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30.10.2007 von dragonX6.
Mehr als 64 Jahre nach seiner Hinrichtung in der Richtstätte des Zuchthauses Brandenburg-Görden hat das Leben des oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter scheinbar doch noch ein gutes Ende gefunden. Der am 6. Juli 1943 vom Reichskriegsgericht wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilte Wehrmachtssoldat wurde am 26. Oktober 2007 in einer feierlichen Zeremonie im Linzer Dom als „Märtyrer und Familienvater“ im Auftrag Papst Benedikt XVI. unter die Seligen der katholischen Kirche aufgenommen. Seine Witwe Franziska und die drei Töchter nahmen an dem Gottesdienst teil.
Der kirchliche Akt hebt auf die „Hingabe des Letzten“, „hochherzige Selbstverleugnung“, „aufrichtiges Gewissen“, „Treue zum Evangelium“ und Einsatz „für die Würde der menschlichen Person“ ab. In der Bistumsblatt-Vita des Franz Jägerstätter, verfasst vom jetzigen Innnsbrucker Diözesanbischof und Pax-Christi-Präsidenten Österreichs, Manfred Scheuer, der auch Postulator des Seligsprechungsprozesses in Österreich war, findet das eine recht „fromme“ Entfaltung. Jägerstätter wird als Märtyrer des Gewissens zum Inbegriff des modernen Kriegsdienstverweigerers stilisiert – sicher zu unrecht: Er war weder Pazifist im klassischen Sinne noch „Eidverweigerer“. Sein Widerstand bezog sich ganz allgemein auf die Politik des Nationalsozialismus, insbesondere die NS-Kriegsziele und die für ihn nicht akzeptable Kriegführung der Wehrmacht.
Umgerubelt waren seine Person, Überzeugungen, Schicksal und Zeugnis schon von seinem publizistischen Entdecker, einem katholischen US-Soziologen und Pazifisten, Gordon Zahn, der ihn 1967 zum „Patron“ des sich formierenden Widerstandes gegen den Vietnam-Krieg erhob.
Die Verwendung der Vita des F.J. zu verschieden Zwecken beschränkt sich nicht auf die Friedensbewegung. J. eignet sich auch – als Mann aus dem Volk- zur Stärkung nationaler österreichischer Identität. Er steht sozusagen für das bessere Österreich, er büßt schon 1943 mit seinem Leben für die „Sünde“ der Nation von 1938. Aber vielleicht sollte man im Sinne dieser Deutung eher von „Irrtum“ sprechen, einer kollektiven conscientia erronea nationis. Die seinerzeitige Ausgrenzung des Mitbürgers und dann auch seiner Hinterbliebenen im malerischen St. Radegund liefert allerdings eher Beweise für die Unbarmherzigkeit gegenüber dem irrigen Gewissen des „Bauern und Messner“.
Der österreichische Staat hat Witwe und Kindern lange Zeit eine Unterhaltszahlung verweigert, die öffentliche Anerkennung noch länger. Jetzt gibt es eine F.J.-Straße, einen nach ihm benannten Park in Braunau (!), eine Benennung übrigens, die nach Auskunft der Lokalzeitung von 80% der Bürger abgelehnt wird, Lied, ja sogar eine Oper (in zehn Bildern) – und den von den organisierten katholischen Soldaten publizierten Vorschlag, eine Kaserne des Bundesheeres nach F.J. zu benennen, nachdem Heeres-Theologen J. als „Patrioten, nicht Pazifisten“ und als Vorbild heutiger Wehrmänner identifiziert hatten. Es heißt allerdings, dass konservative Soldaten höherer Dienstgrade solchem Ansinnen wenig Sympathie entgegen bringen.
Insgesamt bleibt vor allem die historische Rolle und das geistige Profil der (amtlichen) Kirche in der Causa des F.J. auf seltsame Art blass. Die eigentliche Tragik des frommen Simplex lag vielleicht darin, dass die (kirchlichen) Autoritäten, die ihm geblieben waren, ihn als „Fall“ sahen und seine Argumente, die ihm immer zwingender erschienen, einfach nicht anerkennen wollten. Das galt nicht nur damals, vor und während des Prozesses, sondern es setzt sich heute mit etwas schlankeren Sophistereien fort. Selbst jetzt, im Rahmen der Seligsprechung, fand die Kirche Österreichs nicht den Mut, etwa dem seinerzeitigen Linzer Ordinarius Joseph Fließer, der F.J. zu einem mehr als einstündigen Seelsorgegespräch empfangen hatte, Irrtum, Feigheit und Missbilligung zuzusprechen. Wer die noch greifbaren Prozessunterlagen im Fall F.J. und die weiteren verfügbaren Zeugnisse liest, kann sich unschwer vorstellen, dass den Richtern des Reichskriegsgerichts in Berlin nicht wohl in ihrer Haut sein konnte. Schon zuvor hatte offensichtlich „die Truppe“ alles versucht, den „seltsamen Heiligen“ auf seiner „Irrfahrt“ zu stoppen. Immerhin wurde die fünftägige Abwesenheit nach abgelaufenem Dienstantrittstermin vertuscht; man versicherte J. auf bewährte soldatische und zugleich österreichische Art, dass sich die Effizienz seines militärischen Beitrages als 36jähriger Mannschaftsdienstgrad in einer heimatlichen Res.-Kfz-Abteilung in Grenzen halten dürfte. Durch solche Rettungsversuche wurde Jägerstätter in seinem Willen zum Zeugnis gegen den neuen Cäsar eher noch bestätigt und gestärkt. Für das Berliner Gericht ein „klassischer“ Fall von „Zersetzung der Wehrkraft“, wonach mit Todesstrafe bedroht war, „wer öffentlich dazu auffordert oder anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht …zu verweigern oder sonst öffentlich den Willen….zu wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht“. Besonders unverständlich musste es erscheinen, wenn in diesem Fall nicht ein Zeuge Jehovas sein „Gruppen-Bekenntnis“ ablegte, sondern der offensichtlich tief religiöse Angehörige der ansonsten doch staatsfrommen katholischen Kirche im neuheidnischen Rom dem neu-göttlichen Cäsar quasi in´s Antlitz widerstand. Die überlieferten Dialoge zwischen Gericht und „Zeuge“ erinnern tatsächlich bis in´s Detail an jene früheren, im antiken Rom aufgezeichneten Märtyrer-Akten.
Nach Stalingrad sank der Stern der großdeutschen Heere. Um so wichtiger erschien es der NS-Führung, „fanatischen Widerstandswillen“ zu fordern und zu fördern. Darum musste Jägerstätter sterben. Wehrmachts-Dekan Heinrich Kreutzberg, der Seelsorger der Militäruntersuchunghaftanstalt Berlin-Tegel, in vielen hundert Fällen der Begleiter in letzten Tagen und Stunden, hat F.J. als ganz außergewöhnlichen Menschen und Christen beschrieben. Dieselbe Erfahrung machte der Brandenburger Pfarrer Albrecht Jochmann, den man wenige Stunden vor der Hinrichtung zum gerade in Görden eingelieferten J. holte. Franz Jägerstätter starb als erster von Zwölfen, am 9. August 1943, um 16.00 Uhr, vor sechs Kriegsdienst verweigernden Zeugen Jehovas, in der modernsten deutschen Strafanstalt unter dem Fallbeil. Der Henker brauchte für jeden Delinquenten etwa zwei Minuten. Jägerstätter starb in tiefem Vertrauen auf Gott und in dem Bewusstsein, als Sein Werkzeug der Wahrheit gedient zu haben. Ob es wirklich eine so gute Idee war, die Seligsprechung auf den Nationalfeiertag der Zweiten österreichischen Republik zu legen, darf bezweifelt werden. Zeitgleich zum Linzer Hochamt fand auf dem Wiener Heldenplatz die feierliche Angelobung von 1400 Rekruten mit anschließender Militärparade statt. 500 000 Menschen sollen dabei gewesen sein. Man erinnert sich an diesem Tag an den Abzug der letzten Besatzungssoldaten 1955 und die Verkündigung „immerwährender Neutralität“. Unter EU- und NATO-Kommando dienen österreichische Wehrmänner in Bosnien-Hercegowina und in Afghanistan.
Man sei erfreut, so äußerte sich der päpstliche Delegat bei der liturgischen Zeremonie, dass in Franz Jägerstätter ein „Familienvater“ zur Ehre der Altäre erhoben sei. In Rom sieht man die „heroischen Tugendgrade“ offensichtlich immer noch als Privileg von Klerikern und Ordensleuten. Franz Jägerstätter hat sein Zeugnis wohl eher im öffentlichen Bekenntnis von göttlichem Gesetz und Würde des Menschen gegen ein politisches Regime und eine „verkehrte“ Gesellschaft gesehen. Er geriet dabei in ein allseitiges Abseits; nur seine Frau hielt zu ihm. Wer wirklich im und aus dem Gewissen heraus handelt, muss mit einer solchen Situation rechnen. Darüber sollten auch die nachdenken, die heute – und sei es als Richter – über Gehorsam und Gewissen des Soldaten nachdenken. Auf ein gutes Ende – wie in der Causa Jägerstätter – sollte nicht gesetzt werden. Dieser schlichte Mensch wird Nachfolger finden müssen, sonst wird die Menschlichkeit in dieser Welt verloren gehen.
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8.10.2007 von dragonX6.
Deutschland braucht Afrika, Afrika braucht Deutschland – und Europa, versteht sich. Mit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr veröffentlichte das Auswärtige Amt ein weiterentwickeltes Afrika-Konzept. Mit eindeutigen Schwerpunkten.Nur die Deutsche Bundeswehr sucht man hier vergebens, die gerade aus dem „Herzen der Finsternis“, dem Kongo, strahlend heimgekehrt war – und erfolgreich, versteht sich: „Der Einsatz im Kongo war notwendig, weil Europa ein besonderes Interesse an einer friedlichen Entwicklung in diesem Land hat. Die Lage im Kongo strahlt aus auf seine Nachbarländer. Eine Stabilisierung dieses jungen Staates hat eine positive Wirkung auf die ganze Region. Auch mit Blick auf die Migration in Richtung Deutschland und Europa sind wir an einer friedlichen und demokratischen Entwicklung im Kongo und in ganz Afrika interessiert. In diesem Sinne kann Europa stolz auf die Leistung der EUFOR-Truppe in den vergangenen vier Monaten sein. Dies ist ein gutes und vorbildliches Beispiel für eine erfolgreiche Friedensmission Europas.
Unsere Soldatinnen und Soldaten haben einen großen Anteil an diesem Erfolg. Sie haben die Herausforderungen des Einsatzes in Afrika mit Bravour bestanden. Ich bin sehr froh, dass nun alle wohlbehalten zurückkehren können. Vor allem haben wir Wort gehalten: Bis Weihnachten sind alle, die im Kongo-Einsatz waren, wieder bei ihren Familien in Deutschland.“ So Minister Jung. Wer erinnert sich noch an den „Probelauf“ unter dem Namen ARTEMIS in Bunia/Kongo, Sommer 2003, den Verteidigungsminister Peter Struck so ankündigte:Struck: Es ist bedeutsam, weil zum ersten Mal die Europäische Union auf Antrag der Vereinten Nationen eigenständig ein Mandat wahrnimmt. Wir haben noch ein anderes Mandat in Mazedonien, das ist allerdings ein eher unkompliziertes Mandat. Dieses im Kongo ist schwierig für die französischen Freunde. Aber wenn man den europäischen Pfeiler der NATO stärken will, so, wie wir das wollen, dann muss man bereit sein, auch Verantwortung zu übernehmen, wenn die Vereinten Nationen uns darum bitten.Frage: Wir besetzen nur eine Stadt, können dort eventuell Sicherheit schaffen, aber wenn im Umland das Morden weitergeht, das wäre ein katastrophales Zeichen.Struck: Das wäre ein schlimmes Zeichen. Wir hoffen nicht, dass es dazu kommt. Dieses Mandat ist auch nur bis Ende August begrenzt, aber niemand kann voraussagen, wie sich die Situation in Bunia und Umgebung entwickelt. Es kann durchaus sein, dass irgendwann der Generalsekretär der Vereinten Nationen Frankreich und andere Nationen, also Europa, auch darum bittet, dieses Mandat auszuweiten. Das wäre eine neue Situation, in der wir auch neu entscheiden müssten.“Diese Entscheidung war dann allerdings erst drei Jahre später fällig. Jetzt ging es um Schutz von Wahlen im selben Land; wiederum hatte die Französische Republik, mit belgischer Unterstützung, die Initiative ergriffen. BM Jung im Mai 2006:„Der Einsatz im Kongo ist notwendig, weil wir als Europäer und als Deutsche eine besondere Verantwortung und ein nachhaltiges Interesse an einer friedlichen Entwicklung in diesem Land haben. Die Lage im Kongo strahlt aus auf seine Nachbarländer. Eine Stabilisierung dieses jungen Staates, ein Ende der Auseinandersetzungen, bei denen bisher fast vier Millionen Menschen ums Leben gekommen sind, kann auch die unruhige Region befrieden.
Eine stabile, friedliche und demokratische Entwicklung im Kongo ist auch mit Blick auf das Thema Migration für uns in Deutschland von großer Wichtigkeit. Deshalb bin ich dankbar, dass wir uns in Europa gemeinsam einsetzen.“Bevor der Bundestag mit großer Mehrheit ein Mandat erteilte, hieß es aus den Reihen des Koalitionspartners am 1. Juni:„Für die Bundeswehr hat es eine besondere Bedeutung, dass der Bundestag dem Einsatz mit großer Mehrheit zustimmt”, betonte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Walter Kolbow vor der Abstimmung. Es entspräche dem Grundsatz der europäischen Sicherheitsstrategie, Probleme vor Ort zu bekämpfen, “bevor sie zu uns kommen”. Die breite Zustimmung ist ein Zeichen des Vertrauens in die deutschen Kräfte.“ Ende gut, alles gut! Nur was ist im Kongo gut? Hartwig Fischer MdB, Afrika-Spezialist seiner Fraktion (CDU/CSU), äußert sich im Mai 2007 vorsichtig optimistisch. Vielleicht sogar, bei Nachfrage, noch etwas vorsichtiger.Ein fachkundiger Kongolese kann ihm darin offensichtlich nicht folgen. Die Menschen sind enttäuscht und wütend, meint er. Es lohnt sich, die täglichen Berichte aus dem Land schlicht hintereinander zu lesen. Ein Beispiel aus diesen Tagen: „Die Monuc hat die illegale Verhaftung von 3 Militärstaatsanwälten der Garnison Kisangani (Orientale) am 30.9. und 1.10. aufs schärfste verurteilt. Die Staatsanwälte wurden auf Befehl des Armeekommandanten der Region in ihren Häusern verhaftet, gefesselt und vor Mitgliedern ihrer Familien geschlagen. Einer der drei konnte sich befreien und flüchten. Die anderen wurden beinahe nackt in die Kaserne gebracht und in der Nacht schwer mißhandelt. Die Monuc, die die Opfer am 1. Okotber im Krankenhaus besuchen konnte, stellte Spuren schwerer Mißhandlung fest. General Kifwa, der Kommandant der 9. Militärzone, wirft den Staatsanwälten vor, Soldaten zur Regelung einer zivilen Angelegenheit benutzt zu haben sowie Mangel an Respekt ihm gegenüber. (afp)“ Auch die deutsche Presse berichtet von neuen schweren Kämpfen im Ost-Kongo und hunderttausendfacher Flucht. Die Kanzlerin reist nach Afrika. Fünf Tage. Man halte Wort gegenüber Afrika, wird verlautbart. Die Reiseroute führt weit um den Kongo herum.
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