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19.2.2012 von dragonX6.
War schon weder in der Heimat noch in der deutschen Hauptstadt damit gerechnet worden, dass der Kölner Weihbischof Rainer Maria Woelki Erzbischof der Berliner Katholiken (und der kleinen Schar in Brandenburg und Vorpommern) werden sollte, so kam die postwendende Ernennung zum Kardinal als doppelte Überraschung daher.
Es sieht fast so aus, als wollte Benedikt XVI. in seiner deutschen Heimat eine kirchlich berechenbare oberhirtliche Garde junger Kirchenmänner positionieren, die für die nächsten Jahrzehnte das Überleben der katholischen Kirche sichern sollen. Dabei kommt sicherlich dem ebenfalls im politischen Berlin präsenten Militärbischof Franz Josef Overbeck, der als Essener „Ruhrbischof“ und als Adveniat-Beauftragter gleich an drei Fronten kriselnder Kirchentümer zu kämpfen hat, eine ebenfalls zentrale Rolle zu.
Erzbischof Woelki hatte in Berlin keinen leichten Start; die Vorbehalte waren erheblich. Innerhalb wie außerhalb der Kirchenmauern hatte sich die DDR-Kirche Georg Sterzinskys, die auch zum Maßstab für das immer schon freie Berlin erhoben worden war, reichlich verschlissen. Eine nur mit westdeutschen Kirchensteuermitteln abgewandte Pleite des Erzbistums und das kläglich gescheiterte Volksbegehren zum staatlichen Religionsunterricht belegen die gegenwärtige Randständigkeit übrigens beider Volkskirchen. Woelki punktete vor allem wegen persönlicher Bescheidenheit und einer unaufgeregten Prinzipienklarheit.
Die zweistündige Direktübertragung des RBB von den Feierlichkeiten in Rom, die Begleitung durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Kabinettsmitglieder aus Potsdam und Schwerin, den evangelischen Landesbischof Markus Dröge und die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, belegen, dass sich für die Katholiken der mitteldeutschen Diaspora etwas tut. Und hoffentlich nicht nur für sie.

Es ist mir unvergesslich, dass der gerade zum Kardinal berufene Berliner Bischof Joachim Meisner bei einem Zwischenstopp in Köln-Bonn (um dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), dem Kölner Erzbischof Josef Höffner, seine Aufwartung zu machen) in eine Arbeitsgruppensitzung im Sekretariat der Konferenz hereinplatzte. Es ging um die jeweiligen Friedenshirtenbriefe. Der „Ost“ war schon publiziert, der westdeutsche befand sich in der Endphase der Vorbereitung. Bischof Meisner berichtete von einem langen Gratulations-Handschreiben des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker von völlig ungewohnter Freundlichkeit. „Ja, diese Herren „ – so sein Kommentar – „wissen, was es heißt, einem Zentralkomittee anzugehören“.
Es wäre dem Erzbischof, den Gläubigen und den Vertretern des offiziellen Berlin und allen seinen Bürgern sehr zu wünschen, in der Präsenz der katholischen (Welt-)Kirche eine Chance der Vermittlung und Versöhnung zu sehen – zwischen Konfessionen, Religionen, Kulturen und den sozialen Zerklüftungen, die sich gerade in der deutschen Hauptstadt immer weiter öffnen. Nicht zufällig ist Woelki auch der Caritas-Bischof der DBK.
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12.2.2012 von dragonX6.
Als der Mythos Friedrich „des Großen“ im 19. Jahrhundert geschaffen wurde, hatte sich der Lebensentwurf und das Verständnis monarchischer Regierung, wie sie sein Vater Friedrich Wilhelm verstanden hatte, schon längst erledigt. Der nationale Großstaat, das Zeitalter von Wissenschaft und Fortschritt und der Krieg als Vater aller politischen Dinge standen auf der Agenda – auch wenn das im Zeitalter des Wilhelminismus offiziell nicht so gänzlich zugegeben wurde.
So galt König Friedrich Wilhelm I. in Preußen und Kurfürst von Brandenburg
als eher kauziger und grausamer Einzelgänger, als der „Soldatenkönig“, lediglich als Vorgänger eines „Großen“.
Trotz seiner persönlichen Neigung zum Militärischen sah Friedrich Wilhelm den Krieg keineswegs als beliebiges Mittel der Politik. Im Gegenteil, er warnt seinen Nachfolger in einer Art politischen Testamentes nachdrücklich vor „ungerechtem Krieg“:

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formidabeler zu machen’, und sie nicht zu separriren so wie mein Vatter friderich König: in Preussen im letzten frantzösischen Krig getahn hat. sondern eure Armee stehfts zusammen behalten, alsden werdet Ihr sehen wie von allen Pu[i]ssancen der weldt Ihr recherchiret werden wierdt und werdet in eurohPa die Ballance halten könnet den es von euch dependiret. den wehr die Ballance in die weldt halten kann ist ümer was dabey zu Profittieren vor eure lender und Respectable vor eure freunde und formidable vor eure feinde ist.
Mein lieber Successor mus sein dahge nicht seine schöne Armee ceparriren und keine truppen vor geld und Subsidieen an Keißer Engelandt Hollandt gehben ………Ihr habet zu viell verstandt so ein Pas de Kleck (Fehltritt) zu thun, Euer Reichscontingent bestehet aus 14000. Man. müßet ihr gehben aber nicht von euer armee aber Ihr müßet fremde truppen von Kleine teutsche fürsten vor jerliche Subsidien von Gotta Dormstat Bareit-ansbach Eisenach io.esqua: lo.Batt: die müssen vor die 14000.Man passieren. ein von euer gennerahls müßet Ihr mit zum Komandeur mitschiecken. Die Ministris werden aber alles anwenden euer Armee zu Separriren aber folget mein räht der ist guht ich habe alles selber aus die erfahrung. und was will das sagen warumb sollet Ihr euer Armee Sacrificieren laßen, geldt Kriget Ihr ümmer wieder, aber wen euer landt depeubliret ist das hellet schwehr wieder zu Krigen. die wohlfahrdt ein Regendt ist das wen sein landt guht Peupliret ist. das ist der rechte reichtuhm eines landes. wen euer Armee außer landes Marchieret so werden die accissen nicht das 3.te teill so viell tragen als wen die Armee im lande, die Rerum precium (Warenpreise) werden fallen alsden die emter nicht ihre Pacht werden richtig abgehben Können ist ein totall Ruin.
Mein lieber Succeßor bitte ich umb Gottes willen kein ungerechten krihg anzufangen und nicht ein agressör sein den Gott die ungerechte Krige verbohten und Ihr iemahls müßet rechenschaft gehben von jeden Menschen der dar in ein ungerechten Krig gebliben ist. bedenck was Gottes gericht scharf ist.
lehset die Historie da werdet Ihr sehen das die ungerechte Krige nicht guht abgelauffen sein als da habet Ihr Ludewig der 14. König in franckreich der König August aus Pohlen den Kurfürsten zu Bairen zum exempell und noch mehr, die beyde letztere sein von landt und leutten verjaget und darzu detroniret worden den sie ein ungerechten Krig anGefangen, seidt versicherdt das Gott das hertz der Armee giebet und nimmets auch weg von den soldahten. den der König Augusto ein sehr ungerechten Krig angefangen hatte da wahren seine Sexische Armee so furchtsahm vor die schwehden das in viellen Battallien und Rancontern wen die Saxen auch noch einmahl so stark gewehsen als die Schweden doch von ihre feinde geschlagen worden, den eine furcht unter die Saxen steh[t]s in den ungerechten Krig gewehsen das sie nicht haben stehen wollen und fechten, da Kan mein lieber Successor sehen die handt
also bitte ich mein lieber Successor nicht ein ungerechten Kri anzufangen alsden der liebe Gott euch und eure Armee bestendigen sehgen und Bravur gehben wierdt. Ihr seidt zwahr ei grohser herre auf erden aber Ihr müßet von allen unrechtmeßigen Krig und Bluht das Ihr vergißen laßet vor Gott rechenschaft tuhn ist eine harte sache also bitte ich euch haltet rein gewiße vor Gott alsden Ihr eine glückliche Regirung führen werdet…….
Instruktion König Friedrich Wilhelms I. in Preußen für seinen Nachfolger - Potsdam, den 22. Januar 1722
(Zur Kriegführung – Auszug)
Die „Gretchenfrage“ zum Einsatz militärischer Gewalt beantwortet Friedrich Wilhelm eindeutig – religiös. Ungerechter Krieg verstößt gegen Gottes Gebot und ist darum verboten. Die Lebensgeschichte des Königs zeigt, dass er diesem Grundsatz treu geblieben ist.
Interesssant ist zudem, wie lebensklug und realitätsnah er die moralisch ungerechtfertigte Kriegführung als Faktor des Niederganges der Kampfmoral der eigenen Truppen einschätz:
„aber sobald Ihr Köhnig im ungerechten Krig wahr da wahr Ihr hertze fordt.“
Die Ideologisierung der Kriegsziele, die Hasserziehung auf den Gegner und maßlose Propaganda sollen davon ablenken. Die Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte zeigt, wohin das führt – alles im Sinne der Nation oder wahrer Aufklärung, versteht sich.
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8.2.2012 von dragonX6.
Letztlich wirkt es doch einigermaßen gequält, wie – über den Beitrag des Bundespräsidenten hinaus - das intellektuelle Deutschland mit dem 300. Geburtstag des vorgeblich „großen“ Friedrich umgeht – gleich ob von „links“ oder von „rechts“. Das zeigt, dass im Vergleich zum letzten Jubiläum 1962 sich doch manches verändert hat: die letzte Generation, die Idee und Wirklichkeit des preußischen (Frei-) Staates noch erlebt hat, ist nicht mehr. Die Verballhornung eines Otto Gebühr ist schließlich vollends obsolet geworden. Und im eigentlichen „Preußen“ im Osten ist alles getilgt, was an Jahrhunderte von Aufbau erinnern könnte.
Preußen ist endgültig gestern.

Seltsamerweise bleibt durch das ganze gegenwärtige Erinnerungsspektrum ein Aspekt dominant: Friedrich, der Tolerante.
Der Berlin-Brandenburgische Landesbischof Markus Dröge identifiziert die subjektive Facon zum Seligwerden, die Friedrich zugeschrieben wird, als Zeichen von Gleichgültigkeit, ja Verachtung der Religion. Damit dürfte er Recht haben. Er übersieht aber geflissentlich, dass die (protestantische) Kirche bis zuletzt den politischen Summepiskopat verteidigt und schließlich – nach der deutschen Wende – die Bestattung des Königs bei seinen Hunden in Sanssouci nicht verhindert hat. Schon der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, Daniel Schleiermacher, hat sein Religions-Projekt für die Gebildeten unter ihren Verächtern entwickelt. Dieses Kirchentum hat mehr vom Toleranzverständnis des „großen“ Königs übernommen, als man zuzugeben bereit ist.
Toleranz setzt letztlich einen gewissen Respekt dem gegenüber voraus, was ein Subjekt für wertvoll hält. Dafür sind jedoch die Grundlagen, soweit es sich um Religion und nicht Weltanschauung handelt, heute weithin nicht mehr gegeben. Es bleibt nur die Duldung des „Fremden“, das aber keinerlei Anspruch auf öffentliche Geltung erheben darf.
So auch bei Friedrich, dem „Ersten Diener seines Staates“, der sich – die Mühle von Sanssouci lässt grüßen – dem Recht beugt und Religion toleriert. Vorgeblich.
Das zeigt die Geschichte eines katholischen Priesters und Ordensmannes aus dem Dominikaner-Orden. Pater Raimund Bruns aus Halberstadt. Er war – sozusagen in der zweiten Generation – seit 1731 Militärseelsorger, katholischer „Feldprediger,“ bei der mehr als hälftig katholischen Potsdamer Garde, von Friedrich Wilhelm I. und der Truppe sehr geschätzt. Der Chronist berichtet:

„Böswillige Denunciationen, deren Urheber nie mit Beweisen hervorgetreten sind, reichten hin, daß Friedrich II. am 4. October 1742 P. Raimundus (= P.R.). unerwartet ins Gefängniß warf. Als die Soldaten sehr ungestüm beim Könige seine Freilassung nachsuchten, ließ er ihn vier Tage später in aller Frühe in die Festung Spandau bringen, wo der Gefangene „in Ketten bei Wasser und Brod den Karren führen mußte“. Ein Verhör oder Urtheil wurde sowol jetzt, als auch später vergeblich erwartet. Papst Benedict XIV. hörte alsbald von dem Vorfall und ließ dem Könige durch die katholischen würtembergischen Fürsten, die im preußischen Dienste standen, versöhnliche Vorstellungen machen. Doch dieser antwortete:
„Ich weiß, daß der Pater nichts gemacht hat, denn hätte er irgend etwas Unrechtes begangen, so würde ich ihn aufgehängt haben. Ich will aber den Pfaffen und Mönchen zeigen, daß ich auch sie zwingen kann… Er soll zu seiner Zeit herauskommen, aber jetzt gefällt es mir noch nicht.“
Auf die abermalige Verwendung der Kaiserin Maria Theresia erlangte R. nach beinahe elfmonatlicher Haft am 27. August 1743 die Freiheit wieder, mußte aber zuvor noch einen körperlichen Eid „de non vindicando“ ablegen…. P. R. zog es vor, trotz der Bemühungen von Seite des Hofes, ihn in der früheren Stellung zu halten, als Mönch in seinen Mutterconvent zu Halberstadt zurückzukehren.“
Soweit das verbürgte Geschehen. Heutige Träume von einem Philosophen-Königtum, wie man es in Friedrich geistig verwirklicht wähnt, sehen die (christliche) Religion in gleicher Weise, mögen auch die Methoden praktischer Anwendungen andere als damals sein.
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8.2.2012 von dragonX6.
Papst Johannes XXIII. war lange Zeit im diplomatischen Dienst des Hl. Stuhls tätig. Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, dass die Kontrahenten der Kuba-Krise ihm einen Vermittlungsdienst zutrauten. Es folgte der Appell an die Führer der Weltmächte vom 26.10.1962. Eine Kernaussage seiner Enzyklika „Pacem in terris“ (11.04.1963) – einer unmittelbaren Konsequenz dieser Krisenerfahrung - bestand in der kategorischen Forderung, angesichts des Standes atomarer Rüstung Konflikte „nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen“.
Papst Paul VI. erklärte 1968 den 1. Januar eines jeden Jahres zum Weltfriedenstag. In Deutschland wurde dieser Tag zu einem der Soldaten. Mit welchem Recht?
Das II. Vatikanische Konzil sollte – so die überwiegend dem Dominikaner-Orden angehörenden Berater – einen strikt pazifistischen Kurs vertreten. Das Militär wäre demnach eher als Gefährdungsfaktor für den Frieden in den Blick gekommen. Der damalige deutsche Militärbischof Franz Hengsbach, Bischof von Essen, unternahm – wohl auf Rat seines Generalvikars Martin Gritz –
eine einzigartige Intervention. Er arrangierte ein privates Treffen hoher lateinamerikanischer Kirchenfürsten, die ihm über das später als „Adveniat“ bekannt gewordene Hilfswerk verbunden waren, mit dem nach Rom eingeflogenen (katholischen) Generalinspekteur der Bundeswehr Heinz Trettner, einem früheren General und Ritterkreuzträger der Wehrmacht.
Er erläuterte den Lateinamerikanern die Grundzüge der militärischen Bedrohungslage und die darauf reagierende Strategie der NATO. Er überzeugte.
Das Konzil gewann eine tieferen und realistischeren Zugang zum militärischen Faktor: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlands steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ Nr. 79). Dieser Vorgabe folgte auch die Gemeinsame Synode der (west-) deutschen Bistümer (1971-1975).
Es dürfte wiederum Martin Gritz gewesen sein, der – mit Bischof Hengsbach – den Kölner Erzbischof Joseph Höffner, einen profilierten Professor der Soziallehre,
dafür gewinnen konnte, den Weltfriedenstag im Dom mit den in Nordrhein-Westfalen stationierten Soldaten der in- und ausländischen Streitkräfte zu begehen. Das begründete eine bis heute lebendige Tradition, die ohne das persönliche Engagement von Höffners Nachfolger Kardinal Joachim Meisner nicht hätte fortgeführt werden können. Als heimatvertriebener „DDR“-Bürger weiß er um den Wert grundwertgebundener Streitkräfte im demokratischen Staat.
Allerdings kann man Soldaten – selbst die der eigenen Konfession – nicht so einfach in die Kirche befehlen. Dass sich alljährlich weit über Tausend Soldaten in Köln einfinden, bedarf erheblicher pastoraler Anstrengungen der Militärseelsorger. Als Vater dieser Kölner Praxis darf mit Fug und Recht der langjährige Katholische Wehrbereichsdekan III und Kölner Diözesanpriester Hermann-Josef Kusen angesehen werden.

Am 12. Januar feierten der Kölner Erzbischof Joachim Meisner, katholische Soldaten und ihre Seelsorger, und zahlreiche Gäste – darunter Verteidigungsminister Thomas de Maiziere und Generalinspekteur Volker Wieker – zum 35. Male den Weltfriedenstag.
Motto und Papstbotschaft – „Die Jugend zum Frieden erziehen“ wirken hingegen etwas müde und angestrengt. In Zeiten sich beständig verschärfender Konflikte, zu deren „Lösung“ nicht zuletzt militärische Mittel zum Einsatz kommen, wirkt die kirchliche Botschaft reichlich matt. Bei der Vorstellung im Vatikan war das mit Händen zu greifen.
Mit dem Ende der weltweiten Blockkonfrontation (lyrisch-exkulpatorisch auch „Kalter Krieg“ genannt) vor gut 20 Jahren hat sich eine neue Unbefangenheit, den Einsatz militärischer Mittel betreffend, etabliert.
Ist die vielfach beschworene „Enttabuisierung des Militärischen“ so weit fortgeschritten, dass der Ruf des seligen Papstes Johannes nicht einmal mehr die eigene Kirche erreicht?
P-S.
Es dürfte kein Zufall sein, dass kein einziger Geistlicher der skizzierten Weltfriedenstags-Tradition je Uniformträger war (Paul VI., Hengsbach, Gritz, Höffner, Meisner, Kusen). Nur Johannes XXIII. war Wehrpflichtiger (1901, für 12 Monate) und im I. Weltkrieg Militärgeistlicher an der Isonzo-Front.
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8.2.2012 von dragonX6.
„Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen“ – so verlautbarte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, nach dem Scheitern des vorgeblich marokkanischen Sicherheitsrats-Resolutionsentwurfes in Sachen Syrien für die katholische Kirche in Deutschland. Von brutaler Gewalt und „abgrundtiefer Verachtung fundamentaler Menschenrechte“ ist die Rede, aber auch von Rechtsstaat und Sicherheit für die Christen des Landes. Nicht ohne Ironie weist das Neue Deutschland darauf hin, dass er damit der deutschen Kanzlerin Rückendeckung gewähre.

Wer sind die Adressaten dieser Anklagen und Forderungen? Zollitsch erweckt – im Mainstream der westlichen Medien – den Eindruck, es sei der Präsident Baschar al-Assad, dessen Abtreten allein die Wende zum Besseren eröffnen könne.
Das Gute zu tun, das Böse zu lassen – dieses Grundprinzip der scholastischen Moral zu bemühen, hilft in der verwickelten politischen Situation, wie sie sich im Nahen Ost darstellt, allerdings wenig. Zumal dann, wenn man wirklich dem „Moral Point of View“ Geltung verschaffen will, statt sich unter dem Schutzschirm der öffentlichen Meinung in´s Warme zu bringen. Die Ignoranz der Medienberichterstattung gegenüber der Zollitsch-Äußerung zeigt, dass sogar dies misslungen ist-
Es wäre Sache kirchlichen Dienstes an der moralischen Wahrheit einzufordern, dass sich die tatsächlichen Akteure der Krise bekennen bzw. zu erkennen geben. Man weiß so gut wie nichts von Ihnen. Auch die von ihnen – sieht man von der syrischen Regierung ab – behaupteten Tatsachen blieben bisher weithin ohne Belege und Beweise. Vor allem die Frage, wann von wem und mit welchem Ergebnis Gewalt ausgegangen ist bzw. noch geht, bleibt unbeantwortet.
Hier aber ist der Dreh- und Angelpunkt moralischer Beurteilung der syrischen Sache. Die aber ist – zum Leidwesen der betroffenen Menschen – in die Mühlen des neuen „Great Game“ der US-Weltpolitik geraten.
Selbst der katholische Patriarch von Antiochien, Ignatius Joseph III., meint:
“Wir, die Christen des Nahen Ostens, sind enttäuscht von der Politik der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten. Denn wir stellen fest, dass die Europäer und die Amerikaner die Fragen des Nahen Ostens nur unter politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass es unvermeidbar ist, dass in diesen Ländern islamische religiöse Fanatiker an die Macht kommen werden, und sie haben resigniert. Wir Christen fühlen uns von ihnen verraten.”
Das ist eine vornehme Umschreibung der Gesamtstrategie „des Westens“, die wenig mit Menschenrechten und Demokratie, viel aber mit geostrategischen Interessen zu tun hat, die sich auf die schiitischen Kräfte und Staaten vom Libanon bis zum Iran richten. Letztlich dürfen sich Russland und China mit Recht als letztes Ziel solch aggressiver Politik verstehen.
Dies sind zuerst politische Fragen, die von Christen in der Politik und Publizistik zu diskutieren und bewerten sind. Wie das allerdings geschieht, zeigt etwa eine wahrhaft vielsagende Debatte im Deutschen Bundestag am 19. Januar dieses Jahres. Von der Mündigkeit der Laienchristen, die manche lieber gegenüber dem kirchlichen Amt zu demonstrieren versuchen, ist hier wenig zu bemerken. Stattdessen wird offensichtlich pure Propaganda betrieben.
Vertreter des kirchlichen Amtes und die katholischen Christen unseres Landes sind es den Menschen Syriens, zumal den Mitchristen, schuldig, sich nachdrücklich in die Politik Deutschlands, der EU und der NATO mit dem Ziel einzubringen, den Nebel der (Kriegs-) Propaganda zu lichten und jene Grenzen zu benennen, die einer ethisch gebundenen Politik gesetzt sind. Das darf zumal weder „Linken“ noch anderen vorgeblichen oder tatsächlichen Systemgegnern überlassen werden.
Wer in die Abgründe machtpolitischer Strategien schaut, mag schaudern. Politik zu beeinflussen, zu gestalten und zu verantworten ist anders jedoch nicht möglich.
Die Kirche in Deutschland muss, was Syrien und Nahost betrifft, zuerst auf die Kirche der Region hören. Diesem Aspekt wurde im Dragon-Blog verschiedentlich Rechnung getragen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die politische Bewegungsfreiheit der dortigen Kirchen durch die gegebenen Verhältnisse begrenz sind. Doch der Tenor ist – nach wie vor, auch konfessionsübergreifend – durchgängig derselbe: das Baath-Regime bietet unter den gegebenen Bedingungen die besten Bedingungen für einen säkularen Staat und das Zusammenleben der vielfältig zerklüfteten syrischen Gesellschaft. Nur der Fortbestand des gegenwärtigen Staates bietet einen Schutz vor Chaos und islamistischer Diktatur. Die offene Gewaltanwendung aller Akteure (sowie die Provokation der Sicherheitskräfte) muss sofort beendet werden, damit in einem politischen Dialog (der „von aussen“ gestützt werden sollte) neue Machtkompromisse austariert werden können.
Der erste Bericht der Beobachtergruppe der Arabischen Liga – der Öffentlichkeit wohlweislich vorenthalten – zeigt sehr wohl, wie unübersichtlich die Gemengelage von Gewaltanwendung und politischer Stabilität in Syrien derzeitig ist. Der „Westen“ hat bisher alles getan, die Gewalteskalation zu fördern und das Regime zu destabilisieren. Das ist kein Weg zum Frieden.
Die erwartbaren Ergebnisse der gewählten Strategie dürften ähnliche sein wie bei früheren Menschenrechts-Interventionen in der Region: Irak und Libyen, von denen unsere Medien jetzt so beredt schweigen. Russland und China dürften auch die Christen dankbar sein, wenn diese Mächte durch ihr Veto im Sicherheitsrat eine Resolution zu Fall brachten – wo konnte man ihren Text lesen? – die als Türöffner zu einer weiteren Eskalation der Gewalt zum Regime-Change angelegt war. Wo bleibt – bei andauerndem Schweigen des Vatikans – die politische Unterstützung der abendländischen Christenheit für ihre Brüder an der „Wiege der Zivilisation“ (Johannes Paul II.). Das Wort von Erzbischof Zollitsch kann nicht das letzte gewesen sein.
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