Juli 2010
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Toujours y penser, jamais en parler!

Die alljährlichen Ritterspiele anlässlich der Schlacht Polen-Litauens mit dem Deutschen Orden (OT) bei Tannenberg/Grunwald am 15. Juli 1410

 

nahmen in diesem Jahr nach Pressemeldungen offen folkloristische Züge an. Die Staatsoberhäupter Polens und Litauens, Bronislaw Komorowski und Dalia Grybauskaite, als Gast war auch der Hochmeister des Ordens, Bruno Platter aus Wien, anwesend, versuchten dem 600. Jahrestag der Schlacht einen neuen Sinn zu geben. Der polnische Präsident Komorowski meinte, damals sei es zur Konfrontation zwischen zwei Konzepten der europäischen Zivilisation gekommen. Der Deutsche Orden habe auf Bekehrung mit dem Schwert gesetzt, die Gegenseite auf das Recht jeder Nation auf Andersartigkeit. “Das Christentum soll durch Bekehrung mit friedlichen Mitteln, nicht durch das Schwert verbreitet werden”, sagte Komorowski. Diese Idee sei 1410 eine Zäsur in der Geschichte Europas gewesen.

                

Das verstehe, wer will. Denn knapp 200 Jahre vor der Schlacht hatte Herzog Konrad von Masowien und Kujawien im Vertrag von Kruschwitz, der durch die entsprechenden  Bullen von Rieti (Papst Gregor IX.) und Rimini (Kaiser Friedrich II.) sanktioniert wurde, den Orden um Missionshilfe gebeten – nach dem Grundsatz: getauftes Land – erbeutetes Land. Nachdem Pruzzen und Litauer auf diese Weise dem orbis christianus eingegliedert waren, war der Deutsche Orden nur noch ein Hindernis für die imperialen Attitüden des vereinigten Litauen und Polen, zumal für einen Zugang zum Mare Balticum.  

Die Rede von einer Zäsur dürfte auch bei der weiteren Geschichte des Doppelstaates  Probleme aufwerfen. In den Jahrhunderten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit tat sich Polen-Litauen – das ist unbestreitbar – durch erhebliche Toleranz gegenüber den europäischen Juden hervor. Die Gegenreformation nahm hingegen auch in Polen Maß an der Praxis der mitteleuropäischen Mächte. Auch Muslime und Orthodoxe bewerten ihre damalige Geschichte anders. Kurz: Geschichtslegenden und historische Tatsachen geraten in unauflösbare Widersprüche. 

Inwieweit die vereinigte Rzeczpospolita, deren Herrschaftsgebiet sich auf das Gebiet zwischen den beiden Meeren erstreckte, jeder Nation das „Recht auf Andersartigkeit“ gewährte, sei dahingestellt, da die Vorstellung einer ethnischen Nation für die Gestaltung der europäischen Staatenwelt dieses Zeitalters ohne Belang war. Das änderte sich grundlegend im allgemeinen Nationalismus des 19. Jahrhundert, der die Zweitrangigkeit nationaler Minderheiten praktizierte oder doch zumindest vorbereitete. 

Die eigentliche politisch-psychologische Nutzung des Grunwald-Mythos hat hier ihren durch und durch artifiziellen Ursprung. Er diente dem Großmachtanspruch des wieder zu errichtenden Polen, eines ethnisch-polnisch dominierten Vielvölkerstaates, der darum – wie die Geschichte seit dem 11. November 1918 gezeigt hat -  militärische Konflikten mit allen Nachbarstaaten hatte, dessen Staatswesens zerrüttet war und in dem es schließlich während der Besatzungszeit teilweise zum offenen Bürgerkrieg im Untergrund kam.

                          

Seit über 100 Jahren gibt es wohl kein polnisches Kind, das nicht den 1901 veröffentlichten Roman „Krzyzacy (Kreuzritter) von Henryk Sienkiewicz gelesen hätte:

“Unersättlich ist dieser Stamm, schlimmer als die Türken und Tataren. Sie überfallen Dörfer, metzeln die Bauern nieder, ertränken die Fischer, packen die Kinder wie Wölfe. Und das Blut der Greise, Frauen und Kinder rieselte an den Beinen der Eroberer herab. Die Kreuzritter. Immer die Kreuzritter.” 

Die  1960 unter der Ägide Volkspolens durch Aleksander Ford  geschaffene Verfilmung bleibt dem „Drehbuch“ nichts schuldig. Er zeigt nur die hässliche Fratze des Deutschen, des Mörders, Vergewaltigers, Widerlings und Feiglings. (Man wundert sich einigermaßen, dass eine solche Darstellung von Priestern  und Ordensleuten im katholischen Polen ohne Widerspruch angenommen wurde.) Und welcher Pole kennt nicht (auswendig) die „Rota“ („Der Eid“) der Maria Konopnicka, die immer noch gern etwa bei Fronleichnamsprozessionen gesungen wird: 

Und bis zum letzten Blutstropfen

verteidigen wir Geistes Gut.

Bis sich zu Schutt und Staub zerschlug

der Kreuzritter böse Brut.

Des Hauses Schwelle sei uns Festungswehr!

Dazu verhelf uns Gott der Herr! 

 Nicht mehr wird der Deutsche uns spei’n ins Gesicht,

die Kinder uns nicht germanisieren.

Bald kommt der Waffen ehernes Gericht,

der Geist wird uns anführen.

Blitzt nur der Freiheit goldnes Horn - zur Wehr!

Dazu helf uns Gott der Herr!

Erstmalig wurde dieses Lied bei der Einweihung des

 Krakauer Grunwalddenkmals zum 500 Jahrestag der Schlacht gesungen.

                     

  Dieses Bild des Deutschen – projiziert auf den Ordo Teutonicus des Hochmittelalters und den seinerzeitigen Hochmeister     

                                          

Ulrich von Jungingen – wurde Grundlage der National- und Geschichtspolitik der polnischen Rechten des 20. Jahrhunderts. Roman Dmowskis „Westgedanke“ lebt davon. Der ursprüngliche Panslawist war bekanntlich polnischer Verhandlungsführer bei den Versailler Vertragsverhandlungen. Seine Träume wurden 1945 wahr. Polens Grenzen waren an Oder und Neiße angelangt. 

                       

Diese Mitgift hatte Volkspolen im Gepäck. Und in diesem Punkte herrschte tiefe Einigkeit nahezu aller Polen: in Mutterland und Emigration, rechts und links, vor allem auch in der Kirche. So einte der Grunwald-Mythos alle Polen. Und er tut es offensichtlich noch. Letztlich ist Grunwald der moralische und rechtliche „Titel“ für die „Wiedergewinnung der westlichen Gebiete“. Zugleich erlaubt er Identifikationen zwischen der Nachwende-Republik und dem kommunistischen Polen. 

 „In seiner Rede erinnerte Präsident Komorowsk“ – so ein Kathpress-Bericht -„auch an die Instrumentalisierung des Grunwald-Mythos für politische Propaganda. Die Geschichtspolitik solle andere Nationen nicht demütigen, sondern das Verbindende herausstellen, sagte Polens Staatsoberhaupt.“ Die 600-Jahres-Siegesfeier in Tannenberg liefert dazu keinen Beitrag. Im Gegenteil. Auch die Teilnahme des OT-Hochmeisters, einer zu Tode siechen Gemeinschaft, und seine Kommentare wirken fast wie eine Karikatur: Der politische Missbrauch des Tannenberg-Mythos verblasse zunehmend und das Image des Ordens verbessere sich, meinte er im Interview. Vor zehn Jahren habe man den ersten (!) Polen im Orden zum Priester geweiht – und er selbst habe Gottesdienste in der Marienburg feiern dürfen. 

Das bedarf keines Kommentars. Ähnlich dem Besuch der deutschen Kanzlerin am 9. Mai des Jahres bei den Moskauer Siegesfeiern, zur Rechten des russischen Präsidenten. Gefeiert wurde die Befreiung Europas und seiner Werte durch die Rote Armee. Frau  Merkel hat dem nicht widersprochen.  

Der französische Linksrepublikaner Leon Gambetta hat wenige Monate nach der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Preußen-Deutschland im Herbst 1871 den Satz geprägt:“ Immer daran denken, niemals davon sprechen“. Gemeint war die eigene militärische Niederlage. Dieser Satz  wurde zum Programm französischer Revanchepolitik, in der nach Versailles die polnische 2. Republik eine zentrale Rolle spielte. Das sollte aber keine Option für Deutschland und die Deutschen sein oder werden. Es bleibt nur der Weg des wechselseitigen Respekts und des Dialoges. Dazu braucht es aber die Bereitschaft beider bzw. aller beteiligten Seiten. Und zwar zuerst zur historischen Wahrheit. Das herkömmliche moralische Diktat des Grunwaldmythos trägt nicht dazu bei – auch nicht die Feier dieser Tage.

       

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