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September 2009
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Archive für 26.9.2009

Das Schweigen der Lämmer – und ihrer (Ober-)Hirten (I)

Als in dieser  Woche vor der Bundestagswahl die katholischen deutschen Bischöfe in Fulda zu ihrer Vollversammlung zusammentraten, blieb ein Thema komplett außen vor: der Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Die eindringlich ausgesprochenen Einladungen des Bundespräsidenten, des Wehrbeauftragten, der sich in besonderer Weise den Kirchen zugewandt hatte, auch des Militärbischofs und Augsburger Diözesanbischofs Walter Mixa und seines Militärgeneralvikars Walter Wakenhut,  zu  öffentlicher Debatte (und Würdigung) des Dienstes der Soldaten und Soldatinnen am Hindukusch, blieben auch hier unerhört. Das muss überraschen. Denn die Beziehung der Kirchen zur großkoalitionären Regierung ist besser als öffentlich wahrnehmbar. Außerdem hat der deutsche Episkopat den großen Schwenk von der Landesverteidigung der Vorwendezeit zum erweiterten Sicherheitsbegriff und der sich daraus ergebenden bewaffneten Menschenrechtspolitik im VN- und NATO-Rahmen durchaus mit vollzogen. Ja, man hätte sich in diesen Tagen sogar direkt auf wohlwollende Worte  beziehen können, die  Papst Benedikt XVI. am letzten Sonntag in Castel Gandolfo zum Dienst der in Kabul gefallenen italienischen Soldaten fand, „weil sie versuchen, Frieden und Entwicklung  von Institutionen voran zu bringen“. Doch es blieb beim Schweigen.

Der im Vergleich zu früheren Jahrzehnten erheblich abgespeckte, für alle Bistümer textidentische traditionelle Wahlhirtenbrief widmete sich anderen Themen: der Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit ethischen Maßstäben überwunden werden soll, der Bio-Ethik und der damit zusammenhängenden Forschung, dem Familienbegriff, den sozialen Sicherungssystemen, der Ausländer- und Migrationspolitik u.a.m. Und schließlich wird Dankbarkeit gegenüber den doch oft so missverstandenen oder missdeuteten Politikern angemahnt. Ein Warenkorb, für jeden etwas!

Da dürfte doch dem einen oder anderen Oberhirten der Verdacht gekommen sein, dass tiefere Gründe denn lästige Kirchensteuern hinter dem vom Konferenzvorsitzenden Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch ratlos beklagten weltanschaulichen Pluralismus stecken, der sich im letzten Jahr in einer um über 30% angestiegenen Welle der Kirchenaustritte Ausdruck verschaffte. Dem Glauben der Christen sind die „Inhalte“ abhanden gekommen. Es fehlen die „Sehnsuchtsfelder“, in denen sich Erde und Himmel, Realität und Hoffnung begegnen. Christliches Glauben meint, so Zollitsch, ein „Feststehen in dem, was man erhofft“ (Hebr 11,1). An solcher Zukunftsperspektive  aber mangelt es.

Wir erinnern uns an die frühen 80er Jahre des letzten Jahrhunderts – der Mythos von 1968 hatte sich schon aufgelöst – als die Blockkonfrontation im deutschen Nachrüstungsbeschluss einen Höhepunkt erreichte.  Die pazifistische Option eroberte Hearts and Minds der Massen, die Politik (und die Soldaten der Bundeswehr) gerieten unter Druck. Der viel beachtete, weit über Kirchenmauern hinaus diskutierte Beitrag der katholischen Bischöfe der Bundesrepublik erhielt den Titel: „Gerechtigkeit schafft Frieden“(1983). Es war eine Zeitansage, die über den Zeitgeist hinauswies.  Über alle Abwägungen ethischer Aspekte zu einer möglichen Akzeptanz nuklearer Abschreckung hinaus stand eine Botschaft im Mittelpunkt: die Hoffnung auf Frieden, einschließlich des Preises, den man dafür entrichten muss.

Nur wer Position in den Sehnsuchtsfeldern der Menschen bezieht und für sie eintritt, konsequent und dialogbereit, findet Zustimmung und Unterstützung. „Die Kirche“, gerade auch die Träger kirchlicher Ämter, muss sich daran erinnern, was ihre Aufgabe ist. Das führt unausweichlich zu Konflikten – in den eigenen Reihen, mit der „Öffentlichkeit“, auch der Ökumene, und den politischen Kräften. Das ist der Preis ethischer Wahrheitsansprüche, die Anerkennung, zumindest aber Respekt finden wollen.

Mit dem realen militärischen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan findet eine Nagelprobe auch auf die Ernsthaftigkeit ethischer Grundlagen statt, die bis in Dienstvorschriften der Streitkräfte reklamiert werden. Beide Kirchen sind – bisher verbal – in Mithaftung eingetreten. Stichwörter können sein: „ultima ratio“ des Gewalteinsatzes, „ius ad bellum“, Güterabwägungen in der Kampfführung, von der Proportionalität des Mitteleinsatzes bis hin zum Schutz der Nichtkombattanten und das eigene Bild des Gegners. Natürlich sind individuelle konkrete Entscheidungen immer Gewissenssache der handelnden Personen. Aber es ist hilfreich, wenn man sich öffentlich über sittliche Maßstäbe verständigen kann, die zu Haltepunkten für Politiker und Soldaten, Medien und „Öffentlichkeit“ werden. Es braucht eine Mauer von Recht und Gerechtigkeit, die die wechselseitige Achtung selbst im Kriege wahren hilft. Gerade der Soldat muss sich darauf verlassen können, dass er auf solchen Grundlagen Respekt und Anerkennung in der Heimat, bei Kameraden verbündeter Staaten – ja,  vielleicht sogar beim Gegner findet.

Kirchenleute, auch Bischöfe, tun sich wohl leichter, Fragen des Friedens in der Vervollkommnung sozialer Gerechtigkeit, in Strategien des Gewaltverzichts, in der Gewaltprävention und der Versöhnungsarbeit: kurz, in Gerechtigkeit und Liebe zu suchen. Das ist weithin unbestritten, zumindest deklaratorisch. Jetzt geht es aber auch, nicht nur, um die Rechtfertigung des Gewaltmitteleinsatzes, mit all seiner Härte, ja auch Blindheit und Grausamkeit.

Da ist aber das Wegschauen die erste Devise in diesem unserem Land. Werden die Bilder wie die vom Kundus-Vorfall unabweisbar, setzt umgehend eine lamentatio maior ein, quasi ein run auf die pazifistische Unschuld bekennender Friedens-Lämmer, hinter der man sich zu verstecken sucht. Das ist bitter,  zumal für die Kämpfer mit den Farben schwarz-rot-gold. Gerade die Kirchen, die seit Jahrzehnten so gern vom „großen“ Frieden –  seiner göttlichen Dignität und „größeren Gerechtigkeit“ – sprechen, sollten  dazu stehen, dass der von ihnen seit Jahrzehnten so gern klein geredete „gerechte Krieg“ jetzt zu führen ist. Oder etwa nicht?

Vielleicht hat die plötzlich einsetzende Rückzugsdiskussion in der Politik ein moralisches Pendant im längst unüberhörbaren Schweigen der Kirche, welchen Frieden denn deutsche Soldaten in Afghanistan zu verteidigen beauftragt seien. Es hat den Anschein, dass in gewisser Seelenverwandtschaft so, wie die Politik die Rede vom Krieg fürchtet, die Kirchenoberen vom (bewaffneten) Frieden schweigen. Hier aber tun sich, vielleicht noch im Geheimen, für zahlreiche Menschen, gleich wie säkularisiert sie auch sein mögen, Sinnfragen auf, die weder mit Tapferkeitsauszeichnungen und Ehrenmalen noch mit frommer Friedensrede und getreuer Militärseelsorge beantwortet werden können. Wenn die Kirche weiterhin so beredt stumm bleibt, leistet sie den effektivsten Beitrag zur Selbst-Säkularisierung, der sich gegenwärtig vorstellen lässt.

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