Infos

Sie befinden sich aktuell in den Mein Dragon-Blog Blog-Archiven für den folgenden Tag 20.12.2011.

Dezember 2011
M D M D F S S
« Nov   Feb »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  

Archive für 20.12.2011

Katholische Kirche in der Missbrauchs-Falle

„Der Sturm ist noch nicht vorbei“ meinte Bernhard Jürgens von der KNA in seinem Kommentar zum Bericht der niederländischen Deetman-Kommission über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker in unserem Nachbarland. Er irrt fundamental. Wir haben schon vor Monaten hier die Auffassung vertreten: „Mit jedem neuen Missbrauchsfall vermag die Kampagne neu anzurollen“. Dass es sich – unbeschadet  des tatsächlichen Fallgeschehens – um eine Kampagne gegen die katholische Kirche handelt – kann nur bestreiten, wer blind, weltfremd oder als „Hirte“ bereits von Angststarre befallen ist.

Welcher Verallgemeinerungscharakter soll der Kirche der Niederlande zukommen? Jeder zeitgeschichtlich Erfahrene weiß, dass die Kirche Hollands schon vor dem Konzil auch spirituell-disziplinär in Europa eine Sonderrolle spielte: ultramontane Hörigkeit und calvinische Geistigkeit und Moral bildeten eine einzigartige Melange. Das wirkt, wenn man Deetmans Bericht liest, selbst nach post-konziliaren Chaos-Jahrzehnten immer noch nach. Insofern handelt es sich im vorliegenden Fall bei Studie und Untersuchungsgegenstand um Singuläres.

Warum dann aber ein weltweites Medienecho, über Holland hinaus –sei es in  Kanada, Costa Rica, Taiwan und Australien, um nur – was die bisherige Skandalisierung des vorgeblich spezifisch „katholischen“ Problems angeht, eher bisher randständige Länder zu nennen. Der Tenor überall derselbe: zigtausende von Opfern, aberhunderte von Tätern – z.T. immer noch im kirchlichen Dienst. Missbrauch: flächendeckend!

Das muss strukturelle Ursachen haben. Die in der WELT zu analysieren wird nicht etwa dem Springer-Hofberichterstatter in catholicis, Gernot Facius, sondern dem weiland Chaos-Kommunisten und bekennenden Atheisten Alan Posener übertragen. Sein Fazit: „Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche beschränken sich nicht auf wenige Länder. Das Problem liegt in der Struktur der Institution“. Es geht – so darf man das verstehen - letztlich darum, dass nach katholischem Glauben moralisch-ethische Prinzipien und Normen  einem objektiven Wahrheitsanspruch unterliegen, den zu wahren und zu hüten Aufgabe des kirchlichen Lehramtes ist. Benedikt XVI. wird nicht müde, diesen Anspruch zu verteidigen.

Der herrschende wirtschaftliche, politische und kulturelle Neo-Liberalismus kann das nicht akzeptieren. „Tradition“ mit ihrem Beharrungsanspruch – darin besteht die soziale Basis absoluter Moral - und das umfassende „Modernisierungs“-Postulat stehen sich unversöhnlich gegenüber, wobei Modernisierung bedeutet, alle Lebensbereiche uneingeschränkt den Marktmechanismen unterwerfen zu können.

 Die „absolute Moral“ – das ist denn auch der Topos, der dem Protestantismus die Erklärung der Nichtbetroffenheit erlaubt -wird nun dadurch de-legitimiert, dass ihre Verwalter als an ihrem Kern Gescheiterte entlarvt werden. Der Sache nach wird die aufklärerische Ideologie vom Priestertrug in neuem Gewande zum Einsatz gebracht. Nur umfassender, deutlicher, radikaler. Der missbrauchende „Pfaffe“ gilt nicht mehr als Sünder, sondern als Verbrecher. Warum aber – wieder und immer noch – durch Taten im Bereich der Sexualmoral? Weil sie de facto immer noch in der klerikalen, zölibatären Männerkirche als Nukleus jeder Art von Moralität gilt. „Die“ Kirche misst sich daran – und muss nun öffentlich eingestehen, daran gescheitert zu sein. Immer wieder neu. Eben flächendeckend.

Der Münchner Moraltheologe Konrad Hilpert hat zu Recht die Frage nach dem „systemischen“ Kontext der Moral der Missbrauchs-Kirche aufgeworfen. Die Unfähigkeit vieler Kleriker, Sexualität nicht nur verantwortlich, sondern auch „leib-gerecht“ zu leben, ist hier sicherlich zu bedenken. Nachdenklicher stimmt aber Hilperts Hinweis, dass sich die Ideologie dieser Art von (Sexual-) Moralität nur sehr verhalten ändern dürfte. Und zwar aus Gründen, die mit der inneren Struktur der kirchlichen Hierarchie zusammenhingen.

Dem ist wohl tatsächlich so. Es erklärte auch die – an sich, im sozialen Vergleich – seltsam anmutende Tatsache, dass unter die Missbrauchs-Täter nur die leiblichen Verursacher von Zwang und Leid, nicht aber ihre duldenden, wegschauenden, vertuschenden und offen ignorierenden, Beweismittel beseitigenden Vorgesetzten gerechnet werden. Dies haben wir in diesem Blog mehrfach angemerkt.

Entschuldigungen und pekuniärer Freikauf, wie sie jetzt in Holland als Wiedergutmachung vorgesehen sind, bieten keinen Ausweg. Unerträglich ist es, wenn nicht mehr im Amt befindliche, aber noch lebende Amtsträger den Medien zum Fraß vorgeworfen werden.

 

Täter beider Gruppen – die Oberen zuerst – müssen ermittelt und öffentlich erkennbar bestraft werden. (Die Reconciliation ist dabei natürlich, bei Erfüllung der Voraussetzungen, ein wichtiges Ziel; die Beibehaltung bzw. Beförderung in hohe und höhere Ämter wäre mit solcher Strafe hingegen unvereinbar.) Maßstab sei dabei das geltende kirchliche Recht.

 

Diese Art der Umkehr und Buße erwartet nicht nur die „Gesellschaft“, auch  die katholischen Christgläubigen haben ein Recht darauf.

Und der Klerus, der sich jetzt vielfach einem Generalverdacht ausgesetzt sieht? Ob Studien hier wirklich hilfreich sein können, wird sich noch herausstellen müssen. Sie dürften wenig nutzen, wenn es bei der Aufspaltung des Täterprofils bleibt. Noch so gut gemeinte innerkirchliche Begründungen dürften nicht viel Motivation einbringen – zumal dann, wenn sie von verantwortlichen Projektleitern ohne kirchlichen Bezug öffentlich anderslautend kommentiert werden. Der Deetman-Report ist dafür ein trauriges Beispiel.   

Syrien: Ökumene für den Frieden

Nach dem für Libyen entwickelten Drehbuch der westlichen Mächte hätte der Bericht des UN-Menschenrechtsrates zur Lage in Syrien den Startschuss für eine militärische Intervention des Landes bieten sollen. Der Widerstand Russlands und Chinas im Welt-Sicherheitsrat (und die Vorlage eines eigenen Resolutionsentwurfes ohne militärisches Vorgehen und wirtschaftliche Sanktionen) sowie die unerwartete Widerständigkeit der syrischen Institutionen und großer Teile der Gesellschaft des Landes führten offensichtlich zu einer Neuorientierung der Strategie des Westens.

In den Medien wird die Rolle der Kirchen im Konfliktverlauf wenig beachtet; in diesem Blog soll sie zur Sprache gebracht werden. So machte der Moskauer orthodoxe Patriarch Kyrill I. – in Unterstützung der Politik seines Landes – im November seinen ersten Besuch in Syrien. Die Botschaft des Kirchenführers deckte sich mit der des Papstes und der Hierarchien des Landes: Gewaltverzicht, Dialog, keine militärische Intervention und keine die gesamte Gesellschaft belastenden Sanktionen.

Vor wenigen Tagen verabschiedeten die katholischen Bischöfe Syriens (Lateiner und Unierte) eine gemeinsame Plattform zur politischen Zukunft des Landes, die dann – nahezu wortidentisch – von den drei Patriarchen (syrisch-orthodox, melchitisch-katholisch, griechisch-orthodox) übernommen und vom päpstlichen Nuntius bekräftigt wurde:

 

Catholic patriarchs call for peace in Syria as Moscow puts pressure in the United Nations

Catholic patriarchs issue a press release on the country’s situation that differs from previous statements of unconditional support for the regime. Syrian media ignore a proposed Russian resolution in the UN Security Council to solve the crisis.

Ignatius Zakka I. Iwas, syrisch-orthodoxer Patriarch von Antiochien 

Damascus (AsiaNews) – Syrian media have ignored so far a Russian proposal for a new resolution at the United Nations Security Council to find a solution to the country’s crisis. But the three patriarchs of Antioch (Syriac Orthodox, Melkite Greek Catholic and Greek Orthodox),

 

Gregorios III., melchitisch (katholischer) Patriarch von Antiochien 

whose sees are in Damascus, and the Assembly of the Catholic hierarchy in Syria have expressed, in identical terms, their deep concern for the situation in Syria.

 

Ignatius Josef III., syrisch-katholischer Patriarch von Antiochien 

Russia has circulated a UN Security Council resolution aimed at resolving the crisis in Syria, in a move that surprised Western nations. The draft proposal condemns violence by Syria’s government and the opposition, but does not mention sanctions.

 

Erzbischof Mario Zenari, Apostolischer Nuntius in Syrien 

Western diplomats said the proposal was not tough enough but that they were prepared to work on the document. The latter includes a new reference to “disproportionate use of force by Syrian authorities” and urges the Syrian government to put an end to suppression of those exercising their rights to freedom of expression, peaceful assembly and association”.

Meeting yesterday in St Ephrem Monastery, residence of Ignatius Zakka I Iwas, Syriac-Orthodox patriarch, in Saidnaya, not far from Damascus, the three patriarchs signed a joint message, released to the faithful and all Syrian citizens.

Interestingly, the terms of the message, except for some grammatical differences, are identical to those of a press release issued a day earlier by the Assembly of the Catholic Hierarchy in Syria at the end of its regular session, the first in two years (although it should meet twice a year according to its own constitution).

The meeting was held at the headquarters of the Syriac Orthodox Archbishopric in Damascus, chaired by Melkite Greek Catholic Patriarch Gregorios III, with the participation of Syriac Catholic Patriarch Ignatius Yusuf III and Mgr Mario Zenari, apostolic nuncio to Syria.

At the start of their proceedings, the heads of the Churches sent a message to the pope to confirm their loyalty to and communion with the successor of Peter, and indicate that the meeting would not only focus on the outcome of the Special Assembly for the Middle East of the Synod of Bishops, and the preparation of the Synod on the new evangelisation, but would also look at the situation in Syria.

Their final communiqué on the current situation, picked up as far as Syria is concerned in the message of Ignatius Zakka I, Ignatius IV (Greek Orthodox) and Gregorios III, deserves to be cited in full because it goes against previous statements made by the same patriarchs and other prelates of unconditional support for President Bashar Al-Assad, whose name this time is not mentioned, even once.

“Among the topics that concern the most excellent Fathers, the main and most important one is what is happening in our beloved Syria, namely the events unleashed nine months ago,” the press release said. “The Fathers examined the events and what they have caused in the country and among the faithful: tragedies and sufferings on more than one level. They have expressed their deep sorrow for what has happened, their sadness for the fallen victims and their fear that the economic situation might get worse. They express a keen desire that Syria heal its wounds and that its children find reconciliation with love and tolerance, cooperation and wisdom, giving precedence to the national good above all other interests by going back to their roots, heritage, conscience and confidence in mutual exchanges to find a solution to their problems their own way.”

“The Fathers reject all foreign intervention of any kind and from any origin,” the statement says. “They call for an end to the sanctions imposed on Syria, whatever the pretext. Equally, they reject any recourse to violence in any form and appeal for peace and reconciliation of everyone in the name of God and the fatherland. They have encouraged the reforms and the steps undertaken by the government, demanding respect for the principles of justice, freedom, human dignity, social justice and the rights of citizens.”

“Finally, they have raised fervent prayers to God Almighty to have pity on the fallen, bring comfort to the hearts of those who are troubled, protect Syria and its leaders, guiding them to the shore of security, peace, sovereignty and prosperity. Hence, they call on everyone to pray incessantly so that fear may not take hold, and that hair may not fall from our heads unless it is the will of God, our celestial Father, as Christ the Lord taught us.”

Syria’s official news agency SANA, which had initially ignored the statement issued by the Catholic prelates, released a report Thursday evening in English and French and in Arabic on Friday morning summarising the message of the three patriarchs, insisting on their rejection of foreign intervention and their appeal for an end to sanctions against Syria.

AsiaNews-12/16/2011 14:01

|