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14.11.2010 von dragonX6.
Wenn nicht der schon im Vorfeld als „umstritten“ abqualifizierte Frankfurter Vortrag von Alfred Grosser gewesen wäre, wer hätte in diesem Jahr den 9. November noch als Gedenktag in Deutschland zur Kenntnis genommen? Er wirkt in der Rubrizistik ritualisierter „Erinnerungskultur“ ohnehin seltsam matt – zumal nach dem vorjährigen „runden Geburtstag“ des Mauerfalls und der erfolgreichen Etablierung des Auschwitz-Befreiungstages im Januar die Themen auszugehen drohen. Aber verwundern kann das nicht, wenn die geschichtlichen – nicht unbedingt historischen – Linien des deutschen Niedergangs, die sich im Datum des 9. November spiegeln, im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle zu spielen scheinen.
Niedergang? Die Eckpunkte – die Novembertage 1918 und 1989 - gelten doch als Tage des Erfolges! Vor 21 Jahren wurde in einer gewaltlosen, friedlichen Revolution die Vereinigung zweier deutscher Staaten durch das deutsche Volk in der DDR erwirkt – ein Sieg demokratischer Kultur in Ost und West. So heißt es.
Was fehlt, ist der Blick auf die andere Seite der Barrikade. Was scheiterte eigentlich für die wenn auch reichlich müde gewordenen Kämpfer kommunistischer Kader und ihre soziale und intellektuelle Gefolgschaft in jener Novembernacht 1989? Auf was konnte und kann man – aus dieser Perspektive - nach der „DDR“ noch hoffen? Diese Frage hat das herrschende West-Establishment in seiner fraglosen Selbstgewissheit wohl noch nie interessiert.
Dasselbe gilt für das erste Datum der Novembertage. Zur Erinnerung: Noch im im August 1918 versprach die Oberste Heeresleitung, unter deren Diktatur Monarchie und politische Kräfte quasi erstarrt waren, einen opulenten Siegfrieden. Wie im Osten, so auch im Westen Sieg. Wenige Tage später forderten sie von Kaiser und Reichsregierung das Eingeständnis der Niederlage und die sofortige Kapitulation. Die Historiker haben hinreichend belegt, dass sich die Militärs in dieser Situation vor allem nach einem (innenpolitischen) Sündenbock umsahen, der die Niederlage verantworten sollte.
Kräfte des Hofes, der Reichstagsparteien – außer den späteren Kommunisten – und des Militärs versuchten in der Oktoberreform durch eine radikale Demokratisierung der 1871er Verfassung den Boden des gegebenen politischen Systems zu verbreitern und zu stabilisieren – aus welchen Motiven auch immer. Seit dem 3. Oktober 1918 hätte in Deutschland wieder Politik stattfinden können. Das absolute Versagen der „herrschenden“ Monarchen in Berlin und anderswo, die Zögerlichkeit der Parteiführer und das weitere Taktieren der OHL verhinderten es, dass der in der Stunde höchster Not gefundene Kompromiss wirklich akzeptiert und durchgesetzt wurde. Dem standen der politisch-militärische Feind, das Entente-Bündnis mit seinen maßlosen Kriegszielen, (dessen sezessionistische Gefolgsleute in Böhmen/Tschechei und Polen bereits Europakarten in Umlauf brachten, auf denen Deutschland bereits gelöscht war) und die deutschen Anhänger Lenins (USPD/Spartakus/KPD), die auf gewaltsame Revolution und Bürgerkrieg setzten, im Wege.
Mit der durch Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig verfügten Abdankung des Kaisers und Königs und den Thronverzicht des Kronprinzen sowie die Übergabe des Reichskanzleramtes an Friedrich Ebert hatte dieser letzte politische Repräsentant des ancien regimes seine Pflicht erfüllt. Philipp Scheidemann rief – gegen den Willen Eberts - an jenem 9. November die Republik, Karl Liebknecht die kommunistische Revolution aus. Ebert zauderte. Der Kaiser war zuvor feige in´s Ausland geflohen.
An diesem Tage bereits wurden jenem Staat die Grundlagen entzogen, der Monate später als Weimarer Republik gegründet wurde. Auf der Basis des Oktober-Kompromisses hätte jene Institution die politische Verantwortung für Krieg und Niederlage übernehmen müssen, die sie formal zuvor in Anspruch genommen hatte: die Monarchie. Mit der radikalen Reduktion ihrer Machtbefugnisse, verbunden mit einem umfassenden personellen Austausch, hätte sie dem deutschen Staat jenen auch emotional wirksamen Rahmen geben können, den die in ihrem Kern eher konservative deutsche Gesellschaft damals (wie heute?) benötigte.

Prinz Wilhelm von Preußen (1906-1940) (1927; r. der älteste Enkel WilheIm II. (l.) und nächster Thronanwärter) fiel im Frankreichfeldzug. Nach seiner Beerdigung in Potsdam, an der 50000 Menschen teilgenommen hatten, verbot Hitler mit dem sog. Prinzenerlass die Kriegsteilnahme Angehöriger ehem. „regierender Häuser“. Im I. Weltkrieg hatten sie zwar zahlreich hohe militärische Stellungen innegehabt-aber nicht „frontnah“. Keiner verlor sein Leben.
Der im Winter 1918/19 von den Kommunisten eröffnete Bürgerkrieg machte das Weimarer „System“ schwach, oft hilflos, zumal die Linke durch die neue radikale Rechte, zwar nicht an intellektuellem Niveau, aber in Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft noch weit übertroffen wurde. Die Folgen sind bekannt.
Die Kommunisten setzten nach ihrer Niederlage im Kampf gegen den „Faschismus“ 1933 diesen Krieg fort: in Spanien, an den Fronten des Zweiten Weltkrieges und im Gefolge sowjetischer Panzer in ihrer „DDR“ – vorerst bis 1989/90. Dieselben konservativ-bürgerlich-liberalen Kräfte, die im Herbst 1918 versagt hatten, kapitulierten auch 1933. Einer ihrer zentralen Denkfehler bestand damals darin anzunehmen, dass die Institutionen des parlamentarisch-demokratischen Staates auch ohne Volk handlungsfähig bleiben – es sei denn, das Volk würde abgeschafft. Das ist auch heute wieder Thema. Darüber auf der Folie des 9. November-Gedenkens neu nachzudenken, dürfte nicht verkehrt sein.
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