Papst Johannes XXIII. war lange Zeit im diplomatischen Dienst des Hl. Stuhls tätig. Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, dass die Kontrahenten der Kuba-Krise ihm einen Vermittlungsdienst zutrauten. Es folgte der Appell an die Führer der Weltmächte vom 26.10.1962. Eine Kernaussage seiner Enzyklika „Pacem in terris“ (11.04.1963) – einer unmittelbaren Konsequenz dieser Krisenerfahrung - bestand in der kategorischen Forderung, angesichts des Standes atomarer Rüstung Konflikte „nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen“.
Papst Paul VI. erklärte 1968 den 1. Januar eines jeden Jahres zum Weltfriedenstag. In Deutschland wurde dieser Tag zu einem der Soldaten. Mit welchem Recht?
Das II. Vatikanische Konzil sollte – so die überwiegend dem Dominikaner-Orden angehörenden Berater – einen strikt pazifistischen Kurs vertreten. Das Militär wäre demnach eher als Gefährdungsfaktor für den Frieden in den Blick gekommen. Der damalige deutsche Militärbischof Franz Hengsbach, Bischof von Essen, unternahm – wohl auf Rat seines Generalvikars Martin Gritz –
eine einzigartige Intervention. Er arrangierte ein privates Treffen hoher lateinamerikanischer Kirchenfürsten, die ihm über das später als „Adveniat“ bekannt gewordene Hilfswerk verbunden waren, mit dem nach Rom eingeflogenen (katholischen) Generalinspekteur der Bundeswehr Heinz Trettner, einem früheren General und Ritterkreuzträger der Wehrmacht.
Er erläuterte den Lateinamerikanern die Grundzüge der militärischen Bedrohungslage und die darauf reagierende Strategie der NATO. Er überzeugte.
Das Konzil gewann eine tieferen und realistischeren Zugang zum militärischen Faktor: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlands steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ Nr. 79). Dieser Vorgabe folgte auch die Gemeinsame Synode der (west-) deutschen Bistümer (1971-1975).
Es dürfte wiederum Martin Gritz gewesen sein, der – mit Bischof Hengsbach – den Kölner Erzbischof Joseph Höffner, einen profilierten Professor der Soziallehre,
dafür gewinnen konnte, den Weltfriedenstag im Dom mit den in Nordrhein-Westfalen stationierten Soldaten der in- und ausländischen Streitkräfte zu begehen. Das begründete eine bis heute lebendige Tradition, die ohne das persönliche Engagement von Höffners Nachfolger Kardinal Joachim Meisner nicht hätte fortgeführt werden können. Als heimatvertriebener „DDR“-Bürger weiß er um den Wert grundwertgebundener Streitkräfte im demokratischen Staat.
Allerdings kann man Soldaten – selbst die der eigenen Konfession – nicht so einfach in die Kirche befehlen. Dass sich alljährlich weit über Tausend Soldaten in Köln einfinden, bedarf erheblicher pastoraler Anstrengungen der Militärseelsorger. Als Vater dieser Kölner Praxis darf mit Fug und Recht der langjährige Katholische Wehrbereichsdekan III und Kölner Diözesanpriester Hermann-Josef Kusen angesehen werden.

Am 12. Januar feierten der Kölner Erzbischof Joachim Meisner, katholische Soldaten und ihre Seelsorger, und zahlreiche Gäste – darunter Verteidigungsminister Thomas de Maiziere und Generalinspekteur Volker Wieker – zum 35. Male den Weltfriedenstag.
Motto und Papstbotschaft – „Die Jugend zum Frieden erziehen“ wirken hingegen etwas müde und angestrengt. In Zeiten sich beständig verschärfender Konflikte, zu deren „Lösung“ nicht zuletzt militärische Mittel zum Einsatz kommen, wirkt die kirchliche Botschaft reichlich matt. Bei der Vorstellung im Vatikan war das mit Händen zu greifen.
Mit dem Ende der weltweiten Blockkonfrontation (lyrisch-exkulpatorisch auch „Kalter Krieg“ genannt) vor gut 20 Jahren hat sich eine neue Unbefangenheit, den Einsatz militärischer Mittel betreffend, etabliert.
Ist die vielfach beschworene „Enttabuisierung des Militärischen“ so weit fortgeschritten, dass der Ruf des seligen Papstes Johannes nicht einmal mehr die eigene Kirche erreicht?
P-S.
Es dürfte kein Zufall sein, dass kein einziger Geistlicher der skizzierten Weltfriedenstags-Tradition je Uniformträger war (Paul VI., Hengsbach, Gritz, Höffner, Meisner, Kusen). Nur Johannes XXIII. war Wehrpflichtiger (1901, für 12 Monate) und im I. Weltkrieg Militärgeistlicher an der Isonzo-Front.