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Dezember 2009
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Archive für 19.12.2009

GB-Militärbischof: Tabuverletzung

Wenn Stephen Venner, der von seiner anglikanischen Kirche neu bestellte Militärbischof für die britischen Streitkräfte, seine erste Predigt zu Mt 5,44-45a („Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.“) gehalten hätte, wären die Reaktionen kaum ablehnender ausgefallen. In einem Interview mit dem Daily Telegraph warb der oberste Militärgeistliche für  einen „more sympathetic approach“ gegenüber den Taliban, der ihr Menschsein anerkenne. Die gängige Sicht der Taliban sei zu vereinfachend. Vieles, was Taliban sagten und tun, sei im Westen inakzeptabel. Auch seien  ihre Kampfmethoden weder ehrenwert noch hinnehmbar. Man möge aber bedenken, dass viele Menschen unter ihrem Einfluss stünden. An einem künftigen Afghanistan müssten aber alle Gruppen beteiligt werden. Nur ein so zu gewinnender dauerhafter und gerechter Friede könne letztlich das Opfer der eigenen britischen Soldaten und Soldatinnen rechtfertigen.

Den Interview-Titel bezog die Redaktion auf die Aussage Venners: „The Taliban can perhaps be admired for their conviction to their faith and their sense of loyalty to each other.” Das ist – so meinen wir – der Sache nach eine durchaus kritikwürdige Behauptung. Die öffentliche Argumentation ging aber einen kürzeren Weg. Ein im Blatt zitierter afghanistanerfahrener Colonel nannte Venner “naiv”. Man müsse den Feind militärisch und nicht religiös verstehen. Und schließlich seien die extremistische Deutung des hl. Krieges  und die Religion  des Friedens und des Verstehens, für die der Feldbischof eintrete, unvergleichbar.

 Zeitpunkt und Aussagen des Interviews konnten kaum unglücklicher gewählt sein. Zeitgleich hielt sich Premierminister Gordon Brown in der selbstgewählten Rolle des Kriegspremiers im Kampfgebiet auf, um die Moral der Truppe zu stärken. Wenige Tage vorher war der hundertste gefallene britische Soldat im laufenden Jahr zu beklagen, seit 2001 sind es bereits 237. Brown sprach von einem Guerilla-Krieg, der seitens der Taliban mit dem Ziel größtmöglicher Zerstörung geführt werde. Alle zwei Stunden werde unterdessen eine Sprengfalle gefunden.

Bischof Venner entschuldigte sich umgehend für seine „unsensiblen“ Worte und sah sich missverstanden. Sein kirchlicher Vorgesetzter, der Erzbischof von Canterbury, blieb öffentlich stumm, dasselbe gilt für die politische Führung. Das Ganze wurde  letztlich  als Fauxpas eines Anfängers behandelt.

Britannien ist „on war“. Das Feindbild steht nicht zur Debatte. Es muss klar und im Ergebnis „vernichtend“ sein. Das motiviert zumal dann, wenn die eigene militärische Lage schwierig wird und das politische Umfeld der Truppe zu wenig Rückhalt bietet.

Das ist im Vereinigten Königreich nichts Neues. Erinnert sei an den in Deutschland zu Unrecht vergessenen George Bell, der als Bischof von Chichester und Mitglied des Oberhauses während des Zweiten Weltkrieges öffentlich Kritik an der gegen Deutschland gerichteten britischen Luftkriegführung („area bombing“) übte. Als ökumenisch erfahrener, als Nazi-Gegner bekannter untadeliger Kirchenmann, der seine Argumente sehr wohl abzuwägen verstand, war er persönlich unangreifbar. Also wurden seine Interventionen ab-geschwiegen. Im Oberhaus war er völlig isoliert, im Unterhaus unterstützten ihn nur zwei Abgeordnete. Dasselbe wiederholte sich nach Ende des Krieges, als Bell sich gegen die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten des Reiches wandte. Mehrmals soll Kriegspremier Winston Churchill die Wahl die Wahl Bells zum Erzbischof von Canterbury verhindert haben.

In Zeiten des Krieges gibt es nur eine klare Wahl: für die eigene Seite bedingungslos einzutreten oder zum Verräter zu werden. Für die angelsächsische Kultur brachte dies ein junger US-Marineoffizier, Stephen Ducatur jun., nach der siegreichen Niederwerfung nordafrikanischer Piraten zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem Trinkspruch auf den kurzen Nenner:   In matters of foreign affairs, my country may she ever be right, but right or wrong, my country, my country!“. 

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