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Archive für 8.2.2012

Preußen I : Friedrich II. und die Toleranz

Letztlich wirkt es doch einigermaßen gequält, wie – über den Beitrag des  Bundespräsidenten hinaus - das intellektuelle Deutschland mit dem 300. Geburtstag des vorgeblich „großen“ Friedrich umgeht – gleich ob von „links“ oder von „rechts“. Das zeigt, dass im Vergleich zum letzten Jubiläum 1962 sich doch manches verändert hat: die letzte Generation, die Idee und Wirklichkeit des preußischen (Frei-) Staates noch erlebt hat, ist nicht mehr. Die Verballhornung eines Otto Gebühr ist schließlich vollends obsolet geworden. Und im eigentlichen „Preußen“ im Osten ist alles getilgt, was an Jahrhunderte von Aufbau erinnern könnte.

Preußen ist endgültig gestern.

           

Seltsamerweise bleibt durch das ganze gegenwärtige Erinnerungsspektrum ein Aspekt dominant: Friedrich, der Tolerante.

Der Berlin-Brandenburgische Landesbischof Markus Dröge identifiziert die subjektive Facon zum Seligwerden, die Friedrich zugeschrieben wird, als Zeichen von Gleichgültigkeit, ja Verachtung der Religion. Damit dürfte er Recht haben. Er übersieht aber geflissentlich, dass die (protestantische) Kirche bis zuletzt den politischen Summepiskopat verteidigt und schließlich – nach der deutschen Wende – die Bestattung des Königs bei seinen Hunden in Sanssouci nicht verhindert hat. Schon der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, Daniel Schleiermacher, hat sein Religions-Projekt für die Gebildeten unter ihren Verächtern entwickelt. Dieses Kirchentum hat mehr vom Toleranzverständnis des „großen“ Königs übernommen, als man zuzugeben bereit ist.

Toleranz setzt letztlich einen gewissen Respekt dem gegenüber voraus, was ein Subjekt für wertvoll hält. Dafür sind jedoch die Grundlagen, soweit es sich um Religion und nicht Weltanschauung handelt, heute weithin nicht mehr gegeben. Es bleibt nur die Duldung des „Fremden“, das aber keinerlei Anspruch auf öffentliche Geltung erheben darf.

So auch bei Friedrich, dem „Ersten Diener seines Staates“, der sich – die Mühle von Sanssouci lässt grüßen – dem Recht beugt und Religion toleriert. Vorgeblich.

Das zeigt die Geschichte eines katholischen Priesters und Ordensmannes aus dem Dominikaner-Orden. Pater Raimund Bruns aus Halberstadt. Er war – sozusagen in der zweiten Generation – seit 1731 Militärseelsorger, katholischer „Feldprediger,“ bei der mehr als hälftig katholischen Potsdamer Garde, von Friedrich Wilhelm I. und der Truppe sehr geschätzt. Der Chronist berichtet:

            

Böswillige Denunciationen, deren Urheber nie mit Beweisen hervorgetreten sind, reichten hin, daß Friedrich II. am 4. October 1742 P. Raimundus (= P.R.). unerwartet ins Gefängniß warf. Als die Soldaten sehr ungestüm beim Könige seine Freilassung nachsuchten, ließ er ihn vier Tage später in aller Frühe in die Festung Spandau bringen, wo der Gefangene in Ketten bei Wasser und Brod den Karren führen mußte“. Ein Verhör oder Urtheil wurde sowol jetzt, als auch später vergeblich erwartet. Papst Benedict XIV. hörte alsbald von dem Vorfall und ließ dem Könige durch die katholischen würtembergischen Fürsten, die im preußischen Dienste standen, versöhnliche Vorstellungen machen. Doch dieser antwortete:

Ich weiß, daß der Pater nichts gemacht hat, denn hätte er irgend etwas Unrechtes begangen, so würde ich ihn aufgehängt haben. Ich will aber den Pfaffen und Mönchen zeigen, daß ich auch sie zwingen kann Er soll zu seiner Zeit herauskommen, aber jetzt gefällt es mir noch nicht.“

Auf die abermalige Verwendung der Kaiserin Maria Theresia erlangte R. nach beinahe elfmonatlicher Haft am 27. August 1743 die Freiheit wieder, mußte aber zuvor noch einen körperlichen Eid de non vindicando“ ablegen. P. R. zog es vor, trotz der Bemühungen von Seite des Hofes, ihn in der früheren Stellung zu halten, als Mönch in seinen Mutterconvent zu Halberstadt zurückzukehren.“

Soweit das verbürgte Geschehen. Heutige Träume von einem Philosophen-Königtum, wie man es in Friedrich geistig verwirklicht wähnt, sehen die (christliche) Religion in gleicher Weise, mögen auch die Methoden praktischer Anwendungen andere als damals sein.

Der Friedenstag der „Ungedienten“

            

Papst Johannes XXIII. war lange Zeit im diplomatischen Dienst des Hl. Stuhls tätig. Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, dass die Kontrahenten der Kuba-Krise ihm einen Vermittlungsdienst zutrauten. Es folgte der Appell an die Führer der Weltmächte vom 26.10.1962. Eine Kernaussage seiner Enzyklika „Pacem in terris“ (11.04.1963) – einer unmittelbaren Konsequenz dieser Krisenerfahrung -  bestand in der kategorischen Forderung, angesichts des Standes atomarer Rüstung Konflikte „nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen“.

Papst Paul VI. erklärte 1968 den 1. Januar eines jeden Jahres zum Weltfriedenstag. In Deutschland wurde dieser  Tag zu einem der Soldaten. Mit welchem Recht?

Das II. Vatikanische Konzil sollte – so die überwiegend dem Dominikaner-Orden angehörenden Berater – einen strikt pazifistischen Kurs vertreten. Das Militär wäre demnach eher als Gefährdungsfaktor für den Frieden in den Blick gekommen. Der damalige deutsche Militärbischof Franz Hengsbach, Bischof von Essen, unternahm – wohl auf Rat seines Generalvikars Martin Gritz –

            

eine einzigartige Intervention. Er arrangierte ein privates Treffen hoher lateinamerikanischer Kirchenfürsten, die ihm über das später als „Adveniat“ bekannt gewordene Hilfswerk verbunden waren, mit dem nach Rom eingeflogenen (katholischen) Generalinspekteur der Bundeswehr Heinz Trettner, einem früheren General und Ritterkreuzträger der Wehrmacht.

            

 Er erläuterte den Lateinamerikanern die Grundzüge der militärischen Bedrohungslage und die darauf reagierende Strategie der NATO. Er überzeugte.

Das Konzil gewann eine  tieferen und realistischeren Zugang zum militärischen Faktor: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlands steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ Nr. 79). Dieser Vorgabe folgte auch die Gemeinsame Synode der (west-) deutschen Bistümer (1971-1975).

 

Es dürfte wiederum Martin Gritz gewesen sein, der – mit Bischof Hengsbach – den Kölner Erzbischof   Joseph Höffner, einen profilierten Professor der Soziallehre,

               

dafür gewinnen konnte, den Weltfriedenstag im Dom mit den in Nordrhein-Westfalen stationierten Soldaten der in- und ausländischen Streitkräfte zu begehen. Das begründete eine bis heute lebendige Tradition, die ohne das persönliche Engagement von Höffners Nachfolger Kardinal Joachim Meisner nicht hätte fortgeführt werden können. Als heimatvertriebener „DDR“-Bürger weiß er um den Wert grundwertgebundener Streitkräfte im demokratischen Staat.

 

Allerdings kann man Soldaten – selbst die der eigenen Konfession – nicht so einfach in die Kirche befehlen. Dass sich alljährlich weit über Tausend  Soldaten  in Köln einfinden, bedarf erheblicher pastoraler Anstrengungen der Militärseelsorger. Als Vater dieser Kölner Praxis darf mit Fug und Recht der langjährige Katholische Wehrbereichsdekan III und Kölner Diözesanpriester Hermann-Josef  Kusen  angesehen werden.

   

    

 

Am 12. Januar feierten der Kölner Erzbischof Joachim Meisner, katholische Soldaten und ihre Seelsorger, und zahlreiche Gäste – darunter Verteidigungsminister Thomas de   Maiziere und Generalinspekteur Volker Wieker – zum 35. Male den Weltfriedenstag.

 

 

Motto und Papstbotschaft – „Die Jugend zum Frieden erziehen“ wirken hingegen etwas müde und angestrengt. In Zeiten sich beständig verschärfender Konflikte, zu deren „Lösung“ nicht zuletzt militärische Mittel zum Einsatz kommen, wirkt die kirchliche Botschaft reichlich matt. Bei der Vorstellung im Vatikan war das mit Händen zu greifen.

 

Mit dem Ende der weltweiten Blockkonfrontation (lyrisch-exkulpatorisch auch „Kalter Krieg“ genannt) vor gut 20 Jahren hat sich eine neue Unbefangenheit, den Einsatz militärischer Mittel betreffend, etabliert.

Ist die vielfach beschworene „Enttabuisierung des Militärischen“ so weit fortgeschritten, dass der Ruf des seligen Papstes  Johannes nicht einmal mehr die eigene Kirche erreicht?

 

P-S.

Es dürfte kein Zufall sein, dass kein einziger Geistlicher der skizzierten Weltfriedenstags-Tradition je Uniformträger war (Paul VI., Hengsbach, Gritz, Höffner, Meisner, Kusen). Nur Johannes XXIII. war Wehrpflichtiger (1901, für 12 Monate) und im I. Weltkrieg Militärgeistlicher an der Isonzo-Front.

Syrien: Verrat an den Brüdern?

„Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen“ – so verlautbarte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, nach dem Scheitern des vorgeblich marokkanischen Sicherheitsrats-Resolutionsentwurfes in Sachen Syrien für die katholische Kirche in Deutschland. Von brutaler Gewalt und „abgrundtiefer Verachtung fundamentaler Menschenrechte“ ist die Rede, aber auch von Rechtsstaat und Sicherheit für die Christen des Landes. Nicht ohne Ironie weist das Neue Deutschland darauf hin, dass er damit der deutschen Kanzlerin Rückendeckung gewähre.

            

Wer sind die Adressaten dieser Anklagen und Forderungen? Zollitsch erweckt – im Mainstream der westlichen Medien – den Eindruck, es sei der Präsident Baschar al-Assad, dessen Abtreten allein die Wende zum Besseren eröffnen könne.

Das Gute zu tun, das Böse zu lassen – dieses Grundprinzip der scholastischen Moral zu bemühen, hilft in der verwickelten politischen Situation, wie sie sich im Nahen Ost darstellt, allerdings wenig. Zumal dann, wenn man wirklich dem „Moral Point of View“ Geltung verschaffen will, statt sich unter dem Schutzschirm der öffentlichen Meinung in´s Warme zu bringen. Die Ignoranz der Medienberichterstattung gegenüber der Zollitsch-Äußerung zeigt, dass sogar dies misslungen ist-

Es wäre Sache kirchlichen Dienstes an der moralischen Wahrheit einzufordern, dass sich die tatsächlichen Akteure der Krise bekennen bzw. zu erkennen geben. Man weiß so gut wie nichts von Ihnen. Auch die von ihnen – sieht man von der syrischen Regierung ab – behaupteten Tatsachen blieben bisher weithin ohne Belege und Beweise. Vor allem die Frage, wann von wem und mit welchem Ergebnis Gewalt ausgegangen ist bzw. noch geht, bleibt unbeantwortet.

Hier aber ist der Dreh- und Angelpunkt moralischer Beurteilung der syrischen Sache. Die aber ist – zum Leidwesen der betroffenen Menschen – in die Mühlen des neuen „Great Game“ der US-Weltpolitik geraten.

Selbst der katholische Patriarch von Antiochien, Ignatius Joseph III., meint:

 “Wir, die Christen des Nahen Ostens, sind enttäuscht von der Politik der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten. Denn wir stellen fest, dass die Europäer und die Amerikaner die Fragen des Nahen Ostens nur unter politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass es unvermeidbar ist, dass in diesen Ländern islamische religiöse Fanatiker an die Macht kommen werden, und sie haben resigniert. Wir Christen fühlen uns von ihnen verraten.”

Das ist eine vornehme Umschreibung der Gesamtstrategie „des Westens“, die wenig mit Menschenrechten und Demokratie, viel aber mit geostrategischen Interessen zu tun hat, die sich auf die schiitischen Kräfte und Staaten vom Libanon bis zum Iran richten. Letztlich dürfen sich Russland und China mit Recht als letztes Ziel solch aggressiver Politik verstehen.

Dies sind zuerst politische Fragen, die von Christen in der Politik und Publizistik zu diskutieren und bewerten sind. Wie das allerdings geschieht, zeigt etwa eine wahrhaft vielsagende Debatte im Deutschen Bundestag am 19. Januar dieses Jahres. Von der Mündigkeit der Laienchristen, die manche lieber gegenüber dem kirchlichen Amt zu demonstrieren versuchen, ist hier wenig zu bemerken. Stattdessen wird offensichtlich pure Propaganda betrieben.

Vertreter des kirchlichen Amtes und die katholischen Christen unseres Landes sind es den Menschen Syriens, zumal den Mitchristen, schuldig, sich nachdrücklich in die Politik Deutschlands, der EU und der NATO mit dem Ziel einzubringen, den Nebel der (Kriegs-) Propaganda zu lichten und jene Grenzen zu benennen, die einer ethisch gebundenen Politik gesetzt sind. Das darf zumal weder „Linken“ noch anderen vorgeblichen oder tatsächlichen Systemgegnern überlassen werden.

Wer in die Abgründe machtpolitischer Strategien schaut, mag schaudern. Politik zu beeinflussen, zu gestalten und zu verantworten ist anders jedoch nicht möglich.

Die Kirche in Deutschland muss, was Syrien und Nahost betrifft, zuerst auf die Kirche der Region hören. Diesem Aspekt wurde im Dragon-Blog verschiedentlich Rechnung getragen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die politische Bewegungsfreiheit der dortigen Kirchen durch die gegebenen Verhältnisse begrenz sind. Doch der Tenor ist – nach wie vor, auch konfessionsübergreifend – durchgängig derselbe: das Baath-Regime bietet unter den gegebenen Bedingungen die besten Bedingungen für einen säkularen Staat und das Zusammenleben der vielfältig zerklüfteten syrischen Gesellschaft. Nur der Fortbestand des gegenwärtigen Staates bietet einen Schutz vor Chaos und islamistischer Diktatur. Die offene Gewaltanwendung aller Akteure (sowie die Provokation der Sicherheitskräfte) muss sofort beendet werden, damit in einem politischen Dialog (der „von aussen“ gestützt werden sollte) neue Machtkompromisse austariert werden können.

Der erste Bericht der Beobachtergruppe der Arabischen Liga – der Öffentlichkeit wohlweislich vorenthalten – zeigt sehr wohl, wie unübersichtlich die Gemengelage von Gewaltanwendung und politischer Stabilität in Syrien derzeitig ist. Der „Westen“ hat bisher alles getan, die Gewalteskalation zu fördern und das Regime zu destabilisieren. Das ist kein Weg zum Frieden.

Die erwartbaren Ergebnisse der gewählten Strategie dürften ähnliche sein wie bei früheren Menschenrechts-Interventionen in der Region: Irak und Libyen, von denen unsere Medien jetzt so beredt schweigen. Russland und China dürften auch die Christen dankbar sein, wenn diese Mächte durch ihr Veto im Sicherheitsrat eine Resolution zu Fall brachten – wo konnte man ihren Text lesen? – die als Türöffner zu einer weiteren Eskalation der Gewalt zum Regime-Change angelegt war. Wo bleibt – bei andauerndem Schweigen des Vatikans – die politische Unterstützung der abendländischen Christenheit für ihre Brüder an der „Wiege der Zivilisation“ (Johannes Paul II.). Das Wort von Erzbischof Zollitsch kann nicht das letzte gewesen sein.

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