Infos

Sie befinden sich aktuell in den Mein Dragon-Blog Blog-Archiven für den folgenden Tag 25.11.2009.

November 2009
M D M D F S S
« Okt   Dez »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Archive für 25.11.2009

Ehre des Soldaten – plakativ

Um es vorweg zu sagen: das Anliegen des ehemaligen Stellvertretenden Generalinspekteurs Siegfried Storbeck, der Aufbaugeneration der wehrmachtsgedienten Bundeswehrsoldaten rechtzeitig – noch vor ihrem Tod – öffentlich und ehrenvoll zu gedenken, halte ich für begründet. Dass es tatsächlich nicht oder zumindest nur im geschlossenen Kreis geschieht, liegt wesentlich daran, dass der Mut fehlt, sich der geschichtspolitischen Moral-Dogmatik der SED-Linken zu widersetzen, die soldatische Moral nach Klassenkampfaspekten sozialistisch-gerechter Kriege bemisst.

Doch gerade als Nachgeborener, dem es um Ehre und Unehre der Vätergeneration geht, sollte man sich historisch sattelfest machen, statt sattsam bekannte Plakate auszuhängen. Schlechte „oberste“ Führung – gute Männer? Die „Sowohl-als auch“ – Ausreden der 60er Jahre (schuldhaft verstrickt-schuldlos missbraucht) werden dem heutigen (Ge-)Wissenstand nicht mehr gerecht. Denn unendlich viele Soldaten der Wehrmacht – vielleicht abgesehen von nicht kleinen Teilen der Generalität, die sich direkt nach Kriegsende durch Memoirenliteratur zu exkulpieren versuchte – wähnten und wähnen sich noch schuldig: Weil sie überlebt haben und die Kameraden nicht. Sie wissen sich aber auch moralisch belastet, weil sie zumal im Osten diesen Krieg als wechselseitig grausam geführten, moralisch total entgrenzten Vernichtungskrieg erlebt haben. Die „Zehn Gebote des deutschen Soldaten“ erwiesen sich nur zu oft als Makulatur. Das war nicht immer so – aber eben oft. Man lese die Feldpostbriefe gerade junger Soldaten, um sich darüber belehren zu lassen.

Wenn es denn „Idealismus“ gegeben hat, dann über öffentliche Propaganda, NS-Jugenderziehung und eine schulische Bildung, die schon in der Weimarer Zeit nicht müde wurde dazu zu erziehen, eher für´s Vaterland zu sterben als für es zu leben. Mein Vater, seit 1924 Soldat, und seine überlebenden Kameraden konnten sich an keine Begeisterung erinnern. Eher an Beklommenheit, die erst wiech, als die Siege, Orden und Beförderungen kamen.

Man musste übrigens nicht in die „oberste“ Führung aufsteigen, um zu bemerken, dass die Männer – je länger der Krieg dauerte – immer mehr physisch, psychisch und moralisch überfordert wurden. (Jetzt sollte man eigentlich über PTBS reden.) Diesen Aspekt übersieht ein Martin van Creveld, wenn er die Schlagkraft der Wehrmacht rühmt. Der Soldat wurde immer mehr zum Menschenmaterial degradiert, auch wenn Vorgesetzte das nicht wollten. Das vernichtende Gift der Nazi-Ideologie reichte  bis hier hin.

Das traditionelle Ethos war dem preußischen Offizierkorps  schon im Ersten Weltkrieg  abhanden gekommen. Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ vermitteln keine Ethik, sondern ein mystisches Vernichtungserlebnis. Zur Mythologie schon der Kgl.-Preußischen Armee gehörte die mit einer Aureola umgebende Rede vom Eid. Er war schon damals rechtlich „hohl“ und unverbindlich, ein Symbol eben. Nicht mehr. Es wirkt einfach peinlich, wenn sich hohe, nach dem Krieg auch wieder „christliche“ militärische Verantwortungsträger hinter der moralischen Macht dieser Institution verschanzen, um Unterlassungen zu rechtfertigen. Hätten sie zuvor – irgendwann in ihrem Berufsleben – sich ernsthaft um den sittlichen Gehalt eines wirklichen Eides bemüht, hätten sie 1944 die Pflicht zur Widerstandstat erkannt.

Warum Storbeck die Waffen-SS (Moto: „Meine Ehre heißt Treue“) in die Tradition preußisch-deutschen soldatischen Ethos einbeziehen will, bleibt angesichts dieser jede Sittlichkeit aushebelnden Maxime („blinder Gehorsam“) unnachvollziehbar.

Unverständlich bleibt uns schließlich die von Storbeck gezogene Folgerung, im Kampf gegen die Taliban bewähre sich  heute die moralische Festigkeit deutscher Soldaten: angesichts von Hass, Vernichtungswillen, mörderischer Heimtücke unter Einbeziehung unschuldiger Zivilbevölkerung – hinterhältiger Taktik des Gegners also. Nicht einmal ein zugegebenermaßen rassistisch denkender Leutnant Winston Churchill, als „embedded journalist“ an der Niederschlagung des Mahdi-Aufstandes beteiligt, hätte den islamistisch motivierten Gegner moralisch derartig abgewertet. Den Auftrag der eigenen Truppen beschreibt Churchill übrigens mit feiner, realistischer Ironie: “Welches Unterfangen könnte ehrenvoller und einträglicher sein, als fruchtbare Landstriche der Barbarei zu entreißen… der Einsatz ist tugendhaft, die Ausführung wohltuend und das Resultat in manchen Fällen äußerst ertragreich“ (River War, 1899)

Wer allerdings ein solches Denken für Moral oder ethisch gerechtfertigt hält, sollte sich nicht in die Tradition des deutschen Offizierethos einreihen wollen. Dieses aber nur zu fordern, in Wirklichkeit aber weder  beim „ius ad bellum“ noch beim Kriegführungsrecht konkret anzuwenden, ist ein Widerspruch. 

|