Seit über 20 Jahren, in denen ich regelmäßig nach Fulda komme – in der Zeit von Militärbischof Johannes Dyba mehrmals im Jahr- , besuche ich jedes Mal hinter der ehrwürdigen Abtei- und heutigen Domkirche, im Hof des Priesterseminars, das Grab eines mir immer noch unbekannten Soldaten. Er liegt dort als 20jähriger Gefreiter, gefallen am 1. April 1945, in einer Begräbnisstätte, wie sie ursprünglich für die Soldaten der Wehrmacht vorgesehen war.
Was hat diesen jungen Menschen, der sich kaum um das Nazireich besondere Verdienste erworben haben kann, hierhin verschlagen? Warum musste er wenige Tage vor dem Zusammenbruch noch sein Leben verlieren? Wofür glaubte er kämpfen zu sollen? Fragen, die sich heute vielleicht ebenso wenig beantworten lassen wie damals.

Franz Matezik, dem Namen nach wohl österreichischer Herkunft, hat dennoch Glück gehabt. Er ruht bis zum Tag der fröhlichen Auferstehung in der auch geistigen Mitte Deutschlands, nahe bei dessen Apostel und geistlichen Vater Bonifatius. Sein Opfer-Status ist klar: er verlor sein Leben – und wir wissen nicht warum. Die Kirche gibt ihm Heimat, ohne selbst einen tieferen Sinn seines Todes ergründen zu können.
Die Presse des Landes hat in diesem Jahr kaum ein Wort zum Volkstrauertag gefunden; ein vorgebliches Scandalum wurde mit Getöse angeschoben. Nur in der Provinz, in der die kriegstoten Soldaten oft, in Stein gemeißelt, noch „Helden“ oder „Krieger“ heißen, sprechen die Redner – immer öfter die Pastoren – von Gewalt und Krieg (man beachte die Reihenfolge!), die doch überwunden werden müssten – endlich!

Von “Freiheitskämpfern” in Sirte ermordete (gefangene) libysche Regierungssoldaten
Welche Scheinheiligkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten, zumal der GRÜNEN unter ihnen: Sehen sie die ungezählten Opfer der Menschenrechts-Kämpfer, die von ihnen gezogene Blutspur, nicht? (In Libyen schätzt man zwischen 30.000 und 100.000 „Opfer“.)
Es ist der Krieg, der uns nicht selber trifft, der uns alle in – nennen wir es nur beim Namen – in desinteressierter Distanz verharren lässt, ohne dass Herz und Seele ergriffen würden.
Worum dann also trauern?

Die Gefallenen der Bundeswehr sind in gewisser Weise „Opfer“ dieses Sachverhalts. Selbst der Bundespräsident hat ihnen in seiner diesjährigen Ansprache im Bundestag diesen anonym-sinnstiftenden Status aberkannt. Wie ihre Vorgänger, die deutschen Soldaten der Weltkriege, „starben“ sie, „verloren sie ihr Leben“. Kein Dank des Vaterlandes; man kann auch nicht – wie im Vorjahr – erneut eine Gefechtsmedaille stiften. Die Tröstungsaufgabe wurde diesmal an den Generalinspekteur am Ehrenmal der Bundeswehr delegiert.
Die Politik wendet sich – so Bundespräsident Wulff – gegen Gewalt und Krieg (!), sie hofft auf Versöhnung, trägt und übernimmt Verantwortung für den Frieden.
Zum „Opfer“ wird, wer auf diesem Weg einen Preis zahlen muss.

Mein „unbekannter Soldat“ hat auch darum Glück, weil er sich weder Heldentod noch die Hingabe an höchste Ziele zusprechen lassen muss, die allesamt mehr mit Gewalt zu tun haben, als Redner zu bedenken oder auszusprechen vermögen. Seine Leiden und die der Seinen, die weithin nicht mehr dieser Welt angehören dürften, sind ausgestanden. Es bleibt ihm der Friede des behüteten Grabes und die Erwartung der Ewigkeit.
Harald Oberhem