„Der Sturm ist noch nicht vorbei“ meinte Bernhard Jürgens von der KNA in seinem Kommentar zum Bericht der niederländischen Deetman-Kommission über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker in unserem Nachbarland. Er irrt fundamental. Wir haben schon vor Monaten hier die Auffassung vertreten: „Mit jedem neuen Missbrauchsfall vermag die Kampagne neu anzurollen“. Dass es sich – unbeschadet des tatsächlichen Fallgeschehens – um eine Kampagne gegen die katholische Kirche handelt – kann nur bestreiten, wer blind, weltfremd oder als „Hirte“ bereits von Angststarre befallen ist.
Welcher Verallgemeinerungscharakter soll der Kirche der Niederlande zukommen? Jeder zeitgeschichtlich Erfahrene weiß, dass die Kirche Hollands schon vor dem Konzil auch spirituell-disziplinär in Europa eine Sonderrolle spielte: ultramontane Hörigkeit und calvinische Geistigkeit und Moral bildeten eine einzigartige Melange. Das wirkt, wenn man Deetmans Bericht liest, selbst nach post-konziliaren Chaos-Jahrzehnten immer noch nach. Insofern handelt es sich im vorliegenden Fall bei Studie und Untersuchungsgegenstand um Singuläres.
Warum dann aber ein weltweites Medienecho, über Holland hinaus –sei es in Kanada, Costa Rica, Taiwan und Australien, um nur – was die bisherige Skandalisierung des vorgeblich spezifisch „katholischen“ Problems angeht, eher bisher randständige Länder zu nennen. Der Tenor überall derselbe: zigtausende von Opfern, aberhunderte von Tätern – z.T. immer noch im kirchlichen Dienst. Missbrauch: flächendeckend!
Das muss strukturelle Ursachen haben. Die in der WELT zu analysieren wird nicht etwa dem Springer-Hofberichterstatter in catholicis, Gernot Facius, sondern dem weiland Chaos-Kommunisten und bekennenden Atheisten Alan Posener übertragen. Sein Fazit: „Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche beschränken sich nicht auf wenige Länder. Das Problem liegt in der Struktur der Institution“. Es geht – so darf man das verstehen - letztlich darum, dass nach katholischem Glauben moralisch-ethische Prinzipien und Normen einem objektiven Wahrheitsanspruch unterliegen, den zu wahren und zu hüten Aufgabe des kirchlichen Lehramtes ist. Benedikt XVI. wird nicht müde, diesen Anspruch zu verteidigen.
Der herrschende wirtschaftliche, politische und kulturelle Neo-Liberalismus kann das nicht akzeptieren. „Tradition“ mit ihrem Beharrungsanspruch – darin besteht die soziale Basis absoluter Moral - und das umfassende „Modernisierungs“-Postulat stehen sich unversöhnlich gegenüber, wobei Modernisierung bedeutet, alle Lebensbereiche uneingeschränkt den Marktmechanismen unterwerfen zu können.
Die „absolute Moral“ – das ist denn auch der Topos, der dem Protestantismus die Erklärung der Nichtbetroffenheit erlaubt -wird nun dadurch de-legitimiert, dass ihre Verwalter als an ihrem Kern Gescheiterte entlarvt werden. Der Sache nach wird die aufklärerische Ideologie vom Priestertrug in neuem Gewande zum Einsatz gebracht. Nur umfassender, deutlicher, radikaler. Der missbrauchende „Pfaffe“ gilt nicht mehr als Sünder, sondern als Verbrecher. Warum aber – wieder und immer noch – durch Taten im Bereich der Sexualmoral? Weil sie de facto immer noch in der klerikalen, zölibatären Männerkirche als Nukleus jeder Art von Moralität gilt. „Die“ Kirche misst sich daran – und muss nun öffentlich eingestehen, daran gescheitert zu sein. Immer wieder neu. Eben flächendeckend.
Der Münchner Moraltheologe Konrad Hilpert hat zu Recht die Frage nach dem „systemischen“ Kontext der Moral der Missbrauchs-Kirche aufgeworfen. Die Unfähigkeit vieler Kleriker, Sexualität nicht nur verantwortlich, sondern auch „leib-gerecht“ zu leben, ist hier sicherlich zu bedenken. Nachdenklicher stimmt aber Hilperts Hinweis, dass sich die Ideologie dieser Art von (Sexual-) Moralität nur sehr verhalten ändern dürfte. Und zwar aus Gründen, die mit der inneren Struktur der kirchlichen Hierarchie zusammenhingen.
Dem ist wohl tatsächlich so. Es erklärte auch die – an sich, im sozialen Vergleich – seltsam anmutende Tatsache, dass unter die Missbrauchs-Täter nur die leiblichen Verursacher von Zwang und Leid, nicht aber ihre duldenden, wegschauenden, vertuschenden und offen ignorierenden, Beweismittel beseitigenden Vorgesetzten gerechnet werden. Dies haben wir in diesem Blog mehrfach angemerkt.
Entschuldigungen und pekuniärer Freikauf, wie sie jetzt in Holland als Wiedergutmachung vorgesehen sind, bieten keinen Ausweg. Unerträglich ist es, wenn nicht mehr im Amt befindliche, aber noch lebende Amtsträger den Medien zum Fraß vorgeworfen werden.
Täter beider Gruppen – die Oberen zuerst – müssen ermittelt und öffentlich erkennbar bestraft werden. (Die Reconciliation ist dabei natürlich, bei Erfüllung der Voraussetzungen, ein wichtiges Ziel; die Beibehaltung bzw. Beförderung in hohe und höhere Ämter wäre mit solcher Strafe hingegen unvereinbar.) Maßstab sei dabei das geltende kirchliche Recht.
Diese Art der Umkehr und Buße erwartet nicht nur die „Gesellschaft“, auch die katholischen Christgläubigen haben ein Recht darauf.
Und der Klerus, der sich jetzt vielfach einem Generalverdacht ausgesetzt sieht? Ob Studien hier wirklich hilfreich sein können, wird sich noch herausstellen müssen. Sie dürften wenig nutzen, wenn es bei der Aufspaltung des Täterprofils bleibt. Noch so gut gemeinte innerkirchliche Begründungen dürften nicht viel Motivation einbringen – zumal dann, wenn sie von verantwortlichen Projektleitern ohne kirchlichen Bezug öffentlich anderslautend kommentiert werden. Der Deetman-Report ist dafür ein trauriges Beispiel.