öffentlichen Meinung in´s Warme zu bringen. Die Ignoranz der Medienberichterstattung gegenüber der Zollitsch-Äußerung zeigt, dass sogar dies misslungen ist-

Es wäre Sache kirchlichen Dienstes an der moralischen Wahrheit einzufordern, dass sich die tatsächlichen Akteure der Krise bekennen bzw. zu erkennen geben. Man weiß so gut wie nichts von Ihnen. Auch die von ihnen – sieht man von der syrischen Regierung ab – behaupteten Tatsachen blieben bisher weithin ohne Belege und Beweise. Vor allem die Frage, wann von wem und mit welchem Ergebnis Gewalt ausgegangen ist bzw. noch geht, bleibt unbeantwortet.

Hier aber ist der Dreh- und Angelpunkt moralischer Beurteilung der syrischen Sache. Die aber ist – zum Leidwesen der betroffenen Menschen – in die Mühlen des neuen „Great Game“ der US-Weltpolitik geraten.

Selbst der katholische Patriarch von Antiochien, Ignatius Joseph III., meint:

 “Wir, die Christen des Nahen Ostens, sind enttäuscht von der Politik der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten. Denn wir stellen fest, dass die Europäer und die Amerikaner die Fragen des Nahen Ostens nur unter politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass es unvermeidbar ist, dass in diesen Ländern islamische religiöse Fanatiker an die Macht kommen werden, und sie haben resigniert. Wir Christen fühlen uns von ihnen verraten.”

Das ist eine vornehme Umschreibung der Gesamtstrategie „des Westens“, die wenig mit Menschenrechten und Demokratie, viel aber mit geostrategischen Interessen zu tun hat, die sich auf die schiitischen Kräfte und Staaten vom Libanon bis zum Iran richten. Letztlich dürfen sich Russland und China mit Recht als letztes Ziel solch aggressiver Politik verstehen.

Dies sind zuerst politische Fragen, die von Christen in der Politik und Publizistik zu diskutieren und bewerten sind. Wie das allerdings geschieht, zeigt etwa eine wahrhaft vielsagende Debatte im Deutschen Bundestag am 19. Januar dieses Jahres. Von der Mündigkeit der Laienchristen, die manche lieber gegenüber dem kirchlichen Amt zu demonstrieren versuchen, ist hier wenig zu bemerken. Stattdessen wird offensichtlich pure Propaganda betrieben.

Vertreter des kirchlichen Amtes und die katholischen Christen unseres Landes sind es den Menschen Syriens, zumal den Mitchristen, schuldig, sich nachdrücklich in die Politik Deutschlands, der EU und der NATO mit dem Ziel einzubringen, den Nebel der (Kriegs-) Propaganda zu lichten und jene Grenzen zu benennen, die einer ethisch gebundenen Politik gesetzt sind. Das darf zumal weder „Linken“ noch anderen vorgeblichen oder tatsächlichen Systemgegnern überlassen werden.

Wer in die Abgründe machtpolitischer Strategien schaut, mag schaudern. Politik zu beeinflussen, zu gestalten und zu verantworten ist anders jedoch nicht möglich.

Die Kirche in Deutschland muss, was Syrien und Nahost betrifft, zuerst auf die Kirche der Region hören. Diesem Aspekt wurde im Dragon-Blog verschiedentlich Rechnung getragen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die politische Bewegungsfreiheit der dortigen Kirchen durch die gegebenen Verhältnisse begrenz sind. Doch der Tenor ist – nach wie vor, auch konfessionsübergreifend – durchgängig derselbe: das Baath-Regime bietet unter den gegebenen Bedingungen die besten Bedingungen für einen säkularen Staat und das Zusammenleben der vielfältig zerklüfteten syrischen Gesellschaft. Nur der Fortbestand des gegenwärtigen Staates bietet einen Schutz vor Chaos und islamistischer Diktatur. Die offene Gewaltanwendung aller Akteure (sowie die Provokation der Sicherheitskräfte) muss sofort beendet werden, damit in einem politischen Dialog (der „von aussen“ gestützt werden sollte) neue Machtkompromisse austariert werden können.

Der erste Bericht der Beobachtergruppe der Arabischen Liga – der Öffentlichkeit wohlweislich vorenthalten – zeigt sehr wohl, wie unübersichtlich die Gemengelage von Gewaltanwendung und politischer Stabilität in Syrien derzeitig ist. Der „Westen“ hat bisher alles getan, die Gewalteskalation zu fördern und das Regime zu destabilisieren. Das ist kein Weg zum Frieden.

Die erwartbaren Ergebnisse der gewählten Strategie dürften ähnliche sein wie bei früheren Menschenrechts-Interventionen in der Region: Irak und Libyen, von denen unsere Medien jetzt so beredt schweigen. Russland und China dürften auch die Christen dankbar sein, wenn diese Mächte durch ihr Veto im Sicherheitsrat eine Resolution zu Fall brachten – wo konnte man ihren Text lesen? – die als Türöffner zu einer weiteren Eskalation der Gewalt zum Regime-Change angelegt war. Wo bleibt – bei andauerndem Schweigen des Vatikans – die politische Unterstützung der abendländischen Christenheit für ihre Brüder an der „Wiege der Zivilisation“ (Johannes Paul II.). Das Wort von Erzbischof Zollitsch kann nicht das letzte gewesen sein.

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