Februar 2010
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Theologisch nicht angemessen

Ungünstiger  konnte der Termin einer Afghanistan-Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz nicht gewählt sein: Medien und Öffentlichkeit sehen den (hohen) Klerus der katholischen Kirche schon längst im Sumpf einer Missbrauchsunkultur untergehen. Zeitgleich zur Pressekonferenz – auch das noch! – überschlagen sich die Meldungen zu einer Trunkenheitsfahrt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann, die erst kürzlich die öffentliche Debatte um den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr mit hochmoralischen Invektiven besetzt hatte.

So wirkte denn der Presseauftritt des Konferenzvorsitzenden und Erzbischofs von Freiburg Robert Zollitsch, assistiert vom Trierer Bischof Stephan Ackermann, Vorsitzender der Kommission „Gerechtigkeit und Frieden“, eher wie eine Pflichtübung.

Zollitschs Vorwort ließ schon Böses ahnen. Sanft sprach er vom Einsatz der internationalen Gemeinschaft und der Bundeswehr in Afghanistan. Als einem Vertreter der Weltkirche hätte ihm niemand verübeln können darauf hinzuweisen, dass in dieser truppenstellenden Internationalen von 43 Staaten nicht nur die an Afghanistan angrenzenden Großmächte mit (Rußland, China) ständigem Sicherheitsratssitz der UN und die Großmacht Indien fehlen. Eine Weltkirche, die höchsten Wert auf einen wahren (!) Dialog mit dem Islam legt, sollte zudem an allen Orten ihrer Präsenz die auffällige Abwesenheit muslimischer Staaten in dieser „internationalen Gemeinschaft“ (mit Ausnahme von Albanien, Aserbeidschan und der Türkei) beklagen. Das nicht zuletzt deshalb, weil der paschtunische Widerstand im Land, zumeist Taliban genannt, seinen Kampf explizit religiös begründet. Hier könnte ein Vertreter der Kirche das aussprechen, was   im politischen Mainstream sorgsam unbeachtet bleibt. Es geschah nicht.

So blieb die Hinführung zum Thema an der Oberfläche. Es wurde wiederholt und zitiert, was ohnehin zu den allfälligen Topoi der veröffentlichten Meinung gehört: eine „neue Etappe“ des Afghanistan-Engagements durch die Londoner Konferenz, Kritik am Verlauf der bisherigen „sicherheitspolitischen“ Debatte (bzw. ihrer Nicht-Existenz) und der Hinweis auf den notwendigen Zusammenhang von demokratischer Gesellschaft und öffentlicher Auseinandersetzung – eine angesichts des kirchlichen Umgangs mit dem Missbrauchsthema  in der Tat doppelbödige These. Zollitsch forderte für die Kirche das Einbringen friedensethischer Anmerkungen in die gesellschaftliche Debatte: direkt, schwungvoll und mit Nachdruck auf Probleme aufmerksam machend, wider alle falsche Eindeutigkeit, die zu Realitätsverweigerung und Verdrängung führe. Die gemeinsame theologische Grundlage beider Kirchen, so Zollitsch, bestehe im Konzept „gerechten Friedens“, das zur Überwindung der Gewalt führe.

Was der Trierer Bischof Ackermann als Leiter des entsprechenden bischöflichen Fachressorts dann vortrug,  wirkte allerdings weder direkt noch schwungvoll oder problemorientiert. Die Wertung der Londoner Konferenz hörte sich an, als sei sie im Bundespresseamt verfasst. Von der Stärkung der zivilen Perspektive, Gewinnung des Vertrauens der Bevölkerung, Einbeziehung gegnerischer Kräfte in den Friedensprozess ist die Rede, ja von der Überwindung militärischer Elemente der Gewalt durch ein von ziviler Logik her  gedachtes Gesamtkonzept. Nachrichten von der „gemeinsamen“ seit 2001 größten Offensive der NATO-Kräfte und afghanischer Truppen im Süden des Landes sind bei den Bischöfen oder ihren Mitarbeitern wohl noch nicht angekommen. Noch weniger die Einsicht, dass seit Beginn des NATO-Unternehmens ISAF die militärischen Kontingente aller beteiligten Länder im Rahmen eines einheitlichen, von den Spitzen der NATO-Staaten beschlossenen Operationsplanes handeln. Das von den USA wesentlich festgelegte (militärische) neue Gesamtkonzept unterscheidet sich von den früheren nicht im Ziel – dem Sieg über die Aufstandsbewegung, sondern nur in den Methoden. Allerdings wird die Bundeswehr – ihre Soldaten und deren Seelsorger bleiben unangesprochen und unerwähnt - in ihrem Einsatzbereich wohl erheblich stärker in die entsprechenden militärischen Operationen einbezogen werden. Nichts davon ist aus den Ausführungen des bischöflichen Friedens-Ressorts herauszuhören.

Auch angesichts so mancher Collateral Damages fragt man sich schließlich, wie der folgende Satz verstanden werden soll: „So lange in Afghanistan Kriegsverbrecher, gleich welcher Konfliktpartei sie angehören, unbehelligt sind, wird die Rede von der Versöhnung leer bleiben.“ Versöhnung - das ist ein gewaltiges Ziel, sozusagen ein theologisches Äquivalent zur von Menschenrechtlern früher so oft geforderten afghanischen Westminster-Demokratie. Vielleicht würde es den kirchlichen Oberhirten gut anstehen, sich vorerst mit den typisch politischen Regeln des Interessenausgleichs und des Kompromisses bekannt zu machen. Damit würde auch die Suche nach ethischen Maßstäben etwas mehr ge-erdet werden. Karl Rahners Rede vom „Glauben, der die Erde liebt“ lädt nach wie vor dazu ein, die Welt in ihrer eigenen Wirklichkeit an- und ernst zu nehmen.

Dazu gehört auch die ganze Wahrheit über den militärischen Waffeneinsatz, den Krieg. Hier haben es sich  beide Kirchen in ihren Modellen „gerechten Friedens“ vielleicht zu einfach gemacht. Auch darüber lohnt ein selbstkritisches Nachdenken.

Die deutschen Bischöfe haben heute Aussagen, nicht aber Positionen zur aktuellen Afghanistanpolitik präsentiert. Wenn sie sich an den Worten ihres Vorsitzenden orientieren, werden sie – wie „die Gesellschaft“ überhaupt – dazulernen wollen. Das heute Gesagte ist dem Problemkontext nicht angemessen. Die mediale Ungunst der Stunde könnte sich als Geschenk erweisen.

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